
Was Liebe ist. Wie eine Liebesbeziehung gelingen kann. Und warum niemand hier von der Venus oder vom Mars ist. Wir sind alle von der Erde. Es sind Machtunterschiede, die uns im Weg stehen. Der folgende Beitrag stellt das Buch Lieben lernen – Alles über Verbundhenheit (Originaltitel: Communion: the female search for love) der feministischen Schriftstellerin bell hooks vor.
Über bell hooks.
bell hooks ist der Name ihrer indigenen Großmutter, den die Autorin als Pseudonym annahm. Sie wurde 1952 in der US-amerikanischen Kleinstadt Hopkinsville als eines von sieben Kindern geboren. Ihr Vater arbeitete als Hausmeister bei der Post, ihre Mutter war Hausfrau. Als, wie sie selbst sagt, fanatische Leserin wurde sie zu einer erfolgreichen Literaturwissenschaftlerin. Geprägt durch eigene Erfahrungen lag ihre Stärke darin, Rassismus, Sexismus und Klassismus zusammenzudenken – auch wenn sie über Liebe schrieb. Sie unterrichtete an der Universität Yale und war Professorin für englische Literatur am City College of New York. Alles über Liebe, Die Bedeutung von Klasse, Feminismus für alle und Black Looks sind ihre bekanntesten Bücher. hooks wurde 69 Jahre alt, sie starb Ende 2021.
bell hooks’ Bücher über Liebe.
Lieben lernen ist bell hooks’ zweites Buch über Liebe. Im Vorgänger Alles über Liebe schreibt sie darüber, dass wir Lieben vielmehr als aktives Tun statt als ein Gefühl auffassen könnten. In Lieben lernen nähert sie sich der Dynamik zwischen Mann* und Frau* über die Geschichte der feministischen Revolutionen von den 1950ern bis in die 2000er Jahre an. Dabei setzt sie sich aus feministischer Sicht mit Literatur über Liebe und Beziehungen von Erich Fromms Die Kunst des Liebens bis zu diversen Ratgebern wie John Gray’s Men are from Mars. Women are from Venus (dt. Männer sind anders. Frauen auch.) auseinander. Sie bespricht Beziehungsmuster, Ermächtigung durch Erwerbsarbeit, stereotype weibliche Rollenzuschreibungen, Konkurrenz und Karriere, Sexualität, weibliche Homosexualität, Mutter-Tochter-Beziehungen, weibliche Körperbilder, Kinder(losigkeits)wünsche, Freundschaft, Spiritualität und Selbstliebe. Und sie geht den Fragen nach: Was ist Liebe? Und wie wirkt sich eine von Männern* dominierte Gesellschaft auf Beziehungen aus?
Zur feministischen Methode von bell hooks.
bell hooks schließt sich der Tradition der französischen Philosophin Simone de Beauvoir an. Diese geht davon aus, dass es zwei biologische Geschlechter gibt. Verhaltensweisen würden nicht angeboren, sondern erlernt. So entstehe Genderzugehörigkeit. hooks interessiert dabei vor allem, was Mädchen* und Buben* zum Umgang mit Gefühlen und Verhalten in Beziehungen mitgegeben wird. Sie arbeitet die historischen materiellen Lebensumstände von Frauen* im Verhältnis zu Männern* auf. Diese Analysen verflechtet sie mit sehr persönlichen Schilderungen eigener Erfahrungen. Vom eigenen Körper, Erleben und Gefühlen auszugehen und diese zu reflektieren ist eine wichtige Methode des Feminismus.
Können Frauen* besser lieben?
Waren als männlich identifizierte Personen lange dafür verantwortlich, für die materielle Sicherheit zu sorgen, so war es die Aufgabe der Frauen*, Familie und Ehe liebevoll zu gestalten. Zu einem aktiven Lieben gehört, so hooks, anderen Wertschätzung entgegen zu bringen, zu fragen, wie es der anderen Person geht, zuzuhören, Verständnis zu zeigen und über die eigenen Gefühle zu sprechen. Viele Frauen* können das tatsächlich besser als Männer*. Aber: Von wegen Frauen* sind von der Venus. Ein zentrales Argument bell hooks’ ist: Weiblich gelesene Personen sind nicht natürlich besser darin, liebevoll zu handeln als Männer*. Mädchen* werden diese Umgangsformen und ein Zugang zu den eigenen Gefühlen von klein auf in höherem Maße beigebracht als Buben*. So wird Fürsorge eine gegenderte Fähigkeit. Frauen* machen oft die Erfahrung, dass ihnen nicht so viel Aufmerksamkeit geschenkt wird, wie sie ihren Partnern entgegenbringen. hooks bleibt nicht dabei stehen: Eine funktionierende Beziehung zu führen sei nicht ident mit Liebe. Wo liegt also der Unterschied zwischen Fürsorge und Liebe?
Macht. Über Liebe im Patriarchat.
Über Jahrhunderte haben sich Strukturen etabliert und festgefahren, in denen Männer* mächtiger waren als Menschen anderer Genderzugehörigkeit(en). Das entstand dadurch, dass Buben* bessere (oder überhaupt) Bildung erhielten, damit angesehenere (oder überhaupt) Arbeit und Führungspositionen erlangten und höhere (oder überhaupt) Gehälter verdienten. Bis vor etwa 50 Jahren wurde das öffentliche Leben fast ausschließlich von Männern* kontrolliert. Frauen* haben sich bis heute viel erkämpft, aber tatsächliche Gleichberechtigung hat sich noch nicht eingestellt. bell hooks ist überzeugt: Echte Liebe gibt es nur zwischen gleichberechtigten Menschen. Entweder Dominanz oder Liebe – beides geht sich nicht aus. Auch deshalb sollte es für Männer* von größtem Interesse sein, sich für Frauen*rechte einzusetzen. Sie schreibt: „Männer schaden uns, wenn sie es nicht schaffen, unsere Freiheiten in jedem Aspekt unseres täglichen Lebens zu schützen.“ (S. 72, Übersetzung von M.A., Anm.) Diesem Thema hat sie ein eigenes Buch gewidmet, es heißt Männer, Männlichkeit und Liebe. Eines ihrer zentralen Argumente dazu lautet: Unter den Auswirkungen patriarchaler Systeme leiden auch Männer*.
Einordnung und Kritik.
Das Buch ist 2002 erschienen und als solches ist es auch zu lesen. Die binäre Einteilung in zwei Geschlechter ohne fließende Grenzen wirkt aus heutiger Sicht unvollständig. Auch darf man sich keine umfassende Werkschau durch die Literatur über Verbundenheit erwarten. Vielmehr spiegeln die Verweise eine Sammlung jener Autor*innen wieder, die im damaligen Diskurs präsent waren.
hooks lässt einen ungeschönt an intimen Erlebnissen ihrer Kindheit und ihres Liebeslebens teilhaben und erklärt diese systematisch durch eine Einordnung in gesellschaftliche Machtstrukturen. Diese sind auch nach zwanzig Jahren noch aktuell. Als Leser*in begleitet man sie auf ihrer hartnäckigen Suche nach der echten Liebe. Freund*innenschaften gibt sie einen sehr hohen Stellenwert, mindestens auf einer Ebene mit Paarbeziehungen. Über Anstrengungen und Enttäuschungen hinweg bleibt sie ehrlich, kritisch, konsequent, kämpferisch, durchlässig, empathisch und solidarisch. Sie lässt sich selbst mit ihren Idealen nie im Stich. Dadurch habe ich mich sich sehr schnell mit ihr verbunden gefühlt; als eine Art Freund*innen, die unabhängig von Zeit und Raum zusammenhalten, schlicht weil man teilweise ähnliche Erfahrungen gemacht hat.
Fazit: bell hooks plädiert: Lieben ist Stärke, keine Schwäche. Man muss richtig mutig sein, um echt zu lieben und geliebt zu werden, aber geben wir nicht auf! Sie selbst hat dieser Hoffnung einen großen Teil, wenn nicht ihr ganzes Leben, gewidmet. Da ihre Gedanken Vieles auslösen können, worüber es sich auszutauschen lohnt, empfiehlt es sich, bell hooks’ Abhandlung über Liebe und Macht gleich mit Freund*innen zu lesen.
Die Autorin ist Mitglied des Redaktionsteams. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Beschriebenes Buch: bell hooks. 2002. Communion: the female search for love/Lieben lernen – Alles über Verbundenheit. HarperCollins. New York.
Titelbilder: Cover: TIME. 2020. bell hooks. Expanding feminism © Monica Ahanonu für TIME.; Cover: bell hooks. 2002. Lieben lernen © HarperCollins.