Polemische Bildungswissenschafter*innen mag es einige geben – kritische, witzige und dennoch visionäre Bildungswissenschafter*innen sind aber ausgesprochen selten. Am 7. April 2021 ist mit Erich Ribolits ein solcher visionärer Polemiker nach langer Krankheit verstorben. Mit ihm verliert das Freire Zentrum ein inspirierendes Beirats-Mitglied, aber auch einen guten Freund, der unsere Arbeit seit der Gründung des Freire Zentrum 2004 aufmerksam und mit Sympathie verfolgt hatte.
Ribolits hat an einer ganzen Reihe unserer Veranstaltungen mitgewirkt und sich dort in einer Art und Weise eingebracht, die man am ehesten als „optimistischen Bildungsskeptizismus“ bezeichnen kann. Man kann ihm sicherlich nicht vorwerfen, dass er die Macht und Möglichkeit von Bildung überschätzt hat. Im Gegenteil, er gehörte zu jenen seltenen Bildungsdenker*innen, die in der Lage waren, den politökonomischen Kontext mitzudenken. In einem Tagungsbericht vom Dezember 2006 hatte ich dazu notiert:
„Bildung mache unglücklich, so der Erziehungswissenschafter Erich Ribolits, der beim abschließenden „Club Zwei“ mitdiskutierte: „Wenn Bildung nicht unglücklich macht, dann ist sie keine. Bildung zielt auf Bewusstwerdung.“ Die Moderatorin Silvia Nossek konterte daraufhin: „Also wenn Sie für Bildung werben wollen, müssen Sie noch etwas an der Darstellung arbeiten!“ Ribolits präzisierte seine skeptische Darstellung mit dem Hinweis, dass unter dem Motto des lebenslangen Lernens Menschen Bildung heute wie Zwang erleben: „Von der Wiege bis zur Bahre nichts als Seminare“. Daraufhin entspannte sich eine Debatte über die Ambivalenz des Lustempfindens bei der Bildung: Wie das Verliebtsein wirke Bildung manchmal schmerzhaft oder manchmal lustvoll. Zuletzt hinterfragte Ribolits, dass Bildung eine direkte Wirkung entfalte. Es habe noch nie so viele Bildungsinstitutionen und -initiativen wie heute gegeben, aber deshalb sei in der Welt noch nichts wirklich besser geworden. Es brauche eben Bewusstseinsbildung, die nicht automatisch mit vermehrtem Lernen einhergehe.“
Vom Elektrotechniker zum Professor.
Erich Ribolits wusste, dass Bewusstseinsbildung mehr ist als eine Übung in Selbsterkenntnis. Er hat sich selbst durch die Mühen der Ebenen und der Bildungsinstitutionen gearbeitet. Seine höhere Bildung startete mit einer Elektrotechniker-Ausbildung, führte ihn über Südafrika schließlich dazu, als Berufsschullehrer zu arbeiten. In diesem Kontext gerät das Nachdenken über Bildung zwangsläufig zu einer realistischen und „geerdeten“ Tätigkeit. Später war er als Professor an der Agrarpädagogischen Akademie Wien tätig. [Mehr über seinen Lebenslauf findet man in Elke Grubers Nachruf sowie im Wikipedia-Eintrag]
Wir wären einander nicht begegnet, wenn Erich Ribolits sich nicht habilitiert und über Umwege ab 2000 als Professor an der Universität Wien gelehrt und publiziert hätte. 2006 lud ich ihn zu unserer Tagung „Volksbildung heute“ ein, bei der er das oben zitierte skeptische Statement absetzte. Um nichts zu beschönigen, muss ich ehrlicherweise dazusagen, dass viele der Teilnehmenden von dieser Sicht reichlich irritiert waren. Aber das war auch Erichs Intention. Er wollte zum Nachdenken anregen, und zwar zum radikalen Nachdenken. Darin lag ja gerade sein Bildungsverständnis, wie er in einem Interview mit Vera Brandner 2007 deutlich machte:
„Bildungsarbeit sollte über das Ziel der „Verwertbarkeit“ hinausgehen und dem Menschen ermöglichen, die eigenen Lebenssituation zu begreifen und ihn befähigen, sich für eine humanere Welt engagieren zu können.“
Erich Ribolits liest Paulo Freire.
Hier liegt der Überschneidungsbereich mit Paulo Freire, dessen pädagogische Reflexionen ebenfalls auf Ermächtigung und Selbstwerdung zielen. Von da an lud ich Erich Ribolits bei jeder Gelegenheit zu unseren Veranstaltung ein. Auch in Ringvorlesungen zum Thema „Ökonomisierung der Bildung“ und später zu „Bildung und ungleiche Entwicklung“ konnte ich nicht auf ihn verzichten. Für viele Studierende mag seine didaktisch pointierte Darlegung des Unterschiedes zwischen dem Gebrauchs- und dem Tauschwert von Bildung als Augenöffner gewirkt haben:
„Wenn man den Wert der Bildung hinsichtlich des Gebrauchswerts betrachte, dann bilde sich das Individuum für den persönlichen Nutzen und für die persönliche Weiterbildung. Es eigne sich Wissen und Fertigkeiten an, um sein Leben autonom gestalten zu können und könne durch dieses erworbene Selbstbewusstsein kritisch die Gesellschaft hinterfragen und sich darin positionieren, so Ribolits. Bildung in diesem Zusammenhang kläre auf und emanzipiere. Beim Tauschwert träten andere Faktoren in den Vordergrund. Das Individuum entscheide bei der Wahl der Bildung im Hinblick auf den Grad der Verwertbarkeit, auf das potentielle Einkommen und auf das damit verbundene gesellschaftliche Image. Das Interesse trete insofern in den Hintergrund, als dass auch nach den Bedürfnissen des Marktes gefragt werde, an die man sich anpassen will. Diese Art von Bildung diszipliniere die Lernenden, damit sie ihre Plätze in der Hierarchie der Gesellschaft je nach Leistungsbereitschaft einnehmen könne.“
Der Bildungsoptimist.
Doch Erich Ribolits war nicht nur ein Bildungsskeptiker. Je länger ich ihn kannte, desto deutlicher trat der Bildungsoptimist in ihm zutage. In einer seiner letzten Mails an mich schrieb er mir: „Übrigens – es klingt vielleicht ein biss’l schizophren, aber ich glaub, dass ich trotz allem, was ich da so von mir gebe, genau genommen auch noch immer ein Bildungsoptimist bin! Ansonsten bräuchte ich ja nicht in Form von LVs oder Texten aufklärungskritische Aufklärung betreiben – wahre Antiaufklärer müssen letztendlich ja eigentlich den Mund halten (und auch auf das Benützen „der Feder“ verzichten). Man kann den Widersprüchen des Daseins wahrlich nicht entkommen … “
In anderen Worten sagte er dies bei unserer Veranstaltung am 2. Mai 2017, zum 20. Todestag von Paulo Freire: „Die Ideen Paulo Freires haben viel mit einem Glauben zu tun – mit dem Glauben an den Menschen. Mit dem Glauben, dass der Mensch grundsätzlich etwas Besonderes ist“.
(Zum Nachsehen und -hören hier, ab min. 1.40)
So befasste sich Erich gegen Lebensende immer öfter mit der Frage nach den letzten Dingen. Glaube, Optimismus – aber auch Lust. Wie erfrischend kam seine letzte Publikation daher, das „schulheft“ zum Thema „Lust“ (2018). Lustvoll erzählte er mir, wie ratlos einige Kolleg*innen in der Redaktion mit seinem Ansinnen gemacht hatte, eine Lust-Nummer herauszugeben. Nein, um Sex ging es dort nicht. Sondern um eine freudvolle Lern-, Lehr- und Lebenspraxis! Erich schreibt in diesem schulheft über die „Frage, wie wir uns Glück und Gemeinschaft jenseits von leistungs- und konsumorientierten Gesellschaftsformen vorstellen können.“ Dieser letzte Text von Erich ist uns ein Auftrag, weiterhin diese Frage aufzuwerfen und nicht müde dazu werden, kritische, skeptische und doch auch visionäre Antworten darauf zu versuchen. Sie dürfen auch witzig, ja sarkastisch sein. Wir werden Erich nicht ersetzen können, denn allein sein Schmäh macht ihn unnachahmbar. Aber wir würden der Erinnerung an ihn nicht gerecht, wenn wir uns dieser Frage nicht stellten. Oder, um es mit dem Titel seines letzten Textes zu sagen: „Habe Mut, dich deiner Sehnsucht nach Lust und Liebe zu besinnen!“
Weiterführende Links:
Nachruf Elke Gruber
Wikipedia-Eintrag zu Erich Ribolits mit Werkliste
Website schulhefte mit Nachruf
schulheft 171 zum Thema „Lust“
Foto © K.K., erwachsenenbildung.at