An der Peripherie des Großraums São Paulo, an einem Tag im Februar 2005. Gerald Faschingeder besuchte ein besetztes Haus der Bewegung der Obdachlosen.
Es gibt in Brasilien nicht nur die Landlosenbewegung, den Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra (MST), sondern auch eine Obdachlosenbewegung, den Movimento Sem-Teto do Centro (MSTC).
Viele derer, die sich einer Landbesetzung anschließen, sind eigentlich arbeitlose StadtbewohnerInnen, darunter auch viele Obdachlose. Die Landflucht hat viele Menschen in die Großstädte getrieben, doch dort gab es nicht viel mehr zum Leben als am Land. Landbesetzungen sind aber nicht für alle eine Alternative, die Chancen auf einen Arbeitsplatz sind in der Stadt höher als am Land. Viele haben sogar einen Job, allerdings so schlecht bezahlt, dass sich keine Wohnung damit finanzieren lässt. Der staatlich festgelegte monatliche Mindestlohn beträgt zur Zeit 260 Real, das sind ca. 70 Euro. 2,2 Millionen Menschen im Großraum São Paulo verdienen noch weniger. Kein Wunder, dass die Wohnungsfrage ungelöst bleibt.
Vier Anläufe zum Eigenheim
Die Hausbesetzung, die ich besuche, liegt in einem guten Wohnviertel. Die Obdachlosen haben hier ein Gelände besetzt, das seit Jahren ungenutzt war. Die Besetzungspläne hatten nicht sofort Erfolg. Beim ersten Versuch kamen 4.000 Obdachlose und wurden von der Polizei wieder vertrieben. Dies geschah nicht auf Intervention der NachbarInnen, denn diese begrüßten die Besetzung sogar, war doch das ungenutzte Gelände ein gefährlicher und von den NachbarInnen unbeliebter Drogenumschlagplatz.
Doch die Sem Tetos kamen wieder, erneut wurden sie vertrieben, insgesamt dreimal. Beim vierten
Mal konnten sie bleiben. Allerdings war mittlerweile die Größe der Gruppe deutlich geschrumpft und auf 28 Familien zurückgegangen. Das Gründstück wurde nach der vierten Besetzung deshalb nicht geräumt, weil entdeckt wurde, dass das verfallene Gebäude mit einer Vorgeschichte behaftet ist. Als die Polizei den Besitzer ausfindig machte, um ihn zu fragen, ob sie das Gebäude erneut räumen soll, flüchtete er. Es stellt sich heraus, dass er Angst hatte, aufgedeckt worden zu sein. Im Gebäude hatte sich ein Kindergarten befunden und der Besitzer hatte hier Kinder sexuell missbraucht. Geändert hatten sich in der Zwischenzeit die lokalpolitischen Rahmenbedingungen, ein Kandidat der sozialistischen Arbeiterpartei war zum Bürgermeister gewählt worden. Dieser könnte etwas dazu beitragen, dass die rechtliche Situation der Hausbesetzung geklärt wird und sie einen regulären Status bekommt.
Obdachlose mit Klassikern der Politischen Ökonomie
Auf dem Grundstück steht ein verfallenes Haus. Rundherum stehen zusammengezimmerte Hütten, wie man sie aus den Favelas von Rio de Janeiro kennt. Mit Plastikplanen notdürftig abgedeckt, verbergen sie kaum ihren provisorischen Charakter, auch wenn das Provisorium Jahre andauern soll. In den Hütten selbst ist es eng und stickig, viele haben undichte Dächer und daher bilden sich Lacken.
Im verfallenen Hauptgebäude, in einem feuchten und dunklen Raum, befindet sich so etwas wie ein Klassenzimmer: drei Sessel, zwei Tische, eine Tafel. Die HausbesetzerInnen haben sich auch bildungsmäßig autonom gemacht. Neben der Klasse liegt die Wohnung eines Intellektuellen und seiner Frau. Hier finden sich ein Schreibtisch mit PC, daneben ein Bücherregal mit gut 100 Titeln, und nicht die leichteste Kost: Adam Smith, Karl Marx und andere Klassiker der Politischen Ökonomie.
Was ist das für ein Obdachloser? José gehört eigentlich zur Landlosenbewegung MST und wurde von dieser eigens für die Begleitung der Hausbesetzung abgestellt. Er ist ein organischer Intellektueller, wie es Antonio Gramsci wohl gemeint hat: Ausgehend von seiner eigenen Lebenserfahrung, seiner Praxis, beschäftigt er sich mit Theorie, studiert, aber nicht um eine akademische Laufbahn anzustreben und seine Herkunftsklasse zu verlassen, sondern um seiner politischen Bewegung als Intellektueller zu dienen.
Wem gehört was?
Als die Gruppe hierher zog, erzählt José, stellte sich das Problem, wie mit der Frage von Privateigentum und kollektivem Besitz im Rahmen der Hausbesetzung umgegangen werden soll. Armut mache keinesfalls automatisch solidarisch, oft zwinge die Not zum Gegenteil. José meint, dass sich dieses Problem nach einiger Zeit mit Bewusstseinsbildung lösen ließe. Schwieriger sei es gewesen, mit dem Drogenproblem umzugehen. „Die Drogenmafia hat hier die Hegemonie“, erläutert José gramscianisch. Dies erforderte viel diplomatisches Fingerspitzengefühl, da die Drogenmafia zu keinerlei Konzessionen bereit ist, wenn es ums Geschäft geht. Die Sem Tetas erlegten sich unbedingte Neutralität auf und schafften es, mit der Drogenmafia eine friedliche Kohabitation zu vereinbaren. Immerhin ist die Drogenfrage ein Problem der Politik und nicht der Obdachlosen. Der heikle Punkt an allen diesbezüglichen Vereinbarungen sei, dass die Polizei Teil des Drogensystems sei und unter dem Deckmantel der GesetzeshüterInnen oft schlimmer als die eigentlichen Mafiosi operiere.
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