Auf den ersten Blick mag es verwunderlich erscheinen, die internationale Gemeinschaft jener Menschen, die sich für das Erbe Paulo Freires in Bildung und Wissenschaft einsetzen, in eine kleine Stadt im zentralen Hochland Mexikos einzuladen. Doch Cuernavaca spielt eine wichtige Rolle in Geschichte und Aktualität des Werkes des brasilianischen Pädagogen. Die „Stadt des ewigen Frühlings“, die ihren merkwürdigen Namen der Tatsache verdankt, dass der spanische Konquistador Hernán Cortés das indigene Toponym Cuauhnāhuac nicht aussprechen konnte, war schon zur Zeit des Aztekenreiches und während der spanischen Kolonie ein Sehnsuchtsort für die Herrschenden aus der nahen Hauptstadt. Im 20. Jahrhundert aber, als Mexiko im Gegensatz zu vielen anderen lateinamerikanischen Staaten keine Militärdiktatur durchmachen musste, wurde Cuernavaca schließlich zu einem Zufluchtsort und Zentrum herrschaftskritischen Denkens. So führte auch Freires Weg aus der politischen Verfolgung in Brasilien nach Cuernavaca, in das von Ivan Illich dort gegründete Interkulturelle Dokumentationszentrum (Centro Intercultural de Documentación, CIDOC). Doch Illich war bei weitem nicht der einzige radikale Denker in der Stadt, dessen Ideen profunden Einfluss auf das Werk Paulo Freires nehmen sollten: Der Psychoanalytiker Erich Fromm und der Philosoph Augusto Salazar Bondy wurden ebenso von der intellektuellen Atmosphäre Cuernavacas angezogen wie der Befreiungstheologe und „rote“ Bischof der Stadt, Sergio Méndez Arceo. Das 13. weltweite Paulo Freire Forum profitierte von dieser starken Tradition des Befreiungsdenkens und ermöglichte den Teilnehmenden einen inspirierenden Austausch mit Menschen, die diese spannenden Zeiten miterlebten und sich bis heute für eine emanzipatorische Bildung in Mexiko engagieren.
Weggefährt*innen Paulo Freires.
Für viele der jüngeren Tagungsbesucher*innen war der Aufenthalt in Cuernavaca eine einmalige Gelegenheit, aus Erzählungen von Weggefährt*innen Freires etwas über die Persönlichkeit des brasilianischen Pädagogen zu erfahren. Wenn man sich jahrelang mit dem Werk eines Menschen auseinandersetzt und sein Denken als Inspiration und Wegweiser für das eigene pädagogische und politische Handeln begreift, ist es ein zutiefst menschliches Bedürfnis, verstehen zu wollen, was das für ein Mensch war, dessen Ideen man so zu schätzen gelernt hat. Wie schließlich in einer Reihe von Gesprächen erkennbar wurde, war er, und das wäre ihm auch wichtig zu betonen gewesen, weit mehr als ein analytischer Geist und wortgewandter Intellektueller: Er liebte es, zu kochen und zu tanzen, lud seine Studierenden zu sich nach Hause ein, konnte gut zuhören und begegnete allen Menschen auf Augenhöhe.
Arturo Ornelas Lizardi, der Organisator des Forums, war wie Freire in den 1970er Jahren in der Schweiz im Exil, als er zunächst begann, bei ihm zu studieren und in der Folge 22 Jahre lang mit seinem Mentor in Alphabetisierungsprojekten in vielen Ländern des globalen Südens zu arbeiten. Von ihm konnte man wunderbare Anekdoten über das Leben Freires erfahren, und auch in seinem Unterrichtsstil orientierte er sich, wie bei Besuchen an der Universität und einer von ihm gegründeten Schule beobachtet werden konnte, stark an seinem Maestro.
Forschung und ihre gesellschaftspolitische Verantwortung.
Auch wenn ein Freire-Forum sich in vielerlei Hinsicht von einer typischen Tagung im Wissenschaftsbetrieb unterscheidet, gibt es doch auch bei dieser Art von Zusammenkunft Raum für klassische Darstellungsformen neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse. Das Format des Vortrages im Plenum ist zwar nicht besonders dialogisch und musste sich daher auch hinter anderen Formen des Wissensaustausches wie Gruppendiskussionen, Workshops und künstlerischen Darbietungen einreihen, doch konnte damit ein Einblick in die äußerst vielfältige Forschungslandschaft zum Werk Paulo Freires geboten werden. Denn auch 26 Jahre nach seinem Tod ist Freire eine nie versiegende Quelle der Inspiration für die Bearbeitung zentraler Fragen menschlicher Existenz und gesellschaftlichen Zusammenlebens, wie zahlreiche Präsentationen zeigten: Ob Arbeiten über das Menschenbild Freires, über die Spiritualität in seinem Werk bis hin zu den Auswirkungen seines Engagements auf marginalisierte Gruppen in São Tomé und Príncipe oder Costa Rica, alle Vortragenden einte ein radikaler Zugang zum Themenkomplex Bildung und Emanzipation. Denn wenn man sich mit Freire beschäftigt wird offensichtlich, dass Bildungssysteme geschaffen wurden, um zu standardisieren und zu unterdrücken, und nicht um Menschen zu befreien. Für die Teilnehmenden des Forums ergibt sich daraus ein klarer Handlungsauftrag: „Wir haben eine große Verantwortung, diese Systeme umzugestalten“ mahnte Vernor Muñoz, ehemaliger UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Bildung. Das könne auch bedeuten, dass wir bekämpfen müssen, was wir gelernt haben.
Freire in der Bildungslandschaft Mexikos.
In Mexiko umfasst der Kampf um das Recht auf Bildung auch eine kritische Auseinandersetzung mit der kulturellen Dominanz europäischen Denkens. Denn über viele Jahrhunderte wurde in mexikanischen Bildungseinrichtungen gelehrt, dass indigenes Wissen nichts wert sei. Indigene Bewegungen wie die Zapatistas fordern daher eine Rückbesinnung auf die eigenen intellektuellen Traditionen, und treten für eine Bildung ein, die für den jeweiligen regionalen lebensweltlichen Kontext von Relevanz ist. Um indigene Sprachen, Philosophie, Geschichte, landwirtschaftliche und medizinische Techniken und auch das Leben in Gemeinschaft zu bewahren, wurden im ganzen Land auf Eigeninitiative indigener und kleinbäuerlicher Gruppen selbstverwaltete Schulen gegründet, die neben dem staatlichen Lehrplan auch alternative Fächer anbieten. Häufig orientieren sich diese Schulen explizit an der Pädagogik Paulo Freires und tragen mitunter auch seinen Namen.
Während für die Primar- und Sekundarstufe mittlerweile ein gesetzlicher Rahmen für diese Schultypen geschaffen wurde, ist anhand der Universitäten die Umkämpftheit von Bildung als Statussymbol in ungleichen Gesellschaften deutlich erkennbar: Über 6 Millionen junge Mexikaner*innen können nicht studieren, weil die öffentlichen Universitäten über zu wenige Plätze verfügen und die privaten zu teuer sind. Die gemeinschaftlichen Universitäten (Universidades Comunitarias), die analog zu den indigenen und kleinbäuerlichen Schulen entstanden sind, erhalten jedoch keine staatliche Anerkennung, wodurch die Abschlüsse dieser Institutionen in der Verwertungslogik des Arbeitsmarktes kaum konkurrenzfähig sind. 2016 haben sich 36 dieser alternativen Universitäten, die der Nutzbarmachung die Emanzipation des Menschen durch Bildung entgegenhalten, zu einem Netzwerk (Red de Universidades Alternativas, RUA) zusammengeschlossen, das mittlerweile auf 47 Institutionen angewachsen ist. Gemeinsam versuchen sie, durch Proteste und Verhandlungen mit dem Bildungsministerium endlich eine Anerkennung der an ihnen erworbenen Abschlüsse zu erzielen. Denn die vielen jungen Menschen, die weder arbeiten noch studieren können, geraten nur allzu leicht in die Abhängigkeit des organisierten Verbrechens, das den Staat zu zersetzen droht. Victor López García von RUA ist selbst Hochschullehrer an einer öffentlichen Universität und lehrt nebenbei wie viele andere unentgeltlich an einer RUA-Institution. Am Freire-Forum hat er darauf hingewiesen, wie sehr das Engagement seiner Organisation von Freire inspiriert ist: „Die alternativen Universitäten entsprechen einer freireanischen Vorstellung: Sie gehören den Unterdrückten!“
Doch der Kampf für eine Bildung, die, wie Freire sagen würde, uns zu denken und nicht zu gehorchen lehrt, ist ein gefährlicher Kampf. Am 26. September 2023 jährte sich zum 9. Mal das gewaltsame Verschwindenlassen von 43 Lehramtsstudenten der Escuela Normal Rural de Ayotzinapa, die in Bussen am Weg zu einer Demonstration in Mexiko-Stadt waren. Ein Staatsverbrechen, in das Polizei, Armee, Geheimdienst und Regierungsmitglieder involviert waren, und das die Verbindungen dieser Institutionen zum organisierten Verbrechen einmal mehr offenlegte. Die Geschichte der Bildungseinrichtung, der die Studenten angehörten, ist aufgrund ihrer Ausrichtung an der Idee der sozialen Transformation durch Bildung von zahlreichen Differenzen mit rechtsgerichteten Regierungen geprägt. Am Gedenktag zeugten Demonstrationen im ganzen Land auch heuer wieder von der großen Solidarität mit den Opfern, und neben der Forderung nach Aufklärung und politischen Konsequenzen wurde auch für den Fortbestand der Escuelas Normales Rurales und ihrer pädagogischen Haltung demonstriert.
Bei all den Herausforderungen, die bei der Auseinandersetzung mit Bildung in einer so ungleichen Gesellschaft wie der mexikanischen sichtbar werden, kann in jedem Fall auf einen Umstand verwiesen werden, der Anlass zur Zuversicht gibt: Paulo Freire lebt!
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