Nachhaltigkeit, Bildung, Emanzipation.

Die Comissão Pastoral da Terra (CPT) sucht umfassende Konzepte für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen der ländlichen Bevölkerung des brasilianischen Nordostens. Ein Bericht zum Besuch bei der Regionalgruppe Recife.

Die CPT National hat ihren Sitz in Goiânia (im Bundesstaat Goiás) und wurde 1975 gegründet. Sie ist eine der zahlreichen Organisationen, die aufgrund der Notwendigkeit ziviler Selbsthilfe während der brasilianischen Militärdiktatur bis Anfang 1980er gegründet wurde. Vor allem der Kampf gegen die Rohstoff-Ausbeutung und die damit einhergehende Zerstörung des Amazonas-Gebietes (seitens der Militärregierung) sowie der Schutz der dort ansässigen Bevölkerung stand in den Gründerjahren im Vordergrund; die Organisation verschrieb sich also von Anfang an der nachhaltige Nutzung von Ressoucen.

Die Comissão Pastoral da Terra versteht sich nicht als NGO oder Volksbewegung, sondern als evangelische Mission und hat sich dabei dem Kampf um die gerechte Verteilung von Grund und Boden bzw. einer wirklichen Reform für gerechtere Landverteilung verschrieben. Der ländlichen Bevölkerung soll in den „Einsatzgebieten“ umfassend bei der Gründung bzw. Festigung verschiedener Organisations- bzw. Mobilisierungsformen Hilfestellungen geboten werden – die Erschließung ökonomischer, politischer, sozialer und kultureller Räume hat somit ein wichtige Bedeutung. Die autonome Entwicklungsfähigkeit der lokalen Gemeinschaften sowie die cidadania (Bürgerschaft und das dazugehörige Bewusstsein) jedes/r Einzelnen werden unterstützt, die Menschen sollen selbst zu ProtagonistInnen werden.

Die CPT betont in den verschiedenen Einsatzbereichen und Projekten eine Sensibilität gegenüber Gender-Fragen und ethnischen Unterschieden, im Zusammenleben verschiedener Generationen soll gegenseitige Toleranz geübt werden. Das Ziel der CPT in allen ihren Aktivitäten ist ein dialogo éducativo (das voneinander Lernen also).

Die Comissão Pastoral da Terra im Pernambuco.

Die CPT Nordeste mit Sitz in Recife und besteht seit 1988. Seit dem Beginn der Kolonialisierung Anfang des 16. Jahrhunderts wurde unter der Herrschaft der portugiesischen Kroneim im Nordosten Brasiliens großflächiger Zuckerrohr-Anbau mittels Sklavenarbeit eingeführt, um die steigende Zucker-Nachfrage in Europa zu stillen. Der Kampf für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen der LandarbeiterInnen hat über die Jahrhunderte nichts an Aktualität eingebüßt, wirtschaftliche Ausbeutung durch GroßgrundbesitzerInnen herrscht bis heute vor.

In dieser vergleichsweise armen Region Brasiliens stellt sich nach Auskunft eines CPT-Mitarbeiters seit jeher die Frage, wie die semi-ariden (also halbtrockene) Böden nachhaltig bzw. effizient genutzt werden können. Der Regenmangel begrenzt die natürliche Fruchtbarkeit, so wird hier mit Hilfe der CPT konsequent an neuen Techniken der Wasserspeicherung bzw. Landbewässerung gearbeitet. Ausserdem soll die (zumindest kleinräumige) Umstellung von Monokultur auf nachhaltigere Anbaumethoden forciert werden. Die CPT Nordeste assistiert hierbei der Bevölkerung in acampamentos (Landbesetzungen), die von besitzlosen LandarbeiterInnen als Protest gegen das historisch gewachsene Grossgrundbesitzertum erkämpft wurden und die Notwendigkeit von Autonomie und Subsistenzsicherung ausdrücken.

Die Hilfestellungen der Organisation umfassen z.B. allgemein berufliche oder technische Spezialisierungskurse im Bereich Landwirtschaft sowie Alphabetisierungskurse für Jugendliche und Erwachsene. Die Comissão Pastoral da Terra assistiert auch bei der „Platzierung“ von Agrarprodukten auf lokalen Märkten, der direkte Verkauf vom den ProduzentInnen an die KonsumentInnen wird angestrebt.

Gemeinsames vor Partikularinteressen.

Die Autorin begleitete im August und September 2006 CPT-MitarbeiterInnen in das im Juni 2006 „neugegründete“ acampamento Irmã Dorothy (nahe Recife). Dort wurde gleich anfangs eine Frauengruppe ins Leben gerufen, in der sich Frauen und Mädchen jeden Alters dreimal in der Woche zum Gespräch treffen. Die Frauen gaben im Gespräch mit einer CPT-Mitarbeiterin zu verstehen, dass sie Angst davor hätten, sich eine emanzipierte Rolle in ihrem neuen sozialen Umfeld anzueignen, schliesslich ginge es hierbei auch um die Verteilung von Einfluss und Macht über gewisse Räume innerhalb des neu erschlossenen Landes.

Weil Leben und der Arbeitsalltag dort noch sehr provisorisch organisiert seien und viele Arbeitsbereiche erst „zugewiesen“ werden müssten, sei die frühe Gründung der Frauengruppe wichtig, um von Anfang an etwas Neues zu etablieren und sich einen eigenen Platz schaffen zu können. Als Vorhaben für die nahe Zukunft sprachen die Frauen auch von der Gründung eines „Gesundheitsrates“. Einfache Medikamente wie z.B. Schmerztabletten sollen für alle BewohnerInnen zur Verfügung stehen.

Es wird deutlich, dass es kaum rein „frauenspezifische“ oder „männerspezifische“ Themen gibt. Frauen agieren hier als Gestalterinnen des „acampamento-internen“ Lebens, das Verfolgen von einzelnen Zielen ohne die gleichzeitige Beachtung anderer Vorhaben erscheint sinnlos.

Die CPT „lebt“ Paulo Freire.

Auch bei einer Reflexionswoche bzw. einem Koordinationstreffen der CPT-MitarbeiterInnen des Nordostens Anfang September 2006 in Olinda (nördlich von Recife) konnte beobachtet werden, dass die CPT einen sehr umfassenden Ansatz vertritt. Die Veranstaltung war thematisch in drei grosse Blöcke unterteilt: métodologia, gênero/sexualidade/etnia sowie campesinato. Schon beim Betreten der Seminarräumlichkeiten stachen ein Bild und ein Gedicht von Paulo Freire in Auge. Es handelt von „o homen novo e a mulher nova“ (vom „neuen“ Mann und der „neuen“ Frau also und ist als Anregung zum Nachdenken und „Lesen der Welt“ gedacht).

Man lebt Paulo Freire in der CPT nicht nur im Beruf (z.B. in den Alphabetisierungsmaßnahmen in den verschiedenen Projekten), man „lebt ihn auch privat“. Bei einem Besuch im Haus eines CPT-Mitarbeiterpaares war beispielsweise zu beobachten, dass der kleine Sohn der Familie nach der Methode Paulo Freires‘ alphabetisiert wird. Somit sind die MitarbeiterInnen der Comissão Pastoral da Terra in der Tat als Erben Paulo Freires zu verstehen, die sein Werk in dessen Heimat bis heute weitertragen.

Die CPT in Internet: https://www.cptnac.com.br/

Die Autorin studiert Internationale Entwicklung in Wien und hat die Comissão Pastroral da Terra im Sommer 2006 im Rahmen eines Projektes des Paulo Freire Zentrums Wien besucht.

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