In der Ringvorlesung "Ökonomisierung der Bildung" berichtete Birgit
Brock-Utne, Professorin für Bildung und Entwicklung an der Universität
Oslo, am 13. Dezember 2007 über Probleme und Lösungsansätze bei der
Entwicklungszusammenarbeit im Sektor Bildung.
Unter Entwicklungszusammenarbeit (EZA) versteht man die Zusammenarbeit zwischen den GeberInnen von Unterstützung und den so genannten Entwicklungsländern, die Zusammenarbeit zwischen ForscherInnen in industrialisierten Ländern und Entwicklungsländern sowie die Zusammenarbeit der Entwicklungsländer untereinander. Kritisch wirft Brock-Utne die Frage auf, was eigentlich "Entwicklung" – "Development" sei? Wer habe die Macht Entwicklung zu formulieren? Wie könne etwa Österreich behaupten, ein entwickeltes Land zu sein mit all der Armut und Arbeitslosigkeit? Und warum solle Afrika mit all seiner Kultur "unterentwickelt" sein? Die Maßstäbe werden von den reichen Ländern vorgegeben, die das Geld für die Entwicklungsförderung besitzen und somit auch die Bildungspolitik der ärmeren Länder prägen.
Klare Machtverhältnisse
Die Weltbank bzw. Geberländer seien nicht nur für die Verteilung der Entwicklungsgelder zuständig, sondern bestimmten auch den Einsatz dieser Fördermittel. Auch das 1998 gegründete Programm der Weltbank "Education Policies for Sub-Saharan Africa" (EPSSA) müsse, laut Brock-Utne, von den Entwicklungsländern unreflektiert umgesetzt werden, da ihnen sonst die Unterstützungen gestrichen würden. Die Kernkonzepte in diesem Programm beinhalteten aber die Kostenteilung und das Gewährleisten einer Ausweitung der Bildungsmöglichkeit. Konkret heiße das "Cost-sharing", dass sich die arme Bevölkerung an den Schulkosten beteiligen müsse, und unter "diversification" verstehe man die Öffnung des Marktes für private (und kostenpflichtige) Ausbildungsstätten und ein offener Wettbewerb der AnbieterInnen. Brock-Utne führte das Beispiel Tansania an, in dem 1973 die Schulgebühren abgeschafft worden seien, allerdings nur um 11 Jahre später von der Weltbank wieder eingeführt zu werden. Eine Studie von 1991 belege, dass die Schwierigkeiten beim Zahlen der Schulgebühren hauptsächlich die Mädchen aus der Mittel- und Unterschicht beträfen. Es sei somit eine signifikante Geschlechter- und Einkommensbenachteiligung festzustellen, die die Ungleichheitsschere noch weiter öffne.
"Qualität" laut Weltbank
An den unterschiedlichen Entwicklungsprogrammen, die sich an das Weltbankkonzept anlehnen, kritisierte Brock-Utne, dass diese unreflektiert Ansichten übernähmen und die Programme nicht an das jeweilige betroffene Entwicklungsland angepasst würden. Wenn man feststelle, dass Bildung die Grundvoraussetzung für Entwicklung sei, dann müsse man kritisch hinterfragen, welche Form von Bildung gemeint sei. Bildung könne zur Weiterentwicklung eines Individuum und eines Landes führen, aber genauso zur Manipulation missbraucht werden. Bildung könne ein Werkzeug für Gleichberechtigung, aber ebenso zur Legitimierung und Verstärkung von Diskriminierung sein. Bildung könne eine Gemeinschaft stärken und Solidarität aufbauen, aber aufgrund unterschiedlicher individueller Leistungen auch soziale Selektion hervorrufen. Laut Brock-Utne zeichne sich qualitativ hochwertige Bildung dadurch aus, dass sie die Kultur, die Sprache und Erfahrungen des/der SchülerIn wertschätze und berücksichtige und auf seine/ihre Erfahrungen aufbaue.
Bildung für alle?
Bildungsinhalte, die in "westlichen" Ländern vermittelt würden, würden auch zu Lehrinhalten in afrikanischen Ländern. Tatsächlich würden sogar genau die gleichen Bücher verwendet wie in England, Frankreich oder den USA, so Brock-Utne, und das ohne zeitgeschichtliche Entwicklungen einzuarbeiten. Westliche Theorien gälten als hochwertiger als das Lernen von den Alten im Dorf, ohne Rücksicht darauf, ob diese in das jeweilige Land passten oder nicht. Die Privatisierungen und Liberalisierungen, die von der Weltbank gefordert werden, führten zu einem Wettbewerb des Verkaufs von Bildungsinhalten. Brock-Utne berichtete vom Beispiel Uganda, das vor einigen Jahren aufgefordert wurde, die Neukonzeptionisierung des Bildungsmaterials auszuschreiben. Das Lehrplanentwicklungszentrum im eigenen Land habe den Zuschlag nicht bekommen, denn der sei an eine US-amerikanische Firma in Washington DC vergeben worden, die nicht zufällig ihren Sitz in der Nähe der Zentralstelle der Weltbank habe. Im neuen Programm würde Englisch bereits ab der zweiten Klasse unterrichtet gegen den Wunsch der regierungseigenen Richtlinien in Uganda. Aber qualitativ gute Lehrbücher könnten nur Lehrbücher sein, die vom/von der LehrerIn und den SchülerInnen verstanden werden. Und dies sei nur in der eigenen Muttersprache möglich, meinte Brock-Utne.
Sprachbarrieren
"Von Bilingual ist immer dann die Rede, wenn eine Sprache davon Englisch ist," legte Brock-Utne die erschütternde Realität in afrikanischen Ländern dar. Die Nachwirkungen der Kolonialisierung manifestieren sich im Bildungssektor beim Lehrmaterial, das in Sprachen gedruckt und unterrichtet werde, die von nur 5 10% der SchülerInnen ausreichend gut verstanden und beherrscht würden.
Brock-Utne berichtete von Paulo Freire, der das Lernen in einer fremden Sprache zum Zwecke des Erlernens anderer Inhalte als Vergewaltigung der Denkweise des Gehirns kritisierte.
Weiters erzählte sie von Prüfungssituationen, in denen Antworten bei Tests in der Nicht-Unterrichtssprache als ungültig gewertet worden seien, auch wenn sie richtig gewesen waren. Aber wie sollten die Kinder eine Sprache lernen, die nicht einmal der Lehrkörper richtig verstehe? Den SchülerInnen bliebe nichts anders über, als das Aufgeschriebene zu kopieren, auswendig zu lernen und beim Test wiederzugeben. Das habe aber nichts mit Verstehen, mit dem Erlernen von Allgemeinwissen, geschweige denn mit Bildung zur Entwicklung der individuellen Persönlichkeit zu tun.
Bildungsmodelle
Brock-Utne stellte vier Modelle möglicher Unterrichtsformen vor: fremde Inhalte werden in einer Fremdsprache gelernt, fremde Inhalte werden in der lokalen Sprache unterrichtet, lokalrelevante Themen werden in fremder Sprache gelehrt und schlussendlich lokale Inhalte werden in lokaler Sprache wiedergegeben. Erstrebenswert sei einzig Variante 4, wenngleich das am häufigsten benutzte Modell 1 sei. Es gebe ein pädagogisches Prinzip, das rate, immer mit dem Bekannten anzufangen und erst dann zum Unbekannten zu gelangen. Dieses Prinzip sollte auch bei Bildungskonzepten berücksichtigt werden.
Doch solange sich die Schulbuchindustrie in den Händen der Industrieländern befinde, solange könnten auch die Entwicklungsländer nicht über Lehrinhalte, -materialien sowie die Unterrichtssprache entscheiden. Und so gingen die kulturellen Gepflogenheiten, das lokale Know-How und die übergeordneten Werte eines Landes verloren all jene Eigenschaften, die die Identität des jeweiligen Landes ausmachten.
Die Autorin studiert Bildungswissenschaft und Internationale Entwicklung an der Universität Wien.