Myanmar: Bildung in der Revolution.

Myanmar: Ein Land, von dem wir in den Medien meist nicht viel mitbekommen. Zwischen Bangladesch, China, Laos und Thailand gelegen, befindet sich die ehemalige britische Kolonie Birma heute im Bürgerkrieg. Der Bildungsminister der Exilregierung (NUG – National Unity Government, Dt.: Regierung der nationalen Einheit) Sai Khaing Myo Tun besuchte die Diplomatische Akademie in Wien, um über die Herausforderungen im Aufbau eines Bildungssystems während des Bürgerkriegs zu sprechen.

Myanmar seit dem Militärputsch.

Bevor Myo Tun mit seiner Präsentation im kleinen Musikzimmer der Diplomatischen Akademie begann, gaben die Veranstalter*innen von der diplomatischen Akademie noch einen Überblick über die jüngste Geschichte Myanmars. Nach dem Militärputsch am 01. Februar 2021 formierte sich auf den Straßen Widerstand gegen die Militärregierung. Die Protestierenden setzten sich für die demokratisch gewählte Regierung unter der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi ein. Doch die Putschisten reagierten mit Gewalt und schossen scharf gegen Demonstrierende.

Aus den Protesten entstand eine Revolution mit der Regierung der nationalen Einheit (NUG) an der Spitze. Die NUG, in der auch Myo Tun als Minister vertreten ist, war mit ihrer Revolution in Teilen Myanmars erfolgreich und schaffte es, die Grenzregionen zu China, Bangladesch und Thailand unter ihre Kontrolle zu bringen. In diesen befreiten Gebieten versucht die NUG nun, eine lokale Verwaltung zu errichten, unter deren Aufgaben etwa Wohlfahrt und auch Bildung fallen. Von der internationalen Gemeinschaft wird die NUG jedoch kaum bis gar nicht unterstützt.

Der Aufbau eines Bildungsministeriums.

Nach dieser Einführung stellte sich der Minister vor. Er war schon das zweite Mal in Wien, da Myo Tun im Jahr 2016 als Gastprofessor am Institut für internationale Entwicklung lehrte. Damals war seine Professur schon ein Meilenstein für die Demokratiebewegung in Myanmar, denn das Bildungssystem war noch streng zentralisiert und Beamte durften grundsätzlich das Land nicht verlassen. Seinen Vortrag begann er mit der Herausforderung, welche die Gründung des Bildungsministeriums darstellte. Die NUG formierte sich im April 2021, als lediglich drei Personen für den Bereich Bildung in ihrer Revolutionsregierung zur Verfügung standen. Gesucht wurden vor allem vertrauenswürdige Personen. Was die Suche erschwerte, war die Tatsache, dass die NUG über kein Budget verfügt und somit auch die Minister*innen keine Bezahlung erhalten können.

Zu Beginn der Revolution wurden zunächst alle Schulen und Universitäten von der Militärregierung geschlossen. Doch der unklare Verlauf der Revolution belastete die Arbeit des Ministeriums. „Ich dachte, dass die Revolution nach zwei, drei Tagen vorbei dein könnte“, erinnerte sich Myo Tun. Doch die Revolution hielt an, und mit den geschlossenen Schulen und Universitäten entstand eine immer größere Lücke für die Schüler*innen. Besonders aufgrund der sehr strengen Covid-19-Regelungen haben jüngere Schüler*innen noch nie eine Schule von innen gesehen.

Schulen werden gegründet.

So entstand die Notwendigkeit, eigene Schulen zu öffnen. Zu den Zahlen: Es wurden insgesamt 6,591 Schulen gegründet, welche von 812,266 Schüler*innen besucht werden. Dabei gibt es knapp 9 Millionen Personen im schulfähigen Alter. Die geringe Zahl der Besucher*innen gehe auf die Angst vor Repressionen durch die Militärregierung zurück. Viele junge Bürger*innen Myanmars würden vom Militär eingeschüchtert, damit sie die Schulen der Exilregierung nicht besuchen, so Myo Tun. Auch seien viele Schüler*innen ins Ausland migriert oder hätten sich dem bewaffneten Widerstand angeschlossen. Auch gingen einige Schüler*innen in die vom Militär gestellten Schulen.

Der Aufbau von Universitäten.

Eine wesentliche Vorrausetzung der Arbeit des Ministers ist die Formierung von Studienräten, damit diese ihre Mitbestimmungsrechte im Bildungswesen wahrnehmen können. Die Studienräte bestehen aus Studierenden, Lehrenden und Universitätsmitarbeiter*innen. Besonders betonte Myo Tun die Autonomie der Räte. Zwar gäbe es Guidelines vom Ministerium, dennoch seien die Universitäten autonom. 54,960 Studierende sind in den freien Universitäten eingeschrieben. Wie im Ministerium, ist auch in der Lehre Technologie sehr wichtig. Denn der Unterricht wird Großteils per Zoom, Google Meets und anderen Plattformen abgehalten. Zu Beginn wurde sowohl Schulunterricht als auch Universitätslehre ausschließlich online angeboten. Erst mit der Kontrolle der NUG über ganze Regionen des Landes, konnte in den Provinzen auch Präsenzunterricht abgehalten werden. Dieser findet oft in großen Hallen mit vielen Schüler*innen beziehungsweise Student*innen statt. Besonders beim Unterricht „on the ground“ sei die Unterstützung der lokalen Bevölkerung wichtig, um den Unterricht ohne Bedrohung durch die Militärs halten zu können. Auch die Lehrer*innen verdienen laut Dr. Myo Tun größten Respekt, denn auch sie bekommen kein Gehalt und setzen sich der Gefahr von Militärrepressionen aus.

Wie geht es weiter im Bildungsministerium?

Myo Tun beschreibt die Arbeit im online-Modus des Ministeriums als sehr belastend. Wenn er Termine mit dem Ausland hat, kann es sein, dass sein Arbeitstag um 3:30 Uhr morgens beginnt. So ist der Kampf gegen die Schlaflosigkeit ein ständiger Begleiter im Aufbau des Bildungswesens in Myanmar.

Mittlerweile konnte die NUG ein Steuersystem einführen, von dessen Einnahmen nun auch das Ministerium profitiert. Zwar erhalten die Mitarbeiter*innen noch immer keine Gehälter, jedoch kann Internet für Lehrer*innen und Schüler*innen bereitgestellt werden, damit der Unterricht stattfinden kann. Auch verfügt das Ministerium über einen Notfallfonds im Falle, dass Lehrer*innen vom Militär bedroht werden. Mit dem Fonds kann beispielsweise die Flucht dieser Lehrpersonen aus dem Land finanziert werden.

Seinen Vortrag beendete Myo Tun mit einem Appell an die internationale Gemeinschaft. Die Regierung der nationalen Einheit brauche Unterstützung. Man dürfe nicht die Frage stellen, ob man den Fokus auf Bildung oder Revolution legen solle, denn „Bildung ist Revolution“.

Bildung als Veränderung der Welt.

Es ist inspirierend zu sehen, wie Bildungsarbeit in einem von Gewalt und Repression geprägten Umfeld realisiert werden kann. Besonders der Mut der Lehrer*innen und Schüler*innen, sich ihr Recht auf Bildung zu erkämpfen, ist beeindruckend. Auf die Frage, warum Bildungsminister Myo Tun die Schwierigkeiten seines Amtes auf sich nimmt, antwortet er mit: „Warum wir das tun? Um die brutale Militärregierung zu beenden. Wir tun das für unsere Zukunft!“

 

Der Autor ist Praktikant im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an: redaktion@pfz.at

Weiterführende Links:

zur Website der Nationalen Einheitsregierung Myanmars.

Titelbild © Till Hartig

 

 

 

 

 

 

 

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit, Globale Ungleichheiten.