Die Volksbildung war am Fünften Weltsozialforum in Porto Alegre ein wichtiges Thema.
Von der Kritik an der Praxis ….
Der Ursprung der educação popular ist eine Kritik an den herrschenden Verhältnissen im Bildungssektor. Die herkömmlichen Bildungssysteme wurden von der Linken und progressiven Sektoren der Kirchen als elitär kritisiert. Es wurden Alternativen gefordert. Educação popular entstand als Antwort auf den Ausschluss des „Volkes“ aus dem formalen Bildungssystem. Als „Volk“ wird in Brasilien die Masse der armen Bevölkerung verstanden, in Abgrenzung zum wohlhabenden establishment, dessen kulturelle Orientierung ohnehin in Richtung Ausland geht. Teure Privatschulen sichern den Zugang zu den ebenfalls kostenpflichtigen Universitäten. Die erschwinglichen öffentlichen Universitäten stellen mittels anspruchsvoller Aufnahmenprüfungen die soziale Selektion sicher. So wie in Brasilien ist es in vielen Ländern der ökonomischen Peripherie. Aber auch in den OECD-Staaten findet mittlerweile eine Annäherung an dieses Modell statt. Statt Chancengleichheit über soziale Milieus hinweg zu ermöglichen, verstärken solche Systeme die Ausbildung und Trennung sozialer Klassen.
… über die Theorie …
Educação popular versucht, diese Chancenungleichheit abzuschwächen. Es geht ihr nicht darum, die bildungsbezogenen Mängel einzelner Individuen zu kompensieren, auf dass einige wenige mehr eine Chance auf einen gut bezahlten Job haben, sondern eine Bewusstseinsbildung bei einer breiten Schicht der Bevölkerung zu erreichen. Die Armen sollen erkennen, dass sie nicht arm, sondern ausgebeutet sind. Sie sollen in weiterer Folge lernen, sich als eine gesellschaftliche Klasse zu empfinden. Dies ist der marxistische Kern der educação popular. Ohne ein Erkennen und Benennen von Klassenverhältnissen bleibt die beste Unterrichtsmethode gesellschaftspolitisch konservativ. Die Verhältnisse sollen nicht nur erkannt, sondern auch zu verändern gelernt werden. Kollektive Aktion wird als wirksame Aktion betrachtet. Educação popular ist deshalb auch Organisationsentwicklung.
… zurück zur Praxis
Am Weltsozialforum gab es ein breites Angebot zu educação popular. Im Workshop Educação popular mit der Welt verbinden fanden sich etwa 25 Personen zusammen, die in unterschiedlichen Ländern als MultiplikatorInnen der educação popular tätig sind, in Alphabetisierungsprogrammen oder als GesundheitsarbeiterInnen. Der Bereich der reproduktiven Gesundheit von Frauen und deren damit verbundene Rechte stellen heute einen wichtigen Schwerpunkt dar.
Konkret beginnt alles recht einfach. Ausbeutung geschieht dann besonders leicht, wenn die Armen nicht lesen und schreiben können. Die meisten Programme der educação popular sind daher Alphabetisierungsprogramme für Erwachsene. Dabei wird häufig die Methode verwendet, die Paulo Freire für Alphabetisierung entwickelt hat. Es soll nicht nur gelernt werden, ein Wort oder einen Satz zu lesen, es gilt vielmehr, die Welt lesen zu lernen. Worte und Silben werden in Bezug zu Bildern aus der Lebensrealität der Lernenden gestellt. Ein Prozess der Selbsterkenntnis und der Bewusstseinsbildung wird provoziert.
Erfahrungen aus Argentinien
Zwei Teilnehmer aus der argentinischen Arbeitslosenbewegung erzählten von ihrer Erfahrung. „Für uns Arbeitslose kommt alles von der Politik: Arbeit, Gesundheit, Bildung … Wie können wir da sagen, dass irgend etwas nicht politisch ist?“ Sie haben in Buenos Aires eine Volksbibliothek errichtet, um auch einen Zugang zu Büchern zu ermöglichen. Eine Bibliothek ist aber auch ein wichtiger Begegnungsort. „Educação popular ist kein Projekt, sie ist eine Notwendigkeit, die noch vor jeder Politik kommt.“
In Argentinien habe sich educação popular als ein neuer Politiktypus etabliert. Zum einen bezeichnen linke Parteien damit ihre internen Ausbildungsprogramme, zum anderen sei nach der großen Wirtschaftskrise in Argentinien etwas Neues unter diesem Namen entstanden: In der Arbeitslosenbewegung gebe es WanderlehrerInnen, die herumziehen, und educação popular verbreiten. Es stehe keine bestimmte Organisation dahinter, das sei kein von außen finanziertes Entwicklungsprojekt, es seien einfach Leute, die etwas tun, weil die Verhältnisse nicht so bleiben könnten, wie sie sind. Inspiriert wurde die Arbeit der Arbeitslosenbewegung durch Ansätze Paulo Freires, durch die Befreiungstheologie und durch die Erfahrungen aus Chiapas.
Wider die Passivität
Eine Teilnehmerin aus Bahia meinte: „Educação popular ist etwas mit aktiver Beteiligung der Leute, aber ausgehend von den wirklichen Bedürfnissen. Daher ist educação popular dialogisch ausgerichtet. Es funktioniert aber nur, wenn die Leute etwas wissen wollen. Sie müssen dann anders agieren als sie es von Fernsehen und Konsum gewohnt sind. Der macht alle so passiv!“ Ein Teilnehmer aus Indien betonte die Wichtigkeit lokaler Volksbewegungen: Educação popular müsse mit Volksbewegungen verbunden sein. Sie müsse künstlerische Artikulationsformen provozieren. Die Leute, die sich daran beteiligen, spielen Theater, machen Musik, tanzen, entwickeln eine breite Palette an Ausdrucksformen.
Der Workshop „Educação popular mit der Welt verbinden fand am 29. Jänner 2004 am 5. Weltsozialforum in Porto Alegre statt. Er wurde von der Bundeskoordination Internationalismus (Buko) organisiert.
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