Eine Universität für Habenichtse

Die nächste Station seiner Brasilienreise führte Gerald Faschingeder nach Guararema, wo er die Escola Nacional Florestan Fernandes besuchte.Guararema ist eine Fahrstunde von São Paulo entfernt. Hier befindet sich die Escola Nacional Florestan Fernandes, benannt nach einem der wichtigsten Soziologen Brasiliens. Vier Jahre wurde daran gewerkt, bis die Schule am 23. Jänner 2005 eröffnet werden konnte. Endlich hat der Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra (MST, Bewegung der Landarbeiter ohne Land) eine Ausbildungsstätte für seine Führungskräfte. Darüber hinaus soll die Schule allen sozialen Bewegungen offenstehen und eine Volksuniversität werden. Was die ENFF, wie sie hier abgekürzt wird, besonders interessant macht, ist ein inhaltliches Konzept, das so ganz anders ist, als alles, was in den letzten Jahren in Österreich in die Bildungsdiskussion eingebracht wurde. Hier wurden modellhaft pädagogische Vorstellungen Antonio Gramscis und Paulo Freires verwirklicht. Vergesst PISA, vergesst das UOG 2003, schaut nach Guararema!

Der MST: Bewegung der Landlosen und noch viel mehr

Der MST wurde 1984, bald nach Ende der brasilianischen Militärdiktatur, gegründet und ist eine politisch radikale Antwort auf die ungelöste Frage der ungerechten Landverteilung. Nur zwei Prozent der Betriebe bewirtschaften 60 Prozent des Landes und lassen dabei einen Gutteil des Landes brach liegen.

Der MST organisiert Aktionen, bei denen landlose Bauern und Bäurinnen und Arbeitslose, die in den Städten ihr Glück versucht, aber nicht gefunden hatten, nächtens ein Stück Land besetzen. Werden sie nicht von der Polizei oder dem Militär verjagt und schaffen es, ein Jahr lang das Land zu bebauen, haben sie laut Verfassung das Recht, das Land zugesprochen zu bekommen. Eine komplizierte und mühsame rechtliche Prozedur beginnt und nicht selten kommt es unterdessen immer wieder zu Gewaltakten seitens der LandbesitzerInnen und der Exekutive. Der MST ist mittlerweile zur wichtigsten sozialen Bewegung und zu einer der wenigen relevanten oppositionellen Stimmen des Landes geworden.

Errichtung unter breiter Beteiligung

Wie konnte es der Landlosenbewegung gelingen, eine derart große Anlage zu errichten, mit Seminarräumen, einem großen Hörsaal und Unterkünften für 200 Personen, Küche und Speisesaal, Kindergarten und Spielplatz sowie der, für den MST unvermeidlichen, agrarischen Anbaufläche?

Der MST hat kaum Einkünfte. Landlose sind Habenichtse. Einen wesentlichen Teil der Mittel verdankte der MST Sebastião Salgado, dessen Fotos von Landbesetzungen seit 1999 in Europa und anderswo in Ausstellungen zu sehen waren. Der Rest kam von europäischen FördererInnen, die Arbeitskraft steuerte der MST bei. Jeweils zwei Monate verbrachten 1.500 Personen aus verschiedenen Landbesetzungen auf der Baustelle. Insgesamt 25 Arbeitsbrigaden bestanden neben gelernten HandwerkerInnen aus Menschen, die über keine speziellen Fertigkeiten verfügten und am Bau lernten. Sie bringen die erworbenen Kenntnisse zurück auf die Landbesetzungen. Wichtig war dem MST die Bewusstseinsbildung unter den ArbeiterInnen. Untertags wurde gearbeitet, am Abend gelernt. Viele kamen als AnalphabetInnen und wurden mit der Methode Paulo Freires unterrichtet.

Lehrplan aus Theorie und Praxis

Die MST-Schule bietet bereits zwei Postgraduate-Kurse an, Lateinamerika-Studien und Ländliche Bildung. Dies darf man sich nicht nach einem österreichischen Modell vorstellen. Der Unterricht wechselt von der Praxis zur Reflexion und wieder zur Praxis. Die StudentInnen arbeiten auf den Feldern (eine Selbstversorgung ist möglich), werden in manueller Tätigkeit unterrichtet und nehmen an intellektuell fordernden Kursen teil.

Zentral ist dabei die Idee, immer wieder den Klassenraum zu verlassen, und sei es, um an Demonstrationen teilzunehmen. Die Ausbildung versteht sich als politische Bldung. Es geht darum, die Welt und die Gesellschaft zu verstehen und sie zu verändern. Neben Paulo Freire dienten die Sowjetpädagogen Pistran und Makarenko dem Lehrplan als Vorbilder. Die zentralen pädagogischen Dimensionen sind Arbeit, Lernen, Organisationswesen, Kultur und Werte der Solidarität. Im Curriculum finden sich unter anderem Marxistische Philosophie, Politische Ökonomie, Soziologie, Geschichte, die Landfrage und das revolutionäre Denken Lateinamerikas.

Leben im Kollektiv

Die StudentInnen werden innerhalb der Jahrgänge in „nuclei“ (Gruppen) zu zehn Personen geteilt, unter denen die unterschiedlichen Dienste für das Zusammenleben am Campus aufgeteilt werden. Dazu gehören kreative Tätigkeiten wie Musik, Tanz, Theater. Der MST versucht, einen Gegenentwurf zur hegemonialen Massenkultur des Fernsehens zu entwickeln. Die „nuclei“ sollen sich die Symbolik der Bewegung zu eigen machen, das kollektiv organisierte Leben soll eine hohe Identifikation ermöglichen.

Alternatives Lernfeld

Die Idee, die ENFF als Universität zu organisieren, ist noch Utopie, die rechtliche Anerkennung noch offen. Das brasilianische Universitätssystem wird von dem MST als elitär und der Lebensrealität der Armen abgewandt kritisiert. Es reproduziert die sozialen Verhältnisse und zementiert die Klassenteilung. Für Kinder aus LandarbeiterInnenfamilien ist es faktisch unmöglich, Landwirtschaft zu studieren. Das Recht auf Bildung wollen sich die Menschen der MST mit der ENFF nun selbst verwirklichen. „Die Ausbildung hier erlaubt es, dass die TeilnehmerInnen ihren Kampf, ihre Arbeit und ihre Militanz zu mehr Tiefen und Qualität weiterentwickeln. Dies ermöglicht, nicht nur die Person weiterzuentwickeln, sondern auch die Realität zu verändern“, erläutert Adelar Pizetta, pädagogischer Koordinator der ENFF. Die meisten Lehrenden der MST-Schule kommen zwar dennoch von den Universitäten, doch es handelt sich um ehrenamtliche SympathisantInnen.

Zum Medizinstudium nach Kuba

Ein besonderes Ausbildungsprogramm erleichtert das (Über-)Leben auf den Landbesetzungen: StudentInnen werden nach Kuba gesandt und erhalten dort eine medizinische Ausbildung. (Die ärztliche Versorgung ländlicher Gebiete ist in Braslien sehr schlecht.) In der ENFF werden die StudentInnen auf Kuba vorbereitet (insbesondere Spanischkurse). Es waren bereits sechs Jahrgänge zum Medizinstudium auf Kuba.

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+ Eine heiße Sache

+ „Der Süden ist sich selbst der Norden!“

+ Der Traum vom Eigenheim

+ Die globale Enteignungsökonomie

+ Was ist educação popular?

+ Warten auf den Angriff

 

Veröffentlicht in Paulo Freire, Bildungsungerechtigkeit, Themen.