„Wissen wird vermittelt, entfaltet jedoch keine Wirkung mehr“

Die Autorin sprach mit einer Reihe von Personen aus dem Bildungsbereich über deren Beziehung zu Paulo Freire und seinem Werk. Teil III: Ein Gespräch mit Erich
Ribolits.

ER_W150.jpg

Erich Ribolits ist Universitätsprofessor am Institut für Bildungswissenschaften der Universität Wien, Abteilung für Aus- und Weiterbildungsforschung. Er begann seine berufliche Laufbahn als Techniker und wechselte dann in die Berufschule um als Lehrer tätig zu sein.

Die vergangenen 20 Jahre widmete er der LehrerInnenausbildung. Das Studium der Bildungswissenschaften absolvierte er neben seiner
Lehrtätigkeit an der Berufschule.

Wie es zu der bemerkenswerten Laufbahn gekommen ist, begründet Erich Ribolits mit dem Bedürfnis, auf gesellschaftliche Probleme, die in Pädagogik und Politik begründet
sind, zu reagieren.

„Es gab wahrscheinlich noch nie eine Zeit, in der Menschen derart problemlos Zugang zu Wissen hatten wie heute. Aber dieses Wissen entfaltet keine emanzipatorische Wirkung. Ganz im Sinne der Analyse von Freire wird es bloß eingelagert, bei Bedarf abgerufen, aber es verändert die Menschen nicht.“

Freire in Österreich.

Während des Studiums der Bildungswissenschaften in den 1970ern sei Paulo Freire gelesen worden. In Tutorien und selbst bestimmten Arbeitsgruppen am Institut habe die Möglichkeit bestanden, das Gelesene in die Praxis umzusetzen. Ziel sei es gewesen, über die Reflexion hinauszuarbeiten und politisch zu agieren.

„Es bestand der Glaube, etwas tun zu können, ein Instrument in die Hand zu nehmen, das Politik und Bildung miteinander vereint. Es galt, die bürgerliche Bildung zu überdenken und zu überwinden. Die Uni Wien war und ist dafür bekannt, dass groß geredet wird. Nur – umgesetzt wird und wurde kaum etwas innerhalb der Universitätsstrukturen.“

Freire in die österreichische Realität zu übersetzen sei damals – wie heute – ein schwieriges Unterfangen gewesen. Trotzdem habe der Anspruch bestanden, die Pädagogik Freires im Rahmen der Erwachsenenbildung in staatlich organisierten Bildungseinrichtungen einzusetzen.

Analphabet*innen in Österreich.

Eine tatsächlich Parallele zur brasilianischen Realität der 1970er sieht Erich Ribolits in der Alphabetisierungsarbeit in Österreich heute. Es werde kaum über Analphabetismus in Österreichisch gesprochen, obschon er tatsächlich existiere. Es handle sich dabei um eine spezielle Art des Analphabetismus Menschen am Rande der Gesellschaft, die sich in massiver Abhängigkeit befänden und nicht in der Lage seien, ihrer Situation Ausdruck zu verleihen.

Konkret spricht Erich Ribolits die Integrationsprogramme an, in denen MigrantInnen verpflichtet seien, die deutsche Sprache zu erlernen, um für das österreichische System „brauchbar“ und „verwertbar“ zu werden:

„Bildungsarbeit sollte über das Ziel der „Verwertbarkeit“ hinausgehen und dem Menschen ermöglichen, die eigenen Lebenssituation zu begreifen und ihn befähigen, sich für eine humanere Welt engagieren zu können.“

Bildung und Politik in Österreich.

Die Zeiten konkreter politischer Zuschreibungen in Österreich seien vorbei es sei, so Erich Ribolits, heute wesentlich schwieriger geworden, sich eindeutig zu einer politischen Gruppierung zu bekennen. Der Glaube, das kapitalistische System auf den Kopf stellen zu können, das Gute zu bewahren und nach einer gerechteren Ordnung zu streben, sei in den 1970er Jahren eine treibende Kraft gewesen. Inzwischen habe sich herausgestellt, dass eine politische Begrenzung der Ökonomie innerhalb nationaler Grenzen nicht möglich sei.

Der Einfluss Freires sei durchaus politischer Natur gewesen. Bildung sei als die Fähigkeit verstanden worden, Menschen zu ermächtigen und über diesen Weg die Gesellschaft zu verändern. Heute bestehe dieser Anspruch an die Bildung nicht mehr. Das heutige Verständnis von Bildung ist, dass Menschen vieles Lernen, was sie als Arbeitskraft brauchbar macht, sie sollen sich in funktioneller Hinsicht gut auskennen gut funktionieren und möglichst gut verwertbar sein:

„Wir sollen unseren Lebensbedingungen mündig gegenüberstehen, so wird es durchaus von Bildungstheoretikern propagiert. Da frage ich: Was soll Mündigkeit heute denn eigentlich konkret bedeuten woran lässt sich der mündige Mensch erkennen?“

Bildung sei zur Ausbildung umfunktioniert worden es fehle der Mut, Bildung und Mündigkeit als eine Größe zu fassen, die bestimmte gesellschaftliche Auswirkungen generiere.

Student*innen in Österreich.

Im Rahmen der Lehrtätigkeit an der Universität Graz besteht für Erich Ribolits die Möglichkeit, in Form von Lerntagebüchern Texte von Paulo Freires bearbeiten zu lassen. Die meisten Texte Freires seien schwer verständlich. Das liege zum Teil an der sehr schlechten Übersetzung und an der Tatsache, dass diese Texte bereits relativ alt seien. Fragen und Meinungen zum Text würden in den Lerntagebüchern von den Studierenden genau festgehalten, was zu einer besonders intensiven Auseinandersetzung anregen könne. Die Lerntagebücher trügen, so Erich Ribolits, in hohem Maße zum besseren Verständnis von Freires Texten bei.

StudentInnen reagierten meist sehr erstaunt, wenn sie mit dieser Methode konfrontiert werden. Zum einen würden sehr wenige StudentInnen das Studium als Anlass sehen, das eigene Leben mit kritischen Augen zu betrachten. Zum anderen seien sie es nicht gewohnt, im universitären Rahmen auf die Frage nach der eigenen Meinung und dem persönlichen Empfinden gefragt zu werden. Für die StudentInnen heute sei die Idee des souveränen, autonomen Menschen, der den gesellschaftlichen Status quo kritisch hinterfragt, nicht mehr selbstverständlich.

Besonders in Lehrveranstaltungen, in denen die Methode der Lerntagebücher eingesetzt werde, komme es zu einem wechselseitigen SchülerInnen/LehrerInnen-Verhältnis. Die eigene Meinung werde erarbeitet und fundiert, die StudentInnen seien keine passiven ZuhörererInnen mehr. Ribolits als Lehrer trete in den Hintergrund und werde zum Studenten, wie die StudentInnen für ihn zu LehrerInnen werden.

Unterdrückung in Österreich.

Die Trennung Unterdrücker/Unterdrückte könne nicht mehr aufrecht erhalten werden tatsächlich bestehe eine Beteiligung aller am System der Grad der Unterdrückung sei unterschiedlich. Selbst Menschen in guten Positionen fühlten sich in gewisser Weise unterdrückt. Erich Ribolits sieht sich selbst als Systemträger und auf universitärer Ebene als Unterdrücker:

„Was passiert, passiert nicht unbedingt für die menschliche Emanzipation der StudentInnen, nicht dafür, dass sie mündiger werden, eher dafür, dass sie sich besser verwerten können.“

Die Autorin ist ipsum-Aktivistin und Studentin der Internationalen Entwicklung.

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit.