Enthüllungen einer Bildungs-Reise: Dialog und Fragestellen als Ursprung des Lernens.

Im Bereich der Bildung dreht sich die konventionelle Erzählung oft um strukturierte Lehrpläne, standardisierte Tests und vorbestimmte Ergebnisse. Den Eröffnungsvortrag der freirianischen Woche „Thinking with Paulo Freire: On Dialogue and Questioning as Beginning“ hat jedoch eine alternative Perspektive ans Licht gebracht – eine, die den Dialog und das Hinterfragen in den Mittelpunkt des Bildungserlebnisses stellt.

Die Bezeichnung als Vortrag mag die philosophische Reise, auf die sich die Teilnehmer*innen eingelassen haben, zu sehr begrenzen. „Es ist schwierig, den Anfang zu beginnen. Wir beginnen den Anfang; wir sind ganz am Anfang des Anfangs.“ Mit dieser einfachen, aber tiefgreifenden Aussage bereitet der Bildungsphilosophen Walter Omar Kohan den Boden für eine Erkundung der Verflechtung von Form und Inhalt in der Bildung. Dabei taucht er in die Essenz der Schule als Raum freier Zeit ein und fordert die traditionelle Vorstellung einer Dichotomie zwischen Form und Inhalt heraus.

Schole: Zeit oder Ort?

Walter Kohans Betonung der griechischen Herkunft des Wortes „schole“ (Schule), das für freie Zeit steht, stellt die herkömmlichen Vorstellungen von Schulbildung als strukturierten Prozess, der allein auf den Inhalt oder die Leistung abzielt, in Frage. Schole sei der Ort der Trennung zwischen der produktiven Zeit (chronos) außerhalb der Institution und der gefühlt unendlichen Zeit des Lernens (aion) innerhalb. Dies fordert eine Neubewertung des Zwecks von Bildungsräumen – sind sie nur Orte zur Weitergabe von Informationen und zur Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt, oder sollten sie als sicherer Raum für freies Denken, Fragen und Forschen dienen? Das führte zu einer nachdenklichen Reflexion über das Konzept der schole und die Bedeutung der Schaffung von Räumen, die frei von gesellschaftlichen Verpflichtungen sind.

Im Laufe des Dialogs ermutigte Kohan die Zuhörer*innen zur Bewegung im Hörsaal und befürwortete damit einen Wechsel innerhalb der starren Strukturen, die oft mit dem Bildungsraum (in Schulen oder Universitäten) verbunden sind. Denn durch einen Ortswechsel verändert sich auch der Blickwinkel, zeigte er sich überzeugt. Dies wurde zu einer Metapher für das bevorstehende Gesprächsthema, das eine neue Wendung mit sich brachte. Kohan lenkte die Aufmerksamkeit des Auditoriums auf die Bedeutung der Form gegenüber dem Inhalt und fragte, ob die Veranstaltung schon begonnen habe. Die Antworten der Teilnehmer*innen fielen sehr unterschiedlich aus, wodurch am Ende eine neue große Frage aufgeworfen wurde: Wo genau ist der Anfang?
Eine Zuhörerin unterbrach die Verwirrung Vieler und hinterfragte die Dichotomie von Inhalt und Form, indem sie Kohan nach dem Verhältnis von Methode und Form fragte.

„Das ist eine großartige Frage, aber: Große Fragen beantworte ich nicht“, entgegnete Kohan. Stattdessen bot er ihr weitere Fragen an: Was ist der Unterschied zwischen Methode und Form? Könnte Methode eine Form sein? Und wenn Form auch ein Inhalt sein kann: Könnte eine Methode dann ein Inhalt sein?
Die provokante Frage, ob Methode und Inhalt getrennte Entitäten oder eng miteinander verflochten sind, sorgte für ratlose Gesichter, die nach einer Antwort suchten. Diese Frage wurde nicht beantwortet. Oder doch?

Die Pädagogik der Frage.

Die Vorlesung wandte sich Freires Kritik an der vorherrschenden „Pädagogik der Antwort“ zu, die im Gegensatz zum transformatorischen Potenzial der „Pädagogik der Frage“ steht. Kohan, der Freires Standpunkt vertritt, warnte davor, Antworten zu geben, da dies die Neugier ersticken oder, in Freires eigenen Worten, „kastrieren“ könne.

Lehrer*innen haben oft die Tendenz, die Pädagogik der Antwort und nicht die Pädagogik der Frage anzuwenden. Kohan paraphrasiert Freire und erklärt, dass Lehrer*innen glauben, Antworten geben zu müssen. Sie antworten auf Fragen, die im Laufe der Zeit in Vergessenheit geraten seien, oder die überhaupt nie jemand gestellt hat. In solchen Fällen verlieren sie den roten Faden und seien sich nicht einmal sicher, auf welche Frage sie überhaupt antworten sollen. In diesem Zusammenhang werde die Lehre als eine Praxis betrachtet, die maßgeblich mit dem Geben von Antworten verknüpfen sei.

Dabei sollte die Verbindung zwischen Frage und Antwort sowie die Pflege der Neugier im Zentrum stehen. Denn in der Pädagogik der Antwort besteht die Gefahr, die notwendige Neugier der Lernenden zu unterdrücken, indem ihre eigentlichen Fragen unbeachtet bleiben. Wie Freire in Pädagogik der Autonomie (1997) darlegt, heißt Lehren nicht, Wissen weiterzugeben, sondern Möglichkeiten zu schaffen, Wissen zu erzeugen oder zu bilden.

Im Kern dieses Teils der Diskussion stand die Vorstellung, dass, anstatt eine Methode zu haben, jeder Lehrer selbst eine Methode (aus dem griechischen méthodos, „Weg einer Untersuchung“) sei– ein individualisierter Weg (hodós), den die Schüler*innen beschreiten können. Dieses Bild trug dazu bei, die Pädagog*innen und Wissenschaftler*innen im Saal zu ermutigen, ihre einzigartige Rolle als Wegweiser auf der Bildungsreise anzunehmen.

Jenseits von Chronos: eine Symphonie des unendlichen Lernens.

An diesem Punkt des Textes mag man sich fragen, auf welches Ergebnis Walter Kohan hinauswollte. Was gewinnt man aus der Lektüre über seinen Vortrag? Warum liest man diesen Artikel? Ähnlich erging es wohl den Zuhörer*innen während des Vortrags. Was im Hörsaal gemeinsam erarbeitet wurde ist eine philosophische Reflexion, die Schaffung eines Raums für den Dialog. Bis zu diesem Punkt der Vorlesung stellt Kohan immer wieder die Frage „Haben wir mit der Vorlesung eigentlich angefangen?“ Beginnt Bildung, wenn der Professor zu sprechen beginnt, oder wenn die Studierenden zuhören? Beginnt ein Artikel, wenn man ihn zu lesen beginnt, oder wenn die Autor*in ihn schreibt? Vielleicht beginnt er mit dem berichteten Vortrag?

Der Vortrag, der keiner mehr war, entwickelte sich zu kollektiver Kritik an Chronos, der tickenden Uhr, und lud dazu ein, die Möglichkeiten des Denkens durch Fragestellungen zu erforschen. Der Lernprozess und der damit konstruierte Dialog werden zu einem andauernden Prozess, der nicht auf einen isolierten Beginn beschränkt ist, sondern eine Symphonie von Anfängen bildet – eine harmonische Reise, die beginnt, wieder beginnt, weitergeht und von Neuem beginnt.
Im Herzen dieser philosophischen Übung steht die dynamische Kraft des Fragens; ein Kompass, der die Neugier fördert. Bildung wird so zu einer lebendigen Erfahrung. In seinen Ausführungen forderte Kohan die Fesseln der chronologischen Zeit heraus und lenkte die Aufmerksamkeit auf die Essenz der Reise. Der lineare Fortschritt der Bildung weicht einem zyklischen Ansatz, bei dem Wiederholung und Reflexion nicht bloße Routinen, sondern integrale Bestandteile des Lernprozesses sind.

Schole, Aion und Kindheit.

Das Konzept der Kindheit als Schnittstelle zwischen aion und schole geht über das Verständnis des Kindesalters hinaus. Diese Perspektive, im Einklang mit Paulo Freires Philosophie, stellt die Kindheit nicht als isoliertes Lebensphase dar, sondern vielmehr eine Erfahrung, die von einem kontinuierlichen Neubeginn geprägt ist.

Walter Kohans Vortrag erschüttert traditionelle Paradigmen der Bildung, indem er den Dialog und das Hinterfragen in den Mittelpunkt stellt. Er lädt Pädagog*innen und Lernende dazu ein, sich auf eine gemeinsame Reise fortwährender Anfänge zu begeben, bei der das dynamische Zusammenspiel von Form und Inhalt, Methode und Fragestellung das Gewebe der Bildung neu formt. Die Annahme dieser alternativen Perspektive eröffnet die Möglichkeit, eine Umgebung zu schaffen, in der die Neugier gedeiht und die Suche nach Wissen zu einer fortlaufenden Reise wird. Letztlich verdeutlicht die Veranstaltung, dass Bildung ein fortwährender Prozess des Beginnens und der Förderung von Anfängen ist – eine Praxis, bei der Fragen als Motor des Wissenserwerbs dienen und die Philosophie als praktische Anwendung von schole fungiert.

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

Das Zitat zur Aufgabe der Lehrer*innen stammt aus dem Buch Pädagogik der Autonomie von Paulo Freire (1997)

Weitere Buchempfehlungen:

Childhood, Education and Philosophy: New Ideas for and old relationship“ von Walter Kohan (2017)

„Paulo Freire: A Philosophical Biography“ von Walter Kohan (2021)

Das Titelbild zeigt ein analoges Foto, das in den 1980er Jahren in der Bravo Páez IED Schule (Bogotá, Kolumbien) aufgenommen wurde. Es drückt für die Autorin Ort und Zeit der Schole aus. © Chiara Benedek

Veröffentlicht in Paulo Freire, Bildungsungerechtigkeit.