Bildung als emanzipatorisches Konzept

Gerald Faschingeder stellte am 29.11.2007 im Rahmen der Ringvorlesung
"Ökonomisierung der Bildung" Antonio Gramsci (1891-1937), Paulo Freire
(1921-1997) und ihr Denken im Bezug auf Bildung vor.

Antonio Gramsci verfasste einen Großteil seiner Schriften zwischen 1926 und 1937, als er während des italienischen Faschismus als Kommunist im Gefängnis saß. Gerald Faschingeder, Direktor des Freire-Zentrums, erzählte, wie Gramsci in diesem Kontext unter anderem seine Gedanken über den Zusammenhalt der bürgerlichen Gesellschaft, trotz all ihrer Widersprüche, formulierte und ihre kulturelle und ideologische Integrationskompetenz analysierte. Der Raum Staat, Arena des Ringens um Hegemonie, könne über Gewalt oder über Konsens erobert werden. Beide Strategien führten zur angestrebten Herrschaft. Pädagogik sei Teil der spezifischen Kultur einer Gesellschaft und könne emanzipatorisches Element sein, oder aber der Verinnerlichung von Machtverhältnissen dienen. Der Bildungsbegriff sei dabei in Gramscis Denken nicht etwa beschränkt auf Bildungseinrichtungen, wie Schulen oder Universitäten. Vielmehr sei für ihn jedes Verhältnis von Hegemonie notwendigerweise ein pädagogisches Verhältnis, denn jedes Machtverhältnis bilde auf eine Weise, sei es im Positiven oder im Negativen. Schauplatz dieser Prozesse sei, so Faschingeder über Gramscis Konzept, die Kultur einer Gesellschaft wobei der Begriff wiederum sehr breit gefasst sei. In diesem konfliktträchtigen kulturellen Bereich entscheide sich etwa, wer in der Zivilgesellschaft wozu Zugang habe oder wer wovon ausgeschlossen sei. Demnach sei etwa auch alles, was auf dem Feld der Kultur passiere, eine Art von Bildung. Unter Bezugnahme auf die gegenwärtige Situation räumt Gerald Faschingeder ein, es könne mitunter passieren, dass bei der Einführung von Studiengebühren (zu) wenig Widerstand laut werde, wenn die Mitglieder einer Gesellschaft dahingehend "gebildet" seien, dass sie sich selbst als Konsumwesen begreifen. Bildung forme das Selbstverständnis der Menschen und sei so imstande, einen Konsens über die bestehenden Machtverhältnisse zu schaffen.

Der Mensch als "Tabula Rasa"

Auch Paulo Freire begreife Bildung in erster Linie als Konzept zur Verinnerlichung der bestehenden Hegemonie. Faschingeder referierte, wie Freire vor dem Hintergrund, dass nur Personen, die lesen und schreiben konnten, in Brasilien wahlberechtigt gewesen waren, ab 1947 Alphabetisierungskurse in seinem Heimatland durchgeführt hatte. Die Frage nach dem Wesen von Unterdrückung habe Freire zum Phänomen der Entfremdung des Menschen seiner selbst geführt. Jeder Mensch sei von Geburt an mit von außen injizierten Prozessen der Entfremdung konfrontiert, deren effektivste, institutionalisierte Form das Bildungswesen sei. Unkonformität, wie etwa auch Analphabetismus, werde als "Unkraut" gesehen, das ausgemerzt werden solle, sei aber vielmehr eine eigene Ausdrucksform, der mit Respekt begegnet werden solle. Innerhalb der bestehenden Bildungssysteme werde jedoch nur gesprochen, nicht gehört der Mensch würde wie ein leerer Container, eine "Tabula Rasa", behandelt, den man erst mit Inhalt füllen muss. Diese Inhalte seien aber großteils starr und realitätsfern. Es reiche nicht aus, einen Satz lesen zu können, man müsse den Kontext begreifen können, und sich zutrauen dürfen, die Dinge zu interpretieren, nach dem Motto: Reading the word and reading the world.

Fühlen und Denken

Gerald Faschingeder führte abschließend die beiden Ansätze zusammen, beziehungsweise konkretisierte sie. Beide Theoretiker schlügen vor, Bildung näher an den Alltag heranzuführen und Kopfarbeit mit Handarbeit zu verbinden. Gramsci habe die Schulreform der FaschistInnen kritisiert, nach der ein differenziertes System von Schulen nach der Grundschule vorgesehen war und es zu einer frühen Segregation der Gesellschaft kommen musste. In einem solchen System erfolge zu früh die fachliche Spezialisierung auf Kosten der Allgemeinbildung, der "zweckfreien" Bildung, der auch heutzutage immer weniger Wert beigemessen würde. Bildung solle nach Gramsci eine ungebundene Daseinsberechtigung haben, nahe verbunden sein mit dem Leben der Menschen und damit eine Einheit von Fühlen und Denken schaffen. Aus einem solchen Bildungssystem würde eine Art von Organischen Intellektuellen hervorgehen, die potenziell, anders als die traditionellen Intellektuellen, mit einem starken Alltagsbezug die bestehenden Machtverhältnisse in Frage stellen könnten. Gramscis Zugang dürfe, so Faschingeder, nicht als permissive oder "laissez faire"-Politik der Bildung verstanden werden, Disziplin und Organisation seien durchaus ausschlaggebend. Der Grundgedanke sei, dass Menschen ohnehin durch die Gesellschaft gebildet werden würden, man solle den Prozess allerdings in eine positive Richtung lenken.

Der Alltagsbezug der Bildung stehe auch bei Paulo Freire im Vordergrund. In Bildungseinrichtungen, die nach seinen Konzepten organisiert seien, würde gelernt und auch gearbeitet, die Kopfarbeit würde in das praktische Leben eingewoben. Gerald Faschingeder beschreibt, wie Freire vorschlug, in Kulturzirkeln Alltagskultur zu diskutieren und auf allen Ebenen eine dialogische Bildung zu garantieren, bei der die Rollen von SchülerIn und LehrerIn wechseln, und sich beide in gegenseitigem Respekt auf ein gemeinsames kritisches Denken einlassen. Gegenstand des Bildungs-Dialogs sollten Begriffe sein, die einen unmittelbaren Bezug zum Leben hätten, aber mit deren Hilfe sich auch hinter dem Alltag stehende Strukturen enthüllen lassen könnten. Freire spreche von der Befreiung der Unterdrückten, aber auch der Unterdrückenden. Nach Gerald Faschingeders Interpretation befreie sich niemand selbst, aber ebenso wenig sei niemand imstande, andere zu befreien. Befreiung sei vielmehr ein wechselseitiger, gemeinsamer Prozess, der in der Arena der Bildung stattfinden könne und solle.

Literaturempfehlungen

Antonio Gramsci: Erziehung und Bildung. Hamburg, 2004.

Paulo Freire: Pädagogik der Unterdrückten: Bildung als Praxis der Freiheit. Reinbek bei Hamburg, 1980.

Peter Mayo: Politische Bildung bei Antonio Gramsci und Paulo Freire. Perspektiven einer veränderten Praxis. Hamburg, 2006.

Die Autorin ist Studentin der Internationalen Entwicklung.

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit.