In der Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaates Goias, Goiania, haben 3.500 Familien seit zehn Monaten ein 2.500 Hektar großes Grundstück besetzt, das nun geräumt werden soll.
Die Eingänge zum besetzten Gelände haben die BesetzerInnen vorsorglich verbarrikadiert. Vor dem Haupteingang ist anstelle der Strasse nun eine Barrikade aus Autoreifen zusehen, dann ein tiefer Graben, schließlich eine zweite Barrikade, diesmal zusätzlich mit Stacheldraht bewehrt. Transparente machen die Ernsthaftigkeit der BesetzerInnen klar: „Wir sind Brasilianer, wir gehen nicht“, „Ein Stück Land kann nie soviel Wert sein wie das Leben von Menschen“, und: „Jesus, wir lieben dich“. Daneben wurde ein Sarg aufgestellt, um Polizei und Medien darauf einzustellen, dass Blut fließen wird, sollte das besetzte Areal gestürmt werden.
Spontanität
Niemand weiß, von wem die Besetzung eigentlich ausgegangen war. Es dürfte sich um eine spontane Aktion gehandelt haben, die sich rasch herumgesprochen hat. Sie steht als Symptom dafür, dass die Wohnprobleme auch in dieser Stadt nicht gelöst werden. Goiania hat 1,2 Millionen EinwohnerInnen, viele von ihnen sind obdachlos. Auf die Wahlversprechungen, das Wohnungsproblem zu lösen, folgten wenige Taten. Ohne jede Koordination hat sich eine Masse Menschen plötzlich aufgemacht, sich ein Stück Land zu suchen. Im westlichen Industriepark der Stadt wurden die Leute fündig. Das Grundstück besitzt eine gute Infrastruktur, Strom und Verkehrsanbindung. Kein Wunder, dass die Leute nicht gehen wollen.
Aber es war auch die Politik, die sie jetzt in eine Sackgasse gebracht hat. Den Leuten wurde angekündigt, dass ihre rechtliche Situation geregelt wird und sie bleiben dürfen. Daraufhin haben viele begonnen, feste Häuser zu errichten. Das Areal gleicht keineswegs einer kurzfristigen Landbesetzung, die so typischen Plastikplanen fehlen. Überall stehen Ziegelhäuser, wenn auch sehr kleine. Vor einigen Häusern wurden Brunnen gegraben. Einige Familien haben sogar Autos. Arbeitslos sind dennoch die meisten hier. Ein soziales Problem kommt selten allein.
Anspannung
Der Sprecher der Besetzung, Américo Novaes, ist eigentlich Kraftfahrer, hat in der Gewerkschaft seine politische Ausbildung erfahren und kann, wie einer hier sagte, „am besten sprechen“. Américo Novaes trägt als einziger hier elegantere Kleidung, Hemd und Hose mit Bügelfalte. Er hat heute schon viele Interviews gegeben, denn seit die Justiz die Räumung des Geländes verfügt hat, ist das Medieninteresse enorm. Der Mann ist aber sichtlich überlastet und strahlt keineswegs Optimismus aus. Aber Widerstandsgeist. Er erzählt, dass er in den letzten Tagen kaum geschlafen habe. „Die Polizei hat die psychologische Kriegsführung begonnen. Jede Nacht gibt es Alarm, die Sirenen heulen, Polizisten laufen schwerbewaffnet vor dem Lager herum. Die Kinder sind schon völlig verstört und haben Angst.“ Die Polizei hat das Gelände jedoch bislang nicht betreten. Es ist auch nicht sicher, dass es wirklich eine Räumung geben wird.
Besitzstreitigkeiten
Irgendwann in den letzten zehn Monaten hat sich eine Familie gemeldet, die von sich behauptet, Eigentümerin des Geländes zu sein. Sie fordert die sofortige Räumung, denn seit 1971 weiden hier angeblich ihre Kühe. Im Lokalfernsehen werden Besitzurkunden in die Kameras gestreckt. Eine Frau im besetzten Areal lacht: „Kühe seit 1971? Hier hat nie jemand eine Kuh gesehen. Die sind jetzt nur draufgekommen, dass sie das Land verkaufen könnten.“
Vor wenigen Tagen hat sich jedoch eine andere Familie gemeldet, die ihre Besitzurkunden ebenso ostentativ den Kameras entgegenhielt. Sie sagen mir: „Das ist unser Land! Die Besetzer können ruhig hier bleiben, wir wollen das Grundstück lieber dem Bundesstaat verkaufen.“ Das wäre die friedliche Lösung der Angelegenheit: Bundesstaat und Stadt kaufen das Land und verteilen es an die BesetzerInnen.
Politpoker
Der politische Haken an der Sache: Sowohl Gouverneur als auch der Präfekt, jeweils an der Spitze von Bundesstaat und Stadtgemeinde, sind von der selben Partei, die den GroßgrundbesitzerInnen nahe steht. Geben sie in der Sache zu leicht nach, dann verlieren sie wichtige Freunde und vor allem deren Geld für den bald anstehenden Wahlkampf. Andererseits können sie es sich nicht leisten, die Besetzung mit Gewalt aufzulösen. Américo Novaes: „Es würde sicher Tote geben. Es gibt hier Leute, die Bomben gebastelt haben. Es würden hier viele von uns sterben, aber auch Polizisten umkommen. Das ist schrecklich, dass den Politikern das kein Hindernis ist!“ Selbst organisierte Sicherheitsdienste bewachen die neun Eingänge zum riesigen Areal. Die Bewaffnung besteht aus Knüppeln, Buschmessern und Eisenstangen. Keine Frage, auf welcher Seite es mehr Tote geben würde. Américo Novaes möchte eine friedliche Lösung, er will verhandeln und nicht in das schmutzige Spiel der Politik hineingezogen werden: „Mir ist es gleich, welcher Familie das Land gehört. Ich will ernsthafte Verhandlungen.“
Die Bewegung des Landlosen, Teil der Katholischen Kirchen und viele Abgeordnete des Landtages haben den 3.500 Familien ihre Unterstützung zugesichert. Die vielen Unterstützungsversuche haben die Lage aber nicht vereinfacht, sondern teilweise noch angespannter gemacht. Marxistische StudentInnengruppen nähren Phantasien, dass ein Widerstand mit Gewalt möglich sei. Erinnerungen an Che Guevara werden wach.
Neue Spannungen
Andererseits kennt Solidarität ihre Grenzen. Andere Obdachlose haben sich gegen einen Aufkauf des Geländes durch den Staat ausgesprochen. Der Grund: Es gibt eine Warteliste für im öffentlichen Wohnbau errichtete Wohnungen. Wenn jetzt die öffentliche Hand all jene bevorzugt, die an der Besetzung teilgenommen haben, anstatt wie die anderen geduldig auf die Wohnungszuteilung zu warten, würde es Spannungen geben. Dann wäre auch mit weiteren Besetzungen zu rechnen.
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