„Der Süden ist sich selbst der Norden!“

Das Weltsozialforum (WSF) versteht sich als Raum, in dem unterschiedliche globalisierungskritische Ansätze präsentiert werden. In der Vielfalt der 2.500 Einzelveranstaltungen gab es jedoch in Porto Allegre 2005 zentrale Diskussionspunkte.

Kapitalismuskritik

Die Basis der meisten Aktivitäten ist eine Kritik an der Aneignung kollektiver und öffentlicher Güter durch Konzerne. Viele Veranstaltungen gab es zum Thema Wasser bzw. der Verteidigung oder Rückgewinnung öffentlicher Wasserversorgung. Wasser brennt, zumindest als Thema. Wenige Veranstaltungen gab es hingegen zum Thema Verkehr, obwohl auch dort Privatisierungstendenzen zum Ausschluss weiter Bevölkerungsteile führen.

Solidarwirtschaft

Als ein Gegenmodell zum ausbeuterischen Kapitalismus wurde in zahlreichen Veranstaltungen Solidarwirtschaft dargestellt. Auch das WSF selbst setzte als Veranstaltung fast ausschließlich auf solidarwirtschaftliche AnbieterInnen. Ob bei den kulinarischen Angeboten, den Reinigungsdiensten der Toiletten (echt immer sauber!), den Taschen für die TeilnehmerInnen oder gar der technischen Ausstattung für die Übersetzungen, überall wurde in Kooperativen und Genossenschaften gewerkt. Auf den Computern der Cyber-Stationen fand sich keine Spur von Bill Gates, gesurft wurde mit Mozilla, der auf Linux lief. Gleichzeitig wurden aber auch Schwächen solidarwirtschaftlicher Angebote deutlich: JournalistInnen beschwerten sich darüber, dass sie nicht die von ihnen gewohnte Software fanden und in ihrer Arbeit behindert wurden. Die Technik der Übersetzung war mehr als nur fehleranfällig, sondern funktionierte nur in Ausnahmefällen klaglos, da die verschiedenen Systemkomponenten kaum zusammenpassten. Gleichzeitig war in der Zeitung darüber zu lesen, dass jene Firma, die das WSF mit Elektroinstallationen versorgt hatte, bereits wegen Betruges angezeigt worden war. Doch ein solcher Erfahrungsraum ist wichtig. Zudem war beeindruckend, was alles großartig funktionierte, obwohl die Stadtverwaltung die Subvention für das WSF nach der Abwahl der Arbeiterpartei auf ein Viertel der ursprünglich veranschlagten Summe reduziert hatte.

Krieg und Faschismus

Ein weiterer Themenbereich, auf den man am WSF unentwegt stieß, war Krieg und Faschismus. Im Zentrum stand der Irak-Krieg. An ihm ließ sich die Kritik an den USA am deutlichsten manifestieren. Dies geschah oft undifferenziert und stark auf George W. Bush personalisiert. Gar nicht selten war dessen Gesicht auf Plakaten mit Hakenkreuzen zu sehen für das historische und politische Empfinden von ÖsterreicherInnen eine unpassende Zuschreibung. Als faschistisch wurde so manches Land und so mancher Verfassungsentwurf bezeichnet. Argumentiert wurde dies kaum und die Analyse fiel unter den Tisch. Darf und soll man Israel als faschistisch bezeichnen? Am WSF taten dies viele, ohne dabei den Eindruck zu erwecken, sich ausreichend mit den Wurzeln des Nahostkonfliktes (oder einer Faschismusanalyse) auseinandergesetzt zu haben. Diese reflexartigen Faschismusvorwürfe scheinen im Zusammenhang mit den politischen Erfahrungen, ob in Brasilen oder anderswo, zu stehen: Bevölkerungsgruppen empfinden sich als Opfer der Unterdrückung durch die USA und transnationaler Konzerne. So waren alle Feinde der USA hier Freunde und auf vielen Wänden stand zu lesen: „Es lebe der heroische Widerstand des irakischen Volkes!“

Die Zukunft der „Bewegung“

Diskussionen rankten sich auch um die Zukunft der globalisierungskritischen Bewegung und die Struktur des WSF. Soll es 2006 wieder ein WSF geben, obwohl der jährliche Rhythmus von vielen als zu knapp empfunden wird? Wäre es gut, 2006 ein dezentrales WSF an vier oder fünf verschiedenen Orten der Welt, auf verschiedenen Kontinenten zu machen, damit dort Personen, die sich keinen Transkontinentalflug leisten können, die Chance auf eine Teilnahme haben? Wie können aus dem WSF wirkungsvoll politische Aktionen erwachsen? Ob der Pluralität der Bewegung sind diese Fragen noch unbeantwortet. Es zeichnet sich ab, dass es 2007 ein WSF in Marokko geben soll.

Ein Schlussdokument?

Irritationen löste ein angebliches Schlussdokument aus, über das in vielen Medien berichtet worden war. Ein offenes Forum kann kein gemeinsames Schlussdokument verabschieden, das würde dem Prinzip des WSF zuwider laufen. Es gab auch keines, es handelte sich um eine Zeitungsente. Mitglieder des Internationalen Komitees des WSF hatten einen Forderungskatalog verfasst, der von Medien zur offiziellen Deklaration gemacht wurde. Die Liste von 19 Forderungen klingt vertraut, handelt es sich doch zum guten Teil um „klassische“ attac-Forderungen, wie der Demokratisierung der internationalen Finanzinstitutionen oder der Einführung der Tobin-Tax. Neu war die Forderung, das UNO-Hautquartier an einen anderen Ort zu verlegen, der nicht von den USA kontrolliert werden kann. Das Manifest stand aber gleichwertig neben anderen Vorschlägen aus den 2.500 Einzelveranstaltungen.

Das WSF ein Symbol?

Auch aus unmittelbarerer Naehe fällt es schwer die Bedeutung des WSF einzuschätzen. Aus europäischer Sicht stellt sich diese auch anders dar als aus lateinamerikanischer, afrikanischer oder asiatischer Sicht. Viele TeilnehmerInnen aus Ländern des Südens sehen das WSF als ein wichtiges Symbol, eine Manifestation eines neues Selbstbewusstseins des Südens. Sie gewinnen hier eine neue Sicherheit in der Konfrontation mit den alten Mächten. Hugo Chavez, Präsident Venezuelas, sprach davon am letzten Abend vor 20.000 Menschen im Gigantinho: „Der Süden ist sich selbst der Norden!“

Und Österreich?

Die TeilnehmerInnenzahl aus Österreich scheint sich in engen Grenzen gehalten zu haben. Es waren nicht viel mehr als 25 AlpenrepublikanerInnen, die den Weg in das heiße Porto Allegre gefunden hatten, von Attac, der Gewerkschaft der Eisenbahner, Horizont3000 und der Dreikönigsaktion der Katholischen Jungschar. Nationalratsabgeordnete waren keine dabei. Die Frage, wie die Ideen und Konzepte des WSF in die „Strukturen“ der politischen Arbeit in Österreich eingebracht werden können, bleibt offen.

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Veröffentlicht in Paulo Freire, Entwicklungspolitik, Themen.