Mapuche-Wissen in der Sozialarbeit: eine interkulturelle Bewusstseinsbildung.

In einer globalisierten Welt steht die Sozialarbeit vor der Herausforderung, kulturelle Unterschiede und historische Traumata anzuerkennen und zu bewältigen. Dies ist besonders evident im Kontext der größten indigenen Gruppe Chiles, der Mapuche-Gemeinschaft. Die Mapuche tragen ein erdrückendes historisches Erbe von Enteignung, Völkermord und Schmerz, das mit der Ankunft der Spanier während der kolonialen Zeit begann. Trotz dieser dunklen Vergangenheit fehlt es in der chilenischen Gesellschaft bis heute an angemessener Anerkennung und Wissen über dieses Trauma, das sich weder im Bildungssystem, noch in der aktuellen chilenischen Verfassung wiederspiegelt.

Die Mapuche-Angehörige, Aktivistin und Sozialarbeiterin Luz Marina Huenchucoy Millao legt besonderes Augenmerk auf die Rolle der Sozialarbeit bei der Wiedergutmachung, der Befreiung und der sozio-politischen Selbstbestimmung. Hierbei ist die Reflexion über eine dekoloniale Perspektive von großer Bedeutung. Denn die Sozialarbeit betrachte nicht nur individuelle Schicksale, sondern auch kollektive Erfahrungen, was sie anhand des Fallbeispiels der Mapuche-Gemeinschaft bekräftigte.

Die Praxis der sozialen Arbeit in einem kolonial geprägten Kontext stellte Luz Marina in einem von Global Social Dialog organisierten Online-Vortrag in den Mittelpunkt: „EPU XOY KVMVN: Indigenes Wissen und professionelle Praxis in der sozialen Arbeit“. Dabei unterstrich sie die Bedeutung eines interkulturellen Bewusstseins, das dazu beitragen solle, ein eigenständiges Chile zu gestalten, welches seine Vielfalt und ethnische Pluralität anerkenne. Diese interkulturelle und auch sprachübergreifende Bewusstseinsbildung lässt sich auf sämtliche Bereiche der Sozialarbeit anwenden und soll nicht auf geographischen Regionen beschränkt werden.

Die Verweigerung einer interkulturellen Gesellschaft.

Die heutige Generation von Mapuche kämpft weiterhin für eine angemessene politische Vertretung und Beteiligung in verschiedenen Bereichen wie Bildung, Geschichte und Gesundheitswesen. Es ist ein Kampf für die sprachliche Freiheit und das Recht auf die Mapudungun-Sprache, das Bewahren von Gemeinschaftswissen und der Wiederbelebung der eigenen Kultur. Dies erfordere von der chilenischen Gesellschaft, ein Verständnis für die koloniale Last zu entwickeln und diese anzuerkennen. Dadurch findet man sich in einem interkulturellen Kontext wieder, der von denen, die die nationale Geschichte erzählen, oft übersehen werde, so Luz Marina.

Die interkulturellen Herausforderungen in Chile sind vielfältig. Die Vereinfachung der kollektiven Erfahrung der Mapuche unter dem Deckmantel der historischen Verwestlichung führte zu struktureller Diskriminierung, Rassismus und wiederholter Unterdrückung. Die homogenisierende öffentliche Politik diene zur Unsichtbarmachung der indigenen Bevölkerung, wodurch diese folklorisiert und ihr Wissen marginalisiert werde, so Luz Marina. Sie betonte, dass das Bildungs-, Gesundheits- und Wirtschaftssystem indigene Geschichte, Praktiken und Traditionen ausgrenze und ignoriere. Das sei die Folge von Unsichtbarkeit, Verweigerung von Mitbestimmung und fehlender Anerkennung von Identität.

Kritische Interkulturalität und Dekolonialität in der Sozialarbeit.

Für die soziale Arbeit ist der Prozess der Reflexion von großer Bedeutung. Dafür sollen zwei grundlegende Konzepte betrachtet werden: die kritische Interkulturalität und die Dekolonialität.

Um die kritische Interkulturalität zu kontextualisieren, bezieht sich Luz Marina auf den kubanischen Philosophen Raúl Fornet-Betancourt und verlangt eine aktive Beteiligung der Mehrheitsgesellschaft in der Schaffung eines interkulturellen Raums. Interkulturalität solle nicht als etwas Externes betrachtet werden, das von selbst entstehe. Jede*r Einzelne trage durch das persönliche Verhalten, durch Handlungen und Interaktionen, zur Gestaltung dieses Raums bei. Daher werde Interkulturalität als eine Haltung verstanden, die Interesse, Respekt und Verständnis für den/die Ander*e einschließt. Die zentrale Idee besteht darin, sich selbst zu erkennen, um andere Menschen vorurteilsfrei wahrzunehmen. Diese Form der kritischen Selbstreflexion schaffe demnach den Raum für eine faire soziale Zusammenarbeit.

Dekolonialität in der Sozialarbeit drückt sich in der Anerkennung des kolonialen Prozesses und des kolonialen Traumas aus. Dies bedeutet, Gewalt als einen historischen Prozess zu begreifen, der im kollektiven Gedächtnis verankert ist.

In diesem Sinne tragen Sozialarbeiter*innen eine ethische Verantwortung. Die Probleme, mit denen sie sich befassen müssen, sind das Ergebnis vielfältiger Formen von Diskriminierung, die sich im Laufe der Geschichte entwickelt und verfestigt haben. Daher ist es äußerst wichtig, den Kontext ihrer Arbeit zu verstehen und dafür zu sensibilisieren. Dementsprechend werden interkulturelle und dekoloniale Sozialarbeit von einem Ort der Positionalität und des relationalen Denkens aus gestaltet.

Das Menschenbild der Mapuche.

Die Wissenskonstruktion erfolgt im kollektiven Prozess der sozialen Aktivität durch die Such nach spezifischen interkulturellen Räumen, um gemeinsam an einer Aufgabe zu arbeiten und einen Raum der Anerkennung im anderen zu schaffen.

Zum Ende des Gesprächs stellt Luz Marina das Menschenbild nach dem Wissen der Mapuche dar, um ihren Vorschlag für eine Sozialarbeit mit indigenen Gruppen, insbesondere den Mapuche, abzuschließen. Sie lädt das Publikum dazu ein, ‚Mapuche‘ zu visualisieren.

‚Mapu‘ steht für alles, was sichtbar und unsichtbar ist: Bäume, Insekten, Gebäude, Straßen und das Unsichtbare – die Kraft von jedem, dem Meer, dem Baum, die Intensität des Regens und der Winde. ‚Che‘ bezieht sich auf die Person, die präsent und Teil des Ganzen ist. Nach dem Verständnis der Mapuche umfasse das Menschenbild jedes ‚Che‘ eine tiefe Verbindung zu seinem/ihrem ‚Kvpalme‘, seiner/ihrer Abstammung und Familiengeschichte. ‚Che‘ entstamme einem geografischen Raum, der ‚Tuwvn‘, der es ihm/ihr ermögliche, die Energie und Stärke dieses Gebiets zu absorbieren, in dem er/sie geboren wurde und das seine/ihre frühere Kindheit geprägt habe.

Darüber hinaus habe jeder ‚Che‘ eine ‚Reyñmawen‘, eine erweiterte Familie, zu der Tanten, Onkel und Großeltern gehören, mit denen ‚Che‘ gemeinsame Erfahrung teilt und annimmt. Schließlich ist der ‚Che‘ in einem ‚Lof‘ verwurzelt. ‚Lof‘ ist ein Territorium, das ihm Schutz und Gemeinschaft bietet.

Dieses traditionelle Menschenbild der Mapuche unterstreicht die enge Verbindung zwischen dem Individuum und seiner Umgebung sowie einer erweiterten Gemeinschaft, was eine essenzielle Quelle von Kraft und Identität darstelle, so Luz Marina.

Eine bewusste Sozialarbeit.

Dieses Konzept des Seins sei von grundlegender Bedeutung für die Sozialarbeit in Mapuche-Gemeinschaften. Hier sei es auch wichtig, das zu spüren, was man nicht sieht, etwa die Kraft und die Intensität der Umgebung, die dem Leben Bedeutung verleihe. Dies bilde die Grundlage für die Arbeit an Resilienz, Selbstwertgefühl, Heilung und Wiedergutmachung.

Das bekannte Konzept des ‚Buen Vivir‘, bei dem die Biodiversität, das Leben und die Natur eine wichtige Rolle spielen, betont, dass unser Wohlbefinden eng mit dem Zustand der Welt verknüpft ist. Diese Einsicht rufe dazu auf, sich als integralen Bestandteil der Welt und des Lebens zu begreifen, und gleichzeitig zu lernen, wie man in enger Kooperation mit Menschen aus indigener Gemeinschaft zusammenarbeite, wobei die Interaktion und die zwischenmenschliche Beziehung im Mittelpunkt stünden.

Luz Marina Huenchucoy Millao bietet in der Dialogveranstaltung eine inspirierende Perspektive auf die Herausforderungen und Chancen der Sozialarbeit in dem Kontext der Mapuche in Chile. Ihr Ansatz, lokales Wissen anzuerkennen und in der Sozialarbeit zu integrieren, könne als ein Schritt in Richtung einer inklusiveren und gerechteren Gesellschaft dienen. Sie hebt die Notwendigkeit der Stärkung der Identität des*r Anderen hervor, um einen wirksamen Dialog und damit eine wirksame Sozialarbeit zu erreichen.

 

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Weiterführende Links:

Zu Global Social Dialog, dem Praktikaprogramm für Berufspraktika in Afrika, Asien und Lateinamerika für Studierende österreichischer Fachhochschulen.

Das Zitat zur Wissenskonstruktion stammt aus dem Artikel Epu xoy kvmvn; Tuwvn ka kvpalme Trabajo Social mu. Dos miradas del saber; tuwvn y kvpalme en el Trabajo Social (Übersetzung der Autorin; auf Spanisch frei zugänglich unter: https://www.redalyc.org/journal/279/27962172011/)

Das Titelbild wurde während der sozialen Proteste 2015 in Santiago de Chile von Diego Figueroa aufgenommen. © Migrar Photo, November 2015

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit, Sozial-ökologische Transformationen, Gutes Leben für Alle.