Buchrezension: Lehrerin ja, Tante nein. – Paulo Freire.

Professora sim; Tia não – cartas a quem ousa ensinar von Paulo Freire ist ein bedeutsames Werk, das sich mit der komplexen Rolle von Lehrer*innen auseinandersetzt und dabei tiefgreifende alternative Einblicke in die Bildungslandschaft bietet. Das im Jahr 1993 veröffentlichte Buch ist eine Sammlung von zehn Briefen, in dem Freire sein Erbe als Pädagoge hinterlässt.

Der Titel des Buches lautet wörtlich übersetzt „Lehrerin Ja, Tante Nein: Briefe an diejenigen, die es wagen zu lehren“. Dies verdeutlicht bereits die Ambivalenz der Lehrer*innenrolle, besonders im brasilianischen Kontext, wo die liebevollen Begriffe Tia und Tio (Tante und Onkel) oft als Synonyme für Lehrer*innen verwendet werden.

Besonders wertvoll ist das Buch für angehende Lehrer*innen und Absolvent*innen der Lehramtsausbildung, da es wichtige Fragen zur Lehrer*innenidentität und -praxis aufwirft. Freire ermutigt zu einer kühnen Lehre, die nicht nur auf theoretischem Wissen basiert, sondern auch die individuellen Realitäten der Schüler*innen berücksichtigt, die oft mit schwierigen Lebensumständen konfrontiert sind.

Tia und Tio.

In Brasilien nennen Kinder ihre Lehrer*innen oft Tante oder Onkel. Diese Gewohnheit hat ihre Wurzel im Sprachgebrauch für die entstehenden Kindergärten, wo die fürsorglichen Fachkräfte, darunter überwiegend Frauen, die Verantwortung für die Kinder übernahmen, wenn ihre Mütter abwesend waren. In dieser Zeit wurde ihnen ehrenvoll der Titel Tante verliehen. Die Verwirrung, die dieser Begriff als Symbol der Zuneigung stiften kann, bildet einen zentralen Punkt von Freires Überlegungen.

Entlang der Geschichte wurde das Bild der Lehrer*innen von der heteronormativen weiblichen Geschlechterrolle geprägt – passiv, geduldig, liebevoll, mit Fingerspitzengefühl handelnd und von Herzen geführt. Doch diese Perspektive vernachlässigt oft die Professionalisierung im Bildungsbereich. Paulo Freires Buch ist daher eine essentielle Lektüre für Lehramtsstudierende und Absolvent*innen, klärt auf über die Vorstellungen der Öffentlichkeit und die der Lehrer*innen über die Rolle des*der Lehrer*in und erzählt von den Grenzen bis zur Bedeutung von Wagemut im Unterricht. Die Lektüre bietet viele Reflexionen über die Unterrichtspraxis, ohne die Theorie zu vernachlässigen und berücksichtigt nicht nur die Realität als Lehrer*in, sondern auch die vielfältigen Realitäten der Schüler*innen.

Das Akzeptieren der Onkel- und Tantentiteln trägt oft zur Verwunderung der Gesellschaft über Streiks und Forderungen nach besseren Bedingungen für Lehrkräfte bei. Die unverzichtbaren Qualitäten für eine fortschrittliche Leistung von Lehrer*innen umfassen Demut, Toleranz, Weisheit über Geduld und Ungeduld sowie die Sicherheit, die wissenschaftliche Kompetenz, politische Klarheit und ethische Integrität erfordert. Diese Eigenschaften seien entscheidend für den Aufbau positiver Beziehungen im Bildungsumfeld.

Insgesamt regt Professora Sim, Tia Não dazu an, über die traditionellen Vorstellungen von Lehrer*innen und Lernenden nachzudenken. Es führt die Lesenden durch eine Reflexion, die über das Klassenzimmer hinausgeht und sich mit ethischen, politischen und sozialen Dimensionen des Unterrichts auseinandersetzt.

Engagement und Zuneigung im Unterricht.

Freire betont die Untrennbarkeit von Lehren und Lernen und hebt die Verantwortung des*der Lehrer*in hervor, sich vor Beginn der Lehrtätigkeit vorzubereiten und zu qualifizieren. Das Lernen sei ihm zufolge ein fortwährender Prozess. Dieser erfordert eine kritische Auseinandersetzung mit dem Gelesenen, um das Verständnis zu vertiefen, das der Wortinterpretation vorausgeht. Darüber hinaus verdeutlicht die Verbindung zwischen Lesen und Lernen die Notwendigkeit, die Welt zu verstehen, bevor man Wissen weitergibt.

Schon im zweiten Brief warnt Freire: „Lassen Sie sich nicht von der Angst vor dem Schwierigen lähmen“. Damit wird betont, Herausforderungen ohne Rückzug zu bewältigen. Die Angst dürfe nicht lähmen, denn sowohl Lehrende als auch Lernende müssen kritisch das Lesen und Schreiben erlernen und die komplexen sozialen Verflechtungen in der Sprache und der Wissensproduktion erkennen.

Bildung ist nicht neutral.

„Es ist nicht übertrieben, hier diese Aussage zu wiederholen, die von vielen Menschen immer noch abgelehnt wird, trotz ihrer Offensichtlichkeit: Bildung ist ein politischer Akt. Ihre Neutralität erfordert von der Pädagog*in, dass sie sich als politisch positioniert und konsequent ihre progressive, demokratische, autoritäre, reaktionäre, rückwärtsgewandte oder auch spontane Option lebt, sich klar dafür entscheidet, demokratisch oder autoritär zu sein.“

Laut Freire stehe die Bedeutung der Kohärenz zwischen Rede und Handeln im Mittelpunkt. Diese Kohärenz im Bildungsumfeld sei entscheidend für die Schaffung einer vertrauensvollen und effektiven Lernumgebung. Die Schüler*innen seien besonders empfänglich für Authentizität. Die Diskrepanz zwischen dem, was von den Lehrer*innen gesagt wird, und dem, was von ihnen praktiziert wird, führt zu Unsicherheit und Misstrauen seitens der Schüler*innen. Folglich könne also diese Diskrepanz zwischen Worten und Taten die Lernstimmung nachhaltig beeinträchtigen.

Im weiteren Sinne hebt Freire die unerlässliche Pflicht der Lehrer*innen hervor, sich bewusst in die Lebenswelt ihrer Schüler*innen einzufühlen, um auf ihre Bedürfnisse eingehen zu können. Dies erfordert eine aktive Auseinandersetzung mit den individuellen Herausforderungen, Hintergründen und Potenzialen jedes*jeder Schüler*in.

Bildung wird in diesem Kontext als politischer Akt verstanden und Respekt vor dem Anderen spielt eine zentrale Rolle. Die ständige Dekonstruktion der Lehrer*innen wird also als notwendiger Bestandteil einer progressiven Bildungspraxis angesehen. Dies bedeutet, dass Lehrer*innen ihre eigenen Rolle, Vorurteile und Annahmen kritisch reflektieren müssen. Diese Bereitschaft zur Selbstreflexion ermöglicht es Lehrer*innen, sich kontinuierlich weiterzuentwickeln und ihre Unterrichtsmethoden an die sich ändernden Bedürfnisse der Schüler*innen anzupassen.

Hierbei geht es darum, eine inklusive Umgebung zu schaffen, die Vielfalt schätzt und aktiv gegen Diskriminierung vorgeht. Die Schule sollte ein einladender Ort sein, der Verständnis für Demokratie kommuniziert, wobei die Lehrer*innen zu Botschafter*innen der Gleichberechtigung werden. Das ist entscheidend für die Förderung einer bereichernden, demokratischen Schulerfahrung.

Fazit.

Das Buch schließt mit einem Appell, die Schule in einen einladenden und demokratischen Raum zu verwandeln. Freire betont den politischen Charakter des*der Lehrer*in als Gestalter*in der Bürger*in von morgen und behandelt auch verschiedene relevante Themen im Lehrer*innenalltag. Er diskutiert die Proletarisierung der Lehrer*innen, die meist beschränkten Weiterbildungsmöglichkeiten Bildungsniveau großer Teile der Lehrer*innenschaft, die Reduzierung der Einschreibungen sowie die niedrigen Erwartungen an das Lehren und Motivation der angehenden Lehrer*innen.

Die Autorin ist Mitglied des Redaktionsteams. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

Beschriebenes Buch: FREIRE, Paulo. Professora sim, tia não: cartas a quem ousa ensinar. São Paulo: Olho d\’gua, 1997.

Auf dem Titelbild hält die Autorin des Beitrags, Chiara von Benedek, die spanische Ausgabe des Buches Professora sim, tia não: cartas a quem ousa ensinar.

Das Zitat zur Bildung als politischer Akt stammt aus dem Kapitel Sétima carta: „De falar ao educando a falar a ele e com ele; de ouvir o educando a ser ouvido por ele des Buches Professora sim; tia não – cartas a quem ousa ensinar von Paulo Freire.“ (Übersetzung der Autorin im Artikel)

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