Gutes Leben für alle – Konkrete Utopie statt Träumerei.

10.04.2017 | Monika Austaller
article_1899_glfa.edit_150.jpg Vom 9.-11. Februar 2017 fand an der Wirtschaftsuniversität Wien der zweite Kongress zum „Guten Leben für alle“ statt. 900 Interessierte aus Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Politik diskutierten, wie Leben und Arbeit demokratisch für ein globales, nachhaltiges Zusammenleben gestaltet werden kann.

Nach dem ersten Kongress im Februar 2015 wurden auf der diesjährigen Nachfolgeveranstaltung, in Podiumsdiskussionen, Workshops, Debatten und Exkursionen, gemeinsame Visionen erarbeitet. Veranstalter Andreas Novy (Grüne Bildungswerkstatt, WU) führte am Eröffnungspodium mit fünf Thesen in das Thema ein, die folgend vorgestellt und mit den Ergebnissen des Kongresses verknüpft werden.

These #1: Gesellschaften brauchen Utopien, die Orientierung geben und Potenziale nutzen.

Vor dem Hintergrund internationaler Ausbeutungsstrukturen, Verunsicherung, Polarisierung und Katastrophismus, wo Veränderungen auf chaotische Weise Gesellschaften durchrütteln wie durch Krieg und Flucht, Wirtschaftskrise und Brexit, brauche es mehr als den Willen, das Schlimmste kurzfristig zu verhindern - so die Grundthese des Kongresses. „Gesellschaften brauchen Utopien!“, forderte Novy. „Damit meinen wir, dass die grundlegenden Dinge, die man im Leben braucht, gesichert sind“ so Veranstalterin Alexandra Strickner (Attac, WU) „dass alle Zugang haben zu Wasser, Essen, Gesundheit, einem Dach über dem Kopf, Bildung, und natürlich auch demokratischen Rechten. Alles was in den umfassenden Menschenrechten verankert ist, soll wirklich umgesetzt werden.“

These #2: Das gute Leben für alle ist die konkrete Utopie einer Zivilisation, die nicht auf Kosten anderer lebt.

Dabei gehe es nicht um eine naive Träumerei. Stattdessen sei es die konkrete Utopie einer Zivilisation, die nicht auf Kosten anderer lebt, sondern nach einem ökologischen Imperativ à la „Lebe so, dass dein Lebensstil verallgemeinerbar sein könnte.“ Momentan würde die globale Verallgemeinerung des österreichischen Lebensstils, wie zum Beispiel die Menge an Autos, zu einem ökologischen Kollaps führen. Daraus ergibt sich die Frage, wie in Österreich Leben und Arbeit gestaltet werden müssen, damit sieben Milliarden Menschen auf der ganzen Welt ebenfalls in Freiheit leben können. Ein Fazit der Workshop-Gruppe, die mit Ulrich Brand (Universität Wien) zu Widersprüchen der „Green Economy“ arbeiteten: Um diese imperiale Lebensweise, die auf Ressourcen anderer zugreift, zu überwinden, brauche es verpflichtende Gesetze für transnationale Konzerne, unter anderem bezüglich Umweltschutz.

These #3: Freiheit für alle braucht Grenzen, die demokratisch verhandelt werden.

Das aktuelle System des Kapitalismus und Kolonialismus sei charakterisiert durch Konflikte und ungleiche Machtverhältnisse, so Novy. Der Soziologe Hartmut Rosa legte in seinen Beiträgen am Kongress dar, wie der Kapitalismus zwar zu individueller Freiheit und Wohlstand in den westlichen Gesellschaften geführt habe, aber auch zu Hyperglobalisierung, Wachstumszwang und Konkurrenz in allen Lebensbereichen, die Selbstbestimmung und Gestaltungsfähigkeit lähmen.
Jedoch können Beispiele der Geschichte, wie das Rote Wien der 1920er Jahre, für die heutige Situation Orientierung und Hoffnung geben: Damals konnten durch Gesetze und Institutionen, Sozialleistungen und Gemeindebauten, gleiche Bürgerrechte für alle verwirklicht werden. Die Erfahrung zeige also, dass sich eine Gesellschaft mit klaren Vorstellungen gezielt in eine Richtung verändern kann. Eine derartige Transformation per design erfordere aber politisches Engagement der Bevölkerung.

These #4: Selektive wirtschaftliche Regionalisierung ermöglicht Eigenständigkeit und Weltoffenheit.

Da weder von Regierungen, noch von internationalen Foren die ökologische Frage, Ungleichheit und Überwindung des Wirtschaftswachstumszwanges ernsthaft angegangen werden, bleibe als Alternative nur ein radikaler Perspektivenwechsel: Globale Probleme werden mittels vielfältigen, regionalen Praktiken demokratisch gelöst werden müssen. Dafür brauche es Regeln, die Selbstbestimmung von Gesellschaften ermöglichen, wie eine nationale Industriepolitik und ein Ende von Steueroasen. Eine koordinierte wirtschaftliche Deglobalisierung sei unumgänglich für emanzipatorische Handlungsspielräume von unten, wie genossenschaftliche Organisation. In letztere gab Mikel Lezamiz, Vertreter der spanischen 'Mondragon'-Genossenschaft mit über 75.000 ArbeiterInnen, in einer Podiumsdiskussion am Kongress Einblick.

These #5: Auf dem Weg zum guten Leben für alle braucht es erweiterte Handlungsspielräume „von unten“.

Konkrete Ideen auf dem Weg zu einer global verträglichen, regional umgesetzten Lebensweise sind Foodcoops, gerechte Verteilung von Arbeit und Ressourcen, oder ökologische Kostenwahrheit. Um derartige Projekte von unten zu starten, brauche es entsprechende Bildung. Denn Wissen, so ein zentraler Punkt der 'Plural Knowledge-Diskussionen', ist immer mit Macht verbunden. Manches Wissen wird somit unterdrückt. Es müsse erarbeitet werden, welche Werte, Informationen und Fähigkeiten weitergegeben werden müssten, um neue Generationen für die Zukunft und eine sozial-ökologische Transformation vorzubereiten, so der Plural Knowledge-Diskurs.

Weiters wurde mit Maria Vassilakou (Vizebürgermeisterin von Wien) besprochen, wie sich Menschen in öffentlichen Räumen gemeinsam engagieren können, zum Beispiel in lokalen Kulturinitiativen oder sozialen Innovationen kooperativen Wirtschaftens.

Schließlich lautete ein allgemeiner Fazit: Weltoffenheit und Eigenständigkeit regionaler Wirtschaftskreisläufe, Solidarität und Gemeinwohl sind die Prinzipien, anhand derer in zahlreichen Projekten über den Kongress hinaus, am Prozess einer sozial-ökologischen Transformation gebastelt werden soll!

 

Die Autorin studiert 'Socio-Ecological Economics and Policy' und ist Mitglied im Online-Redaktionsteam. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

 



Weiterführende Links:
-    Ein Artikel der Autorin über den Kongress im Südwind-Magazin 03/2017: http://www.suedwind-magazin.at/konkrete-utopie
-    Zur Kongress-Homepage: http://guteslebenfueralle.org/de/
-    Dokumentation des Kongresses: http://www.guteslebenfueralle.org/de/dokumentation-kongress-2017.html

 


 

Foto: Monika Austaller, © Paulo Freire Zentrum