Buchrezension “Radikale Zärtlichkeit“ von Şeyda Kurt Teil 2 – Warum ist Liebe politisch?

Dreh- und Angelpunkt von Şeyda Kurts Analyse ist die Annahme, dass Liebe inhärent politisch ist. Diese These baut auch auf der Kritik an althergebrachten Vorstellung von Liebe oder deren Essentialisierung auf. Denn bereits das geschichtliche Situieren dieser Normen und Bilder, das Einordnen in eine spezifische Entstehungssituation, hebt sie aus ihrem entpolitisierten und enthistorisierten Kontext heraus, welcher ihnen den Anspruch der Allgemeingültigkeit verleiht. Stößt man die Vorstellungen von Liebe also von diesem Sockel der Universalität, macht man sie diskutier- und kritisierbar. Auf die Erkenntnis, dass Liebe, so wie wir sie erlernt haben, eine spezifische Historizität hat, folgt erst die radikale Freiheit, Liebe als gestalt- und veränderbar zu begreifen.

„Das Persönliche ist politisch!“

Die These, dass Liebe politisch ist, steht im krassen Gegensatz zu dem dominanten Verständnis romantischer Liebe, die gemeinhin als privat aufgefasst wird. Doch in Liebesbeziehungen werden mehr noch als anderswo zwischenmenschliche Beziehungen ausgehandelt. Begreift man Politik als Aushandlung des gesellschaftlichen Zusammenlebens, ist somit auch eine der grundlegendsten Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens – eine liebevolle, zwischenmenschliche Beziehung – politisch. Daraus folgt keine Unfreiheit in der persönlichen Liebe, ganz im Gegenteil: Die Politisierung von Liebesbeziehungen hat die Kraft, ein Bewusstsein für ungleiche Machtverhältnisse in Beziehungen zu schaffen, welche durch die Individualisierung und Apolitisierung ebenjener zwischenmenschlichen Verbindungen aktiv verdeckt werden.

Denn Ungleichbehandlungen und Diskriminierungen aufgrund von Geschlecht, race, Behinderung oder anderen Abweichungen von der Dominanzgesellschaft machen auch vor der romantischen Liebe nicht halt. Vielmehr macht uns die Intimität solcher Beziehungen noch ungleich verwundbarer und der Deckmantel des Privaten die Verunmöglichung des Sprechens über Diskriminierungen umso perfider. So fordert Kurt: „Ich will, dass mein Gegenüber begreift, dass auch die Vorstellung, eine romantische Beziehung sei keine politische Sphäre, ein strukturelles Privileg ist.“ Denn die persönliche Notwendigkeit, Liebe zu politisieren, ergibt sich insbesondere für marginalisierte Gruppen. Kaum verwunderlich also, dass viele Konzepte, auf die sich Kurt und andere progressive Denker*innen stützen, aus queeren Lebenspraxen stammen. Deren biografisches Bedürfnis, alternative Konzepte zu der heteronormativen, bürgerlichen Vorstellung einer Beziehung zu finden und diese gegen die gewaltvolle Durchsetzung der hegemonialen Norm zu verteidigen, schafft erst die Grundlage für breite Gesellschaftsteile, kritisch über die Art, wie sie lieben wollen, nachzudenken.

Diesen Bezug verliert Kurt nie aus den Augen und konstatiert, dass ihr Buch „im Schatten queerer Utopien atmet“, denn: „Queere Liebe ist revolutionär“. Dies soll nun natürlich nicht bedeuten, dass Kurts Buch ausschließlich Relevanz für queere oder marginalisierte Menschen besitzt. Je privilegierter eine Person ist, desto schwächer ist im Normalfall aufgrund persönlicher Erlebnisse der Blick für gesellschaftliche Ungleichheitsstrukturen. Somit fordert Kurts Werk alle auf, die Art, wie sie lieben und Beziehungen führen, zu hinterfragen, auch wenn – oder eben gerade, wenn – sie Teil der Dominanzgesellschaft sind. Und: „Radikale Zärtlichkeit“ ist kein Liebes-Ratgeber, der zeigen will, wie man (nur) die eigenen Beziehungen gerechter gestaltet, sondern insbesondere und an erster Stelle die Forderung nach gesellschaftlicher Transformation. Das von Kurt so dezidiert erläuterte Politisch-Sein von Liebe verunmöglicht eine Beschränkung der Forderungen des Buches auf die Sphäre des Privaten: „Wenn es keine Gerechtigkeit gibt, keine radikale Transformation der gesellschaftlichen Verhältnisse, bleiben Visionen der Liebe lediglich Visionen für wenige.“ Liebe und zwischenmenschliche Beziehungen sind so absolut in die gesellschaftlichen Strukturen eingebettet, dass Kämpfe für die eigenen Beziehungen auch Kämpfe für die Beziehungen anderer sein müssen: „Das Persönliche ist politisch!“

Quo vadis, Liebe?

Doch was bedeutet all das für die Liebe? Gehört Romantik jetzt gecancelt? Nein, meint Şeyda Kurt: „Das Ende der romantischen Liebe, die uns eingebläut wurde, wird nicht das Ende der Liebe sein. Sondern ihr Anfang.“ Somit entwirft sie das Konzept der radikalen Zärtlichkeit, das sie der tradierten Form der romantischen Liebe entgegenstellt. Radikal, weil es nicht (nur) um eigene Beziehungen, sondern um gesellschaftlichen Wandel im Absoluten geht, und zärtlich, weil das für Kurt der Kern jener Handlungen ist, welche wir oft unter dem Begriff der Liebe subsumieren, nur ohne die negativen Konnotationen, die die historische Leseart von Liebe mit sich bringen kann. Somit ist Zärtlichkeit sowohl Ausgangspunkt als auch Ziel von Kurts Utopie.

„Radikale Zärtlichkeit“ bietet keine absoluten Antworten. Das Unbehagen und die Unordnung, welche die Autorin verspürt, übertragen sich auch auf die Leser*innen. „Was kommt nach der Entzauberung, wenn das Heilige und Transzendente der romantischen Liebe, wie wir sie gelernt haben, verschwunden ist?“  fragt Kurt in einem einleitenden Kapitel des Buches. Diese Frage – die als Grundfrage des Buches begriffen werden kann – bringt eine Menge Unordnung und Arbeit in unser aller Leben. Antworten darauf zu suchen ist hoch komplex und herausfordernd für Individuen, die nun die von klein auf angelernten Wahrheiten in so zentralen Feldern wie der eigenen Identität und der zwischenmenschlichen Interaktion hinterfragen und gegebenenfalls über Bord werfen müssen. Doch sie bietet auch die Gelegenheit zu radikalem Wandel.

Hier geht es zu Teil 1 der Rezension.

 

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Bibliographische Informationen:

Şeyda Kurt (2021): Radikale Zärtlichkeit. Warum Liebe politisch ist. Hamburg: HarperCollins.

Zum Nachlesen:

bell hooks (2002): Communion. Hamburg: HarperCollins. Zur Rezension in unserem Magazin.

Eva Illouz (2016): Warum Liebe weh tut. Frankfurt: Suhrkamp.

Trịnh Thị Minh Hà (1989): Woman, Native, Other. Bloomington: Indiana University Press.

Veröffentlicht in Buchrezensionen, Gutes Leben für Alle.