Bildung Eine große Idee und ihre Widersprüche

Im letzten Vortrag der Ringvorlesung "Ökonomisierung der Bildung" lud
Martin Jäggle (Katholisch-Theologische Fakultät, Universität Wien) am
24. 01. 2008 zu einer Zeitreise durch die Ideengeschichte des
Bildungsbegriffes und kritisierte den eurozentrisch geprägten
Bildungsdiskurs.

Den Einstieg bildete Bertolt Brechts Gedicht "Lob des Lernens", welchem Martin Jäggle als appelativem Text erhebliches Emanzipationspotenzial zuschreibt, das gleichzeitig aber auch Brecht als Kind der abendländischen Bildungsidee entlarve: Bildung als individuelle Chance zur Selbstentfaltung, der/die Lernende als EmpfängerIn von Wissen. Ausgespart blieben, so Jäggle, Aspekte des miteinander und vor allem voneinander Lernens.

Der europäische Bildungsbegriff

Jäggle setzte vereinfacht den Beginn der Ideengeschichte des Bildungskonzeptes in der Antike an. Platon vermittle in seinem Werk "Der Staat" die Vorstellung, alle Ideen seien bereits vorhanden, der Mensch müsse sie bloß noch schauen. Demnach ist der Platonsche Bildungbegriff ein statischer und laut Jäggle nicht geeignet, etwa sozialen Wandel greifbar zu machen oder historische Prozesse zu diskutieren.

Eine zweite grundlegende Ausrichtung habe das Konzept durch den Einfluss der Religion erhalten: Der Mensch sei im Prinzip Abbild Gottes (er muss es nicht erst durch eigene Anstrengung werden). Bildung ist dem zu Folge ein innerer, subjektiver, individuell-privater Vorgang. Wie auch der antike Bildungsbegriff biete dieser Ansatz keinen Raum für Geschichte und Gesellschaftskritik.

Ein dritter wichtiger Schritt zum gegenwärtigen Verständnis von Bildung sei mit der speziellen Art der Umsetzung der humanistischen Humboldschen Bildungsidee im Zuge der Bildungsreform im Deutschen Reich (um 1810) erfolgt, so der Vortragende. Bildung sei dabei als Mittel zur Erlangung kollektiver Macht, "Weltmacht", instrumentalisiert worden. Aus dieser Zeit stamme unter anderem der Usus, PflichtschullehrerInnen an Seminaren auszubilden, und nicht in der – zu kritischen Umgebung der Universitäten.

Ein widersprüchliches Konzept

Der gegenwärtige Bildungsbegriff, so Jäggle, füge sich in die beschriebene Entstehungsgeschichte. Bildung werde in der Regel als Ressource und Kapital behandelt und Begriffe wie "Mensch", "Gesellschaft", "Vision", fänden als Ausgangspunkte kritischer Diskurse kaum Platz. Bildung sei nunmehr die individuelle Möglichkeit, den persönlichen Verkaufswert zu steigern und die eigene Position in einem globalen Konkurrenzkampf zusehens härterer Gangart zu verbessern. Hier läge einer der wichtigsten Widersprüche in gegenwärtiger bildungspolitischer Rhetorik: Die gerne propagierte Formel "Bildung = Arbeitsplatz" sei unschlüssig, da Bildung per se ja keine neuen Arbeitsplätze schaffe. Wenn Bildung für alle Menschen angelegt sei, erhöhe sich unter Anwendung dieses materialistischen Bildungsbegriffes lediglich der Wettkampf um die vorhandenen Arbeitsplätze. Das Konzept sei damit, so Jäggle, in sich inhuman.

Mit dem Versuch der Standardisierung von Bildung (international etwa im Rahmen der PISA-Studie, aber auch einfach mit Notensystemen in den Schulen) zum Zweck der Vergleichbarkeit von Bildungsergebnissen folge man einem ähnlich verhängnisvollen Trugschluss. Vergleichbar sei nämlich nicht "Bildung", sondern lediglich spezifische erworbene Kenntnisse, welche letztlich Imstrumente zur Steigerung der individuellen Funktionalität darstellten. Der Mensch werde in dieser Vorstellung als "verlängerte Werkbank begriffen. Jäggle stellte dem ein umfassenderes Konzept entgegen, in welchem Bildung mehr als nur die Summe erlernten Wissens und erworbener Kenntnisse sei. Er zog den Schluss, dass Bildung sich ihrem Wesen nach der Standardisierung entziehe, und diese damit Garant der Verhinderung wahrer Bildung sei.

Bildung menschlich denken

Einen Kontrast zum gedanklichen Mainstream setzte Martin Jäggle mit drei Prinzipien von Wolfgang Klafki: Die Forderung nach "Bildung für alle" impliziere Chancengleichheit, und die Wahrnehmung von Bildung als persönliches Recht. Die Thematisierung der "Entfaltung aller menschlichen Möglichkeiten" wiederspreche dem Verständnis, Lernen sei ein rein intellektueller Vorgang. Unter dem Schlagwort "Lernen im Medium des Allgemeinen" sollten schließlich Schlüsselprobleme, mit denen die Gesellschaft heute und in Zukunft konfrontiert ist, aufgegriffen werden.

Der Mensch sei, so Jäggle weiter, in seiner Existenz an Raum und Zeit gebunden, was in einem menschlich gestalteten Bildungssystem Ausdruck finden müsse. Von der Lokalität ausgehend solle zur Universalität gefunden werden, nicht etwa umgekehrt (wie es häufig der Fall ist), die Konkretheit des Lebens solle den natürlichen Ausgangspunkt von Lernen und Bildung darstellen. Dabei solle Schule nicht das Streben nach Idealen, sondern nach Utopien vermitteln. "Die Normalität" dürfe nicht den Horizont der Menschen bilden, vielmehr solle Bildung dazu anregen, die Welt anders zu denken als sie ist. Vor allem auch der Aspekt des miteinander und voneinander Lernens sei von großer Bedeutung, da Differenz und Verschiedenheit Fragen aufwürfen und Fragen der Weg zur Erkenntnis seien. Erkenntnis sei folglich in jenem Maße möglich, da Differenz und Unkonformität zugelassen würden, was letztlich Bildung überhaupt erst möglich mache.

Die Autorin ist Studentin der Internationalen Entwicklung an der Universität Wien.

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit.