Frei Day – Freiräume für Schüler*innen im Verhältnis von Bildung und Gesellschaft.

Ein Lernformat, das mit vielen Vorstellungen von Unterricht und seinen Zielen zu brechen scheint: Der Ansatz des Frei Day von der Initiative „Schule im Aufbruch“ sieht vor, dass sich Schüler*innen vier Stunden pro Woche mit selbstgewählten Fragen beschäftigen können, ohne dabei benotet zu werden. Was bedeutet dieser Zugang für das Verständnis von Freiheit in Bildungsprozessen?

Etwa 20 Schulen in Westösterreich haben bereits einen Frei Day pro Woche eingeführt, der nicht ganz zufällig an die Klimabewegung Fridays For Future erinnert. Margret Rasfeld von  „Schule im Aufbruch“ wurde durch einen Klimastreik in Berlin zu dem Konzept inspiriert, da sie beobachtete, dass sich Schüler*innen im Rahmen des Protests in Eigeninitiative mit wichtigen Zukunftsfragen wie der Klimakrise beschäftigten. Um sich für ihre Überzeugungen zu engagieren, sich Wissen anzueignen und in altersgemischten Gruppen die Demonstration organisieren zu können, mussten sie sich jedoch über den Rahmen des Unterrichts hinwegsetzen und ihre Schule bestreiken. Was wäre, fragte sich die ehemalige Schuldirektorin Rasfeld, wenn man den Schüler*innen diese Möglichkeit zum Verfolgen ihrer eigenen, selbstgewählten Interessen, diese Chance zur Entfaltung ihrer Selbstwirksamkeit zugesteht und ihnen den Raum dafür im Rahmen des Unterrichts bietet?

Wieviel Freiheit braucht Bildung?

Das Format des Frei Day als Ergebnis dieser Überlegungen lenkt die Aufmerksamkeit in aktuellen Debatten um unser Schulsystem auf die Frage nach der Berechtigung und der Notwendigkeit von Freiräumen in Bildungsprozessen. Diese Frage ist so alt wie die Schule selbst, und wird durch die Namensgebung des neuen Lernansatzes noch zusätzlich mit Bedeutung aufgeladen. Das Wort „frei“ kommt darin nämlich ebenso prominent vor wie in der Befreiungspädagogik Paulo Freires, weshalb sich ein Nachdenken über das Verhältnis von Bildung und Freiheit aus einer freireanischen Perspektive besonders lohnt.

Viele Teilnehmer*innen an Bildungsprozessen nehmen Schule nicht als einen Ort der Freiheit wahr. Sie müssen sich an die sozialen Normen des Unterrichts anpassen, und haben nur äußerst selten ein Mitspracherecht über die Inhalte, mit denen sie sich in dessen Rahmen beschäftigen. Dabei werden Freiräume im Bildungsbereich ohnehin höchst unterschiedlich betrachtet – einerseits gibt es die Vorstellung, dass Inhalte nicht den wirtschaftlichen Verwertungslogiken gehorchen und Menschen nicht für ein bestmögliches Funktionieren in einem ausbeuterischen System erzogen werden sollten. Beispielsweise illustriert das Festhalten an den alten Sprachen Latein und Altgriechisch diesen Zugang. Andererseits existiert die Forderung, dass Bildung nicht losgelöst von der Lebenswelt der Menschen sein soll, womit gerade etwa das Erlernen toter Sprachen gerne in Zusammenhang gebracht wird. In diesem Spannungsfeld bewegt sich der Frei Day unweigerlich, da er diese zwei zunächst widersprüchlich erscheinenden Anforderungen ausbalancieren muss, um interessierte Schulen und die zuständigen Behörden von der Sinnhaftigkeit des Formats überzeugen zu können. Das Entwickeln von selbstgewählten Projekten, die im Umfeld der Schule auch mit externen Personen durchgeführt werden können, sollte jedoch bei beiden Seiten auf Zustimmung stoßen können. Denn es kann durchaus argumentiert werden, dass damit sowohl der Gemeinschaft, aus der die Schüler*innen kommen, als auch gewissen in Lehrplänen verschriftlichten Kompetenzen Rechnung getragen wird. Umgesetzt werden kann das Konzept dann, wenn sich Schulleitungen einverstanden zeigen und genügend Lehrer*innen dazu bereit sind, die Stunden ihrer Fächer für die Einführung des Ansatzes abzugeben. Sie würden damit etwas tun, was Freire in seinem Entwurf einer befreienden Bildung an zentraler Stelle gefordert hat: Ihre Rolle von Vermittler*innen von Kenntnissen zu Begleiter*innen eigenständigen Erarbeitens zu transformieren.

Entscheidungsfreiheit und Verantwortung.

Diese Wandlung des Selbstverständnisses soll für Freire sicherstellen, die Autonomie der Lernenden zu wahren, ihr Wissen zu respektieren und ihre Neugierde zu fördern, was für ihn eine grundlegende Voraussetzung für Unterricht überhaupt darstellte. Ein konsequentes Verfolgen dieser Grundsätze führt insbesondere dann, wenn wie im Ansatz des Frei Day auf Benotung als Möglichkeit, erwünschte Ergebnisse sicherzustellen, verzichtet wird, zur Frage der Entscheidungsfreiheit. Freire setzt in hohem Maße auf diese Freiheit, auch wenn für ihn klar ist, dass Kinder und Jugendliche in ihrer Entscheidungsfreiheit nicht immer die beste Entscheidung treffen. Doch wenn Lehrende ihren Schüler*innen entscheidungsfördernde Erfahrungen ermöglichen, können sie dadurch, dass sie gemeinsam mit ihnen über die absehbaren und weniger absehbaren Konsequenzen ihres Handelns nachdenken, ein Verständnis für Verantwortung fördern. Somit wird Bildung zu einer Form des Eingreifens in das Weltgeschehen, das bei solchen Überlegungen unweigerlich zur Sprache kommt. Freire bezeichnete die Möglichkeit zur Veränderung der Welt, zur Überwindung von Unterdrückung als zentralen Grund für seine Begeisterung für pädagogische Fragestellungen. Dieses Engagement ist auch für die Unterstützer*innen des Frei Day wesentliches Anliegen ihres Ansatzes. Denn auch die Initiative „Schule im Aufbruch“ stellt aktuelle gesellschaftliche und ökologische Herausforderungen in den Vordergrund, um die großen Zukunftsfragen bearbeiten zu können.

Die Frage nach globaler Gerechtigkeit als Chance.

Im Ansatz des Frei Day wird beabsichtigt, den möglichen Inhalten des Projektunterrichts eine gewisse Richtung vorzugeben. Dies soll über die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) als Handlungsrahmen für die selbstgewählten Fragestellungen der Schüler*innen erreicht werden. Die SDGs eröffnen dabei ein breites Feld zukunftsrelevanter Themen, und stellen zumindest diskursiv klar, dass das Erreichen der Ziele eine Veränderung in allen Ländern benötigt. Für Freire war die Frage nach gesellschaftspolitischer Veränderung, die sich besonders auch in der drängenden Problematik der globalen Ungerechtigkeit zeigt, von Beginn an von größter Relevanz für Bildungsprozesse. Motivation seines pädagogischen Handelns war es, in Brasilien die Transformation zu einer demokratischen Gesellschaft zu ermöglichen, und die politische und ökonomische Unterdrückung vieler Menschen zu überwinden. Denn der Fokus auf den Export von Rohstoffen, wusste Freire, führt dazu, dass Großgrundbesitzer*innen und Vertreter*innen der exportorientierten Industrie ebenso vom Ungleichgewicht in der Weltordnung profitieren wie bestimmte Gruppen im Globalen Norden. Einer freien und fairen Bildung für die gesamte Bevölkerung, die dann in weiterer Folge das Selbstbewusstsein entwickeln könnte, sich gegen diese Ungleichheit zu wenden, stehen diese Profiteur*innen ablehnend gegenüber. Bildung sollte für Freire in Brasilien und in den zahlreichen lateinamerikanischen und afrikanischen Ländern, in denen er sich in weiterer Folge engagierte, ganz klar ein Motor der Veränderung sein.

Tatsächlich erhält Bildung im Globalen Süden sowie in den Ländern des Globalen Nordens jedoch oft die Funktion, den Fortbestand einer gesellschaftlichen Ordnung zu sichern, was sich etwa darin ausdrückt, dass Schule Qualifikationen zu verteilen hat und die Reproduktion von Normen garantieren soll. Dies kann in Bezug auf bestimmte Themen in manchen Gesellschaftsformationen, wie etwa die Förderung demokratischer Kultur in offenen Gesellschaften, positive Auswirkungen haben. In anderen Bereichen, wie etwa dem Umgang mit Ungleichheit oder der Klimakrise, ist es für kritische Akteur*innen im Bildungswesen aber höchste Zeit, dass Ansätze für einen Wertewandel ermöglicht werden. Insofern birgt die Orientierung an den SDGs die Chance, Schüler*innen zum Nachdenken über zivilisatorische Fragen zu begeistern und dem Konzept der Veränderung wieder eine zentrale Rolle in der Bildung zuzuweisen. Zu beachten bleibt aber, dass die SDGs im westlich geprägten Wachstumsdiskurs verhaftet bleiben. Daher ist es von großer Bedeutung, dass Lehrer*innen eine Sensibilität für diese Widersprüche mitbringen und Materialien in die Projekte im Rahmen des Frei Day einbringen können, um Schüler*innen eine kritische Bearbeitung der damit verbundenen Themen zu ermöglichen. Der Lernansatz des Frei Day ist also auf Lehrer*innen angewiesen, die sich über die Grenzen ihrer fachspezifischen Themengebiete hinaus mit zivilisatorischen Fragen beschäftigen wollen, und weist ihnen die Verantwortung zu, sich für gesellschaftlichen Wandel zu engagieren.

Daran knüpft auch die Einschätzung Freires an, der dem Einsatz für die Unterdrückten und der damit verbundenen Einstellung von Lehrpersonen mehr Bedeutung als dem Repertoire ihrer Methoden zumisst. Der Frei Day hat also das Potential, nicht nur die Schüler*innen, sondern auch die Lehrer*innen zu verändern, und ein wechselseitiges Lernen und damit eine Transformation von Gesellschaft auf den Weg zu bringen. Dafür ist jedoch nicht nur eine Reform des Schulunterrichts, sondern auch der Lehrer*innenbildung von großer Bedeutung, die beide von einer stärkeren Hinwendung zur Pädagogik Paulo Freires profitieren würden.

Der Autor ist Mitglied des Redaktionsteams. Reaktionen bitte an: redaktion@pfz.at

Weiterführende Links:

Zu Schule im Aufbruch

Zur Initiative Frei Day

Zum Buch „Frei Day“ als Lesehinweis zur Vertiefung

Das Titelbild versinnbildlicht durch den Blick durch den Zaun die Erfahrung vieler Schüler*innen, die Bildung nicht als einen Bereich erleben, der Freiheit respektiert. © Gerald Faschingeder

Veröffentlicht in Paulo Freire, Bildungsungerechtigkeit, Entwicklungspolitik.