Ökonomisierung der Bildung

Eine Ringvorlesung an der Universität Wien will tieferes Verständnis
für die Diskussion rund um Bildung, Entwicklung und Ökonomisierung von
Bildung schaffen.

„Bildung“ gehört zu jenen Begriffen, deren Bedeutung so unklar wie vielgestaltig ist. Zum einen kristallisieren sich darin Hoffnungen auf individuelle Emanzipation oder eine künftige Verbesserung des Menschengeschlechtes, zum anderen stellen viele Bildungserfahrungen Auseinandersetzungen mit Systemen der Entfremdung und Fremdbestimmung dar. Nicht vergebens haben viele Regierungen von entkolonisierten Staaten bereits in den 1960er Jahren ambitionierte Reformen des vom Kolonialismus geerbten Bildungssystems in Angriff genommen, die allerdings nicht immer zum gewünschten Ergebnis geführt haben.

In vielen Ländern der Peripherie sind Bildungszusammenhänge durchlöchert und fragmentiert, höhere Bildung ist nur der Oberschicht zugänglich, die öffentlichen Bildungseinrichtungen geben ein trostloses Bild ab. In vielen Fällen erweisen sich die Bildungssysteme nicht anders, jedoch in höherem Maße als im „Norden“ als Reproduktionsinstrumente sozialer Ungleichheiten.

In der internationalen Entwicklungszusammenarbeit stellte Bildung immer einen wichtigen Schwerpunkt dar. Zuletzt findet sich das Ziel der „universellen Primarschulbildung“ für alle Kinder in den acht Millennium-Zielen. Bereits 1990 startete die Initiative „Education for all“, die darüber hinaus weitere fünf Bildungsziele definiert. Die Zwischenbilanzen dieser Vorhaben fallen wenig euphorisch aus, sind doch die Widersprüche zwischen den liberalen Politiken der Deregulierung und Ökonomisierung von Bildung und den internationalen Versuchen der Reorganisation allzu offensichtlich. Beispiele erfolgreichen Aufbaus von Bildungssystemen wie in Kuba oder Venezuela werden in der internationalen Diskussion hingegen kaum beachtet.

Angesichts der globalen Schieflage, in die Bildung geraten zu sein scheint, ist in den letzten Jahren ein kritischer Diskurs zur „Ökonomisierung der Bildung“ entstanden. Darin wird Bildung meist als eine Art bedrohte Gattung interpretiert, die durch die Zugriffe einer expansiven kapitalistischen Strategie ihre innere Substanz zu verlieren droht. Bildungssysteme werden von politikbestimmenden Instanzen heute wie Gesundheit, Pension oder Verkehr als fast gewöhnliche Felder des Wirtschaftens verstanden.

Eine sozialliberale Politik hat in Österreich ebenso wenig wie in der Europäischen Union oder auf internationaler Ebene vor dem Bildungsbereich Halt gemacht und ihn in den Verwertungsprozess zu integrieren begonnen. Emanzipatorische Ansprüche an das Bildungssystem, soziale und ethische Aspekte fallen vorgeblichen Effizienzkriterien zum Opfer oder verkommen zu Phrasen. Diese Entwicklungen drängen die Frage auf, ob Bildung an sich schon gut ist oder es nicht immer schon so war, dass eine bestimmte Bildung bestimmten Interessen dient.

Im Rahmen der Ringvorlesung sollen die Veränderungen benannt und analysiert werden. Dabei werden die Prozesse sowohl auf internationaler Ebene, als auch anhand einiger Länderbespiele darunter Österreich kritisch beleuchtet. Eine Diskussion über Alternativen bildet den Abschluss.

Programm der Ringvorlesung

11.10.07: Einführung in die Thematik
Gerald Faschingeder/ Margarita Langthaler

18.10.2007: Bildung im Süden
Margarita Langthaler (ÖFSE, Bildungszusammenarbeit)

25.10.2007: Soziale Selektion im Bildungssystem
Christoph Reinprecht (Universität Wien, Soziologie)

8.11.2007: Was nichts kostet, ist nichts wert? Mutationen des österreichischen Bildungssystems
Erich Ribolits (Universität Wien, Bildungswissenschaften)

15.11.2007: Neoliberale Bildungsideologie
Luise Gubitzer (WU Wien, Department Volkswirtschaft, Institut für Institutionelle & Heterodoxe Ökonomie)

22.11.2007: Allgemeines Abkommen über den Handel mit Dienstleistungen (GATS) – zur Ökonomisierung der Bildung in der WTO
Werner Raza (Wirtschaftsuniversität Wien und Arbeiterkammer Wien)

29.11.2007: Emanzipatorische Ansätze: Antonio Gramsci und Paulo Freire
Gerald Faschingeder (Paulo Freire Zentrum, IE Wien)

6.12.2007: „Munizipalisación“ – Neue Wege bolivarischer Bildungspolitik im 21. Jahrhundert. Das Beispiel Venezuela.
Christian Cwik
(Historiker, derzeit Gastprofessor für Kolonialgeschichte an der Universidad Bolivariana de Venezuela, Caracas)

13.12.2007: Entwicklungszusammenarbeit im Sektor Bildung
Birgit Brock-Utne (Universität Oslo; Professorin für Bildung und Entwicklung)

10.1.2008: Emanzipatorische Ansätze: Paulo Freires Erben
Andreas Novy (WU Wien, Institut für Regional- und Umweltwirtschaft; Paulo Freire Zentrum)

17.1.2008: Öffentliche Bildung
Pia Lichtblau und Rosa Nentwich-Bouchal (Kommunikationswissenschafterin und Ökonomin/Politikwissenschafterin, ehem. bildungspolitische Referentin der ÖH Bundesvertretung)

24.1.2008: Bildung. Eine große Idee und ihre Widersprüche.
Martin Jäggle (Universität Wien, Kath.-Theol. Fakultät; Institut für Praktische Theologie)

 

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit.