Die globale Klimakrise stellt die Welt vor große Herausforderungen. Zur Bekämpfung der rapiden Erderwärmung ist eine Dekarbonisierung der Weltwirtschaft, also ein Umstieg von fossilen hin zu erneuerbaren Energien, von zentraler Bedeutung. Diese Energiewende ist nicht nur eine schwierige Aufgabe, sondern bietet auch die Chance einer positiven Veränderung hin zu einer nachhaltigen und fairen Weltwirtschaft. Sowohl in Österreich und Europa als auch global setzen sich Gewerkschaften dafür ein, dass neben der ökologischen auch die soziale Dimension in der Energiewende mitgedacht wird. Im Sinne der internationalen Solidarität muss ein sozial-ökologisch gerechter Übergang für alle möglich werden. Dazu ist es unerlässlich, globale Verhältnisse zu beachten und sich die Situation anderer Länder bewusst zu machen.
Dieser Artikel wirft hierfür einen Blick nach Chile. Obwohl das Land von uns aus gesehen am anderen Ende der Welt liegt, ist es von großer Bedeutung für die europäische und österreichische Energiewende. Denn Chile verfügt über viele Rohstoffe, denen im Übergang zur Klimaneutralität eine zentrale Rolle beigemessen wird: Kupfer für Stromleitungen, Lithium für Batterien, oder grünen Wasserstoff als Energieträger für die Industrie. Dementsprechend groß ist das Interesse vieler Akteur*innen der Weltwirtschaft, sich den Zugriff auf diese sogenannten „kritischen Rohstoffe“ zu sichern. Die EU-Kommission setzt dafür seit einigen Jahren viele Hebel in Bewegung. In dem im Dezember 2023 beschlossenen Gesetz zu kritischen Rohstoffen (Critical Raw Materials Act) sind konkrete Maßnahmen vorgesehen, um bestehende Abhängigkeiten zu verringern. Neben gesteigertem Abbau und Weiterverarbeitung in der EU sollen importierte Rohstoffe aus mehr verschiedenen Ländern kommen, damit es nicht zu Versorgungsengpässen kommt. Dazu will die EU verschiedene Werkzeuge nutzen, unter anderem Handelsabkommen, Investitionsgarantien und internationale Kooperationen verschiedener Art. So wurde beispielsweise Im Jänner 2024 eine Aktualisierung und Ausweitung des EU-Chile Handelsabkommens beschlossen. Darin ist dem Handel mit kritischen Rohstoffen ein ganzes Kapitel gewidmet, und auch die Zusammenarbeit bei grünem Wasserstoff spielt eine wichtige Rolle.
Zwar zeichnet die EU das Bild einer Win-Win Partnerschaft, doch der steigende Bedarf nach chilenischen Rohstoffen gefährdet die eigene Energiewende in dem südamerikanischen Land, droht bestehende wirtschaftliche Abhängigkeiten zu verstärken und nimmt eine intensivierte Ausbeutung von Menschen und Natur in Kauf. In zwei Artikeln wird am Beispiel Lithium gezeigt, was der europäische Zugriff auf Rohstoffe und Energieträger konkret für Arbeiter*innen und Gesellschaft in Chile bedeutet. Darauf aufbauend werden dann mögliche Zukunftschancen skizziert, um abschließend konkrete Forderungen vorzustellen, mit denen ein gerechter Übergang auch wirklich für alle möglich wird.
Hintergrund & Geschichte.
Wie auch andere Staaten in Lateinamerika ist Chiles Wirtschaft stark abhängig von Rohstoffexporten, was sich in einer verstärkten Ausbeutung von Arbeiter*innen und Natur niederschlägt. Von den billigen Rohstoffen aus Chile profitiert vor allem der globale Norden, historisch ist dies auf den Kolonialismus und die daraus entstandenen ungleichen Handelsstrukturen zurückzuführen. Die enormen Vorkommen von Kupfer und anderen Rohstoffen spielen schon lange eine zentrale Rolle in der chilenischen Wirtschaft. In seinem demokratisch-sozialistischen Projekt (1970-1973) ging Salvador Allende die Rohstoffexportabhängigkeit direkt an, indem er den gesamten Kupferbergbau nationalisierte. Dieser Schlag gegen die Macht internationaler, insbesondere amerikanischer Konzerne und deren Profite sorgte im Weißen Haus für Empörung. Auf Befehl von Präsident Nixon antwortete der damalige Außenminister Kissinger mit massivem wirtschaftlichem Druck und schließlich 1973 mit einem von der CIA orchestrierten Staatsstreich. Das Ende des progressiven Projektes unter Allende war der Anfang der Diktatur von Pinochet, unter dessen Herrschaft Gewerkschaften verfolgt und Chile zum Versuchslabor neoliberaler Ökonomen, etwa Milton Friedman, wurde. Unter deren Leitung wurden die Rechte von Arbeiter*innen weitgehend eliminiert, Gewerkschaften untergraben und alle Wirtschaftsbereiche sowie die öffentliche Infrastruktur bis hin zur Wasserversorgung den Profitzwängen des freien Marktes überlassen. Von den Privatisierungen, geringen Unternehmenssteuern und der arbeiterfeindlichen Gesetzgebung profitierte neben wenigen einheimischen Konzernfamilien insbesondere das internationale Kapital, allen voran multinationale Bergbaukonzerne. Chile erlebte eine breite Deindustrialisierung und die Abhängigkeit von Rohstoffexporten stieg noch weiter. Angesichts der Macht der Kapitaleliten konnten auch die Regierungen nach Pinochet an der Wirtschaftsstruktur wenig ändern: Stand 2021 sind 88,4% der Exporte Rohstoffe und andere Primärgüter, mehr als 57% der Exporte gehen allein auf den Kupferbergbau zurück.
Chiles Energiewende.
Die Rohstoffabhängigkeit ist damit weiterhin hoch und prägt somit auch die chilenische Energiewende. 2022 konsumierten die für den Exportmarkt produzierenden Bergbau- und Industriesektoren 38% der gesamten Energie im Land. Angesichts steigender globaler Nachfrage wird zukünftig mit einem noch höheren Bedarf im Sektor gerechnet. Zur Klimaneutralität bis 2050 ist es also ein weiter Weg, auch da derzeit noch mehr als 90% des Gesamtenergiekonsums und 48% der Stromproduktion von fossilen Brennstoffen gedeckt werden (Stand 2022). Seit 2014 expandieren aber erneuerbare Energien massiv, und nutzen damit das hohe Potenzial für Wind- und Solarenergie. Der Ausbau soll auch der Beginn einer großangelegten Produktion von grünem Wasserstoff werden. Dieser soll dann zum Teil in den heimischen Bergbausektor fließen, der sich davon in erster Linie ein grüneres Image erhofft. Der Großteil soll jedoch exportiert werden, unter anderem nach Europa, womit Chile zum global führenden Exporteur von grünem Wasserstoff aufsteigen will. Beim Lithium hat man dieses Ziel dank der enormen Vorkommen bereits erreicht, der Sektor soll aber angesichts der explodierenden weltweiten Nachfrage weiterwachsen. Jedoch sorgt der Lithiumabbau bereits jetzt für massive wirtschaftliche, soziale und ökologische Probleme, wie auch der Kupferbergbau und andere Sektoren, die auf Rohstoffausbeutung für den Export setzen.
Die Probleme mit dem Lithium.
Lithium spielt erst seit wenigen Jahren eine größere Rolle im Rohstoffsektor, ist aber mittlerweile allen bekannt. Das Mineral ist ein wesentlicher Bestandteil wiederaufladbarer Batterien und steckt in einer Vielzahl an elektronischen Geräten, vom Smartphone bis zum E-Auto. Im Kontext von Digitalisierung und Energiewende ist die projizierte zukünftige Nachfrage dementsprechend hoch. Davon ist der Löwenanteil auf E-Autos für den globalen Norden zurückzuführen – ein unleistbares Luxusprodukt für die meisten Menschen auf dieser Welt. Aufgrund der hohen Nachfrage und drohenden Versorgungsengpässen wird das Mineral von der EU als kritischer Rohstoff eingestuft. Lithium ist dabei aber weder selten noch kommt es nur in gewissen Gebieten vor, das Problem liegt vielmehr in den technischen Herausforderungen des Abbaus. Dieser ist nur dort sinnvoll, wo Lithium in konzentrierter Form existiert – wie etwa in der Atacamawüste im Norden Chiles. Oder besser unter der Atacamawüste, denn das Lithium findet sich dort in unterirdischen Solebecken. Um das Lithium zu gewinnen, wird die Sole an die Oberfläche gepumpt, wo das Wasser dann verdampft. Dann wird die übriggebliebene Sole gefiltert, in ein weiteres Becken gegeben und das ganze wiederholt, bis nach 12-18 Monaten konzentriertes Lithium gewonnen ist. Diese Methode ist zwar sehr günstig und wenig arbeitsintensiv, verbraucht dafür aber enorme Mengen an Wasser – und das in einer der trockensten Regionen der Erde.
Welche Folgen der Lithiumabbau hat, wer davon profitiert und was uns das über eine gerechte Energiewende für Chile lehrt, wird im nächsten Teil behandelt. Zum Teil 2
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Das Titelbild zeigt einen Ausschnitt aus dem weltgrößten Kupfer-Tagebau in Chuqicamata, in der chilenischen Region Antofagasta in der Atacama . © Bruna Fiscuk, unsplash.