Die Welt ist im Werden.

Am 2. Mai 2007 jährte sich zum zehnten Mal der Todestag Paulo Freires.
Das Lateinamerika-Institut (LAI) und das Paulo Freire Zentrum zeigten
in einer Veranstaltung die Aktualität seines Werkes.

Ein „Leuchtturm“ sei Freire für sie, hielt LAI-Direktorin Stefanie Reinberg in ihren Begrüßungsworten an das Publikum im gut gefüllten Europasaal des LAI fest. Ein Leuchtturm, dessen Strahlkraft weiter anhält, ergänzte Gerald Faschingeder vom Paulo Freire Zentrum, der als Moderator durch den Abend führte.

Um das bildlich zu belegen und den ZuhörerInnen die Person Paulo Freire näher zu bringen, wurde zunächst ein Ausschnitt aus der Dokumentation „Paulo Freire. Educar para transformar“ gezeigt. Paulo Freires Biographie nachzeichnend, illustriert der Film Passagen aus seinem Werk mit Szenen aus dem (Alltags)Leben von BrasilianerInnen. Er vergegenwärtigt, auf welch vielfältige Weise Paulo Freire auch heute noch Menschen aus verschiedenen Bereichen beeinflusst. Personen aus der Bildungspraxis, aus Kunst und Politik erzählen, welch bereichernde Quelle das Werk Freires für sie darstelle. Sogar in den HipHop haben Freires Ideen Einzug gehalten, wie ein Musikvideo junger brasilianischer Rapper audiovisuell demonstrierte. In Interviewauszügen kam Freire auch selbst zu Wort, um eigene Erfahrungen und zentrale Stellen seines Werkes zu erläutern.

Auf den Spuren Paulo Freires.

Im Anschluss an den Film präsentierte Heidi Hajszan, Diplomandin der Internationalen Entwicklung, Ergebnisse ihrer Suche nach Spuren Paulo Freires, die sie für ein paar Monate nach Brasilien geführt hatte. Wie sie zeigte, sind insbesondere in Freires Heimatregion Pernambuco einige Organisationen tätig, die von Freire inspiriert sind und sein Werk als Bezugspunkt nehmen. Die Arbeitsgruppe für Beratung, Forschung und soziales Handeln (ETAPAS) beispielsweise versucht in ihrem Bildungsprogramm für Jugendliche, berufliche (Fach)Ausbildung mit politischer Bildung zu kombinieren. Die in ländlichen Gebieten aktive Comissão Pastoral da Terra wiederum hat sich eine gerechtere Landverteilung, Alphabetisierung der Landbevölkerung und den Schutz von Menschenrechten zum Ziel gesetzt. Heidi Hajszan kommt zu dem Schluss, dass die Lehre Freires gerade in den verarmten Regionen Brasiliens nichts an Bedeutung und Brisanz eingebüßt habe und Alphabetisierung und (politische) Volksbildung weiterhin als Instrumente zur Emanzipation erachtet würden.

„Die Welt ist nicht, sie ist im Werden“.

Zum Abschluss legte auch der wissenschaftliche Leiter des Paulo Freire Zentrums, Andreas Novy, in seinem Vortrag den Akzent auf die ungebrochene Aktualität des Oeuvres des brasilianischen Philosophen und Pädagogen. Im Kern berge Freires Werk zwei Anliegen, so Novy. Zum einen sei es ihm darum gegangen, das Denken in Dualismen und Dichotomien aufzubrechen und durch eine dialektische Herangehensweise zu ersetzen. Zum anderen habe Freire ein zustandsfixiertes, statisches Denken abgelehnt. „Die Welt ist nicht, sie ist im Werden“ so lasse sich Freires Weltbild mit seinen eigenen Worten zusammenfassen. Damit enthalte diese Weltsicht eine wichtige Botschaft: Wenn alles in Bewegung ist und ständig Veränderungen unterliegt, dann sind wir alle Teil dieser Entwicklungen. Über Bewusstseinsbildung habe Freire versucht, die Menschen darauf aufmerksam zu machen und sie zu animieren, die eigene Lebenswelt, das eigene Umfeld (aktiv) zu gestalten. (Theoretisches) Reflektieren sollte dabei die Menschen zu bewusstem Handeln zur Praxis befähigen.

Auf diese Weise könne, wie Andreas Novy betonte, ein weiterer irreführender Dualismus aufgebrochen werden, nämlich jener zwischen „Theorie“ und „Praxis“. Auch in der Entwicklungszusammenarbeit werde heute allzu oft eine Trennlinie zwischen diesen beiden Bereichen gezogen. Unter Rekurs auf Paulo Freire (und dessen Konzept des „Erfahrungswissens“) gelte es, diese Trennung dialogisch zu überwinden und eine Entwicklungspolitik zu betreiben, die diesen falschen Dualismus dialektisch auflöst. Ein solcher Zugang sollte auch in der Wissenschaft als Kompass fungieren. Abgesehen davon, dass das auf den Universitäten Gelehrte häufig erschreckend wenig Realitätsbezug haben, herrsche auch unter WissenschafterInnen oft ein perfides Denken in unüberwindbaren Strukturen, schilderte Novy seine Beobachtungen. Daraus resultierend habe er bei StudentInnen vielfach ein verkürztes Theoriebild bemerkt, das Theorie und Praxis einander gegenüberstellt. Nicht nur deswegen sei er überzeugt, dass die Ideen Freires auch heute noch Beachtung verdienen.

Um der Vorstellung des Reflektierens und Dialogisierens auch praktisch nachzukommen, wurde dann das Publikum aufgefordert, in Kleingruppen zu diskutieren, gemeinsam Fragen zu formulieren und diese anschließend gesammelt an Andreas Novy zu richten. Dass das zuvor Gehörte auf das Publikum Wirkung gezeigt hatte, ließ sich an den regen Unterhaltungen leicht erkennen. Am Buffet, wo die Veranstaltung hinterher zu Ende ging, wurde der Dialog dann noch weiter intensiviert.

Heidi Hajszan: „Politische Bildung heute“ … in Freires Heimat Recife

Heidi Hajszan: Nachhaltigkeit, Bildung, Emanzipation

Der Autor studiert Volkswirtschaftslehre an der Wirtschaftsuniversität Wien und ist Praktikant des Paulo Freire Zentrums.

Veröffentlicht in Paulo Freire, Bildungsungerechtigkeit.