Enteignung des realen Traums

Die Militärpolizei räumte den besetzten Parque Oeste Industrial in Goiania, der Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaats Goia, mit brutaler Gewalt.

Am 10. Februar 2005 berichtete das PFZ noch aus dem Parque Oeste Industrial („Warten auf den Angriff“). Am Tag danach begannen die ersten Angriffe. Am 16. Februar 2005 räumte die Militärpolizei das besetzte Gelände. Offizielle Bilanz der Operation: zwei Tote, 26 Verletzte, 25 Vermisste. Und Tausende neue Obdachlose. Tatsächlich scheinen mehr als 20 Personen bei dem Angriff getötet worden zu sein.

Anscheinend hatte die Militärpolizei die Feiertage des Karnevals noch abgewartet. Zu viele PolizistInnen mussten sich um den Straßenverkehr kümmern. Doch dann ging alles sehr schnell. 2.500 Uniformierte wurden zusammengezogen und stürmten am Morgen des 16. Februar, 9.20 Uhr Ortszeit, das besetzte Areal. Die Barrikaden wurden zunächst umgangen und schließlich von Baggern beseitigt, jene Menschen zusammengetrieben, die nicht zuvor bereits geflüchtet waren. Nach 45 Minuten brach der Widerstand der BesetzerInnen zusammen. Echte oder vermutete AnführerInnen wurden verhaftet, die übrigen 532 Personen in ein Stadion gebracht. In Brasilien geht so eine Aktion nicht ohne tödliche Gewalt: Laut Polizeibericht starben zwei Besetzer an Schussverletzungen, 26 Personen sind verletzt, davon 11 Polizisten. Als Tote identifiziert wurden Pedro Nascimento Silva, 24, und Wagner da Silva Moreira, 21. Von der Vermissten fehlt jede Spur, sie könnten auch tot oder verletzt sein.

Wer hat geschossen?

Laut Darstellung der Polizei kam keine scharfe Munition zum Einsatz, nur Tränengas und Gummigeschosse. Damit streitet sie die Verantwortung für die Toten und Verletzten ab, die laut Spitalsbericht durch Schusswaffen verletzt wurden. Im besetzten Areal wurden Waffen sichergestellt: Messer, Schlagstöcke und ganze 19 Schusswaffen. In zehn Tagen soll ein Bericht vorliegen, in dem die Ergebnisse der Untersuchungen der tödlichen Projektile und der verwendeten Schusswaffen dargestellt werden. Unterstellt wird, dass sich die BesetzerInnen gegenseitig ermordet haben. In Goiania selbst spricht die Bevölkerung aber von 20 Toten. Die Vorgangsweise der Polizei war Berichten von AugenzeugInnen zufolge brutal und rücksichtslos.

Der Sprecher der Besetzung, Américo Novaes, war bereits vor der Erstürmung des Geländes festgenommen worden. In Haft trat er sofort in Hungerstreik. Die Medien zeichnen aber ein sehr widersprüchliches Bild von den angeblichen LeiterInnen der Besetzung. Einmal wird berichtet, 20 AnführerInnen seien verhaftet worden, dann ist Américo Novaes der einzige Verantwortliche, schließlich wird wieder von 140 Verhafteten gesprochen, während der Justizminister von Goias Anweisung gab, 23 AnführerInnen in Untersuchungshaft zu nehmen. Dabei wird übersehen, dass diese Besetzung, im Unterschied zu vielen anderen, nicht von einer Organisation koordiniert wurde.

Wenig Interesse an Verhandlungen.

Die Situation hat sich zugespitzt. Laut Zeitungsberichten führten Stadtverwaltung und Polizei Verhandlungen mit den BesetzerInnen des 2.500 Hektar großen Areals. An der Ernsthaftigkeit dieser Verhandlungen muss gezweifelt werden. Den bis dahin obdachlosen BesetzerInnen war zugesichert worden, dass sie auf dem seit 10 Monaten besetzten Industriepark bleiben könnten. Das Areal nannten sie Sonho Real, wirklicher Traum. Die Verwaltung hatte den 3.500 Familien, die das Grundstück besetzten, ein alternatives Areal angeboten. Dieses war in jeder Hinsicht schlechter, sowohl hinsichtlich der Stromversorgung als auch der Verkehrsanbindung.

Der Bürgermeister von Gioania, Iris Rezende, sicherte zu, dass alle BesetzerInnen, die wirklich bedürftig sind, ein neues Grundstück bekommen. Zusätzlich sollen sie 5.000 Real (ca. 1.200 Euro) erhalten, um sich ein neues Haus zu bauen. Doch noch ehe die ehemaligen BesetzerInnen ihr Hab und Gut aus den Häusern des Areals retten konnten, hatte die Polizei bereits 25 Häuser zerstört.

Schlechte Alternative für wenige Familien.

Das Areal des besetzten Industrieparks ist 38 Millionen Real wert, das Ersatzgelände 26.400 Real, ein Indiz für die infrastrukturellen Unterschiede. Von den 3.500 besetzenden Familien wurden zudem bislang nur 161 als „wirklich bedürftig“ anerkannt. 1.234 andere Familien stellten zwar einen Antrag, konnten aber nicht die richtigen Dokumente vorweisen: Personalausweis, Geburtsurkunden der Kinder, Einkommensnachweis und anderes mehr. So scheitern viele an der Bürokratie und die Stadtgemeinde spart sich viel Geld. Gleichzeitig kann sie behauptet, dennoch zu tun, was möglich sei. Der Zynismus dieser Strategie ist kaum zu übertreffen, wurden doch die Familien aus ihren Häusern vertrieben, aus denen sie nichts mitnehmen konnten, auch keine Dokumente.

Tumult und Schutz in der Kathedrale.

Die Toten wurden mittlerweile begraben. Während der Totenwache in der Kathedrale von Goiania kam es nochmals zu Tumulten. Die Polizei verlor die Kontrolle und schoss in die Luft. Während der Trauerfeier befiel den Erzbischof von Goiania, Dom Washington Cruz, eine Übelkeit. Er hatte die letzten Tage die Räumung des Geländes genau verfolgt, immer wieder zwischen Polizei und BesetzerInnen zu vermitteln versucht und war noch einer durchwachten Nacht völlig geschwächt. Beim Begräbnis skandierten 450 anwesende LandbesetzerInnen: „Unser Traum geht weiter. Wir ergeben uns nicht!“ Realer Traum, das war der Name den sie der Besetzung gegeben hatten.

Der Erzbischof ließ unterdessen die Pforten der Kathedrale für die flüchtenden BesetzerInnen öffnen. 1.200 Menschen schliefen auf Kirchenbänken und Altarstiegen. Sie konnten nichts aus ihren Häusern mitnehmen und sind auf Hilfe angewiesen.

Wieso dieses Scheitern?

Weshalb gelingen in Brasilien immer wieder Landbesetzungen, scheiterte diese jedoch so tragisch? Zum einen werden viele Besetzungen zunächst zwei- oder dreimal geräumt, ehe die BesetzerInnen längerfristig bleiben können. Zum anderen kann das Scheitern in diesem Fall auch auf mangelnde Organisation der BesetzerInnen zurückgeführt werden.

An der Besetzung waren zudem Familien beteiligt, die ein Grundstück in einem anderen Stadtteil besitzen. Sie hofften, den zugesprochenen Grund später verkaufen zu können. Solcherlei spekulative Absichten schaden einer Besetzung massiv. Der MST (Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra, Bewegung der Landarbeiter ohne Land) fordert von Beteiligten an Landbesetzungen strenge Disziplin und verweist Personen, die sich nicht an die Regeln halten können oder wollen, von der Landbesetzung. Das gibt bei späteren Verhandlungen mit der öffentlichen Hand einen besseren Stand. SprecherInnen wissen, für wen und wovon sie sprechen. Dies scheint bei der Besetzung des Parque Oeste Industrial nicht der Fall gewesen zu sein.

Die Brasilien-Reportagen von Gerald Faschingeder:

+ Eine heiße Sache

+ „Der Süden ist sich selbst der Norden!“

+ Eine Universität für Habenichtse

+ Der Traum vom Eigenheim

+ Die globale Enteignungsökonomie

+ Warten auf den Angriff

+ Was ist educação popular?

 

Veröffentlicht in Paulo Freire, Entwicklungspolitik, Themen.