Buchrezension “Radikale Zärtlichkeit“ von Şeyda Kurt Teil 1 – Liebe neu denken.

Kaum ein Thema beschäftigt Menschen so sehr wie die Liebe. Sei es in Film und Fernsehen, in den eigenen Beziehungen, die wir pflegen, in Gesprächen mit Freund*innen oder in der Musik, die wir hören: Liebe ist allgegenwärtig. Doch was ist Liebe eigentlich? So oft wie diese Frage bereits erörtert wurde, so viel Relevanz besitzt sie nach wie vor. Şeyda Kurt beantwortet diese Frage auf innovative, erhellende und durchaus revolutionäre Weise in ihrem Werk „Radikale Zärtlichkeit – Warum Liebe politisch ist“. Auf ihrer Suche nach Wahrheiten der Liebe negiert sie althergebrachte Normen und Vorstellungen, die sich tief in das kollektive Verständnis von Liebe eingegraben haben und legt schonungslos jene Aspekte offen, die trotz des Überangebots an Diskursen über die Liebe viel zu wenig thematisiert werden. In ihrer titelgebenden These proklamiert sie eine inhärente Verflechtung von Liebe und Politik, ein Politisch-Sein der Liebe.

Kritik an althergebrachten Konzeptionen der Liebe.

Ausgehend von einem Unbehagen gegenüber den etablierten Wahrheiten der Liebe wirft Şeyda Kurt verschiedene Schlaglichter auf unterschiedliche Aspekte des Liebens und Geliebt-werdens. Ausgangspunkt ist hierbei immer wieder ihre eigene Biografie, die Ehe und Trennung ihrer Eltern, die türkischen Yeşilçam-Filme, in denen sie eine andere Form der Liebe kennenlernte, und auch ihre eigenen Beziehungen. Kurts Kritik richtet sich insbesondere gegen die Vorstellung von Liebe, wie sie in der Dominanzgesellschaft vorherrschend ist. Als Dominanzgesellschaft definiert sie das, was gemeinhin als Mehrheitsgesellschaft verstanden wird. Da diese Bezeichnung jedoch suggeriere, dass Formen der Diskriminierung ausschließlich demografischen Ursprungs sind, bevorzugt sie den präziseren Begriff Dominanzgesellschaft.

Kurt erläutert, wie die dominanten Vorstellungen von Liebe in jahrtausendealten westlichen Denktraditionen wurzeln und somit auch diverse Arten der Ungleichbehandlung und Diskriminierung in die Jetztzeit transportieren. Beispielsweise kritisiert sie den Leib-Seele-Dualismus, der insbesondere durch die christliche Lehre zur unangefochtenen Norm in westlichen Gesellschaften wurde. Entgegen dieser Konzeption der klassischen Philosophie, die den Körper und die Seele als etwas Getrenntes – und den Körper dabei im Regelfall als unterlegen, minderwertig und sündhaft – begreift, lehnt sie diese Trennung ab und stellt den Körper ins Zentrum ihrer Utopien. „We do not have our bodies, we are our bodies“ (dt.: „Wir besitzen nicht unsere Körper, wir sind unsere Körper“), rezitiert sie die Philosophin und Filmemacherin Trịnh Thị Minh Hà. Lieben funktioniert mittels unserer Körper, da wir unsere Körper sind. Die bedingungslose Akzeptanz aller Arten von Körper sei daher essentiell für eine gerechtere Gesellschaft.

Auch richtet sich ihre Kritik gegen das idealisierte Einheitsstreben, welches die romantische Liebe impliziert. In zahlreichen Büchern oder Filmen ist das entscheidende Moment das Finden eines romantischen Konterparts, das alle anderen Sorgen und Nöte vergessen macht. Die Vorstellung, dass das individuelle Glück vom Finden der einen Person bestimmt ist, die uns ergänzt und vervollständigt, dominiert bis heute in weiten Teilen der westlichen Gesellschaften die Vorstellung von Liebe. Dieser Gedanke, der von Platon bis Erich Fromm in der gesamten westlichen Ideengeschichte vorzufinden ist, stellt übermenschliche Erwartungen an eine Einzelperson und resultiert meist in Enttäuschung und Resignation in einer Beziehung. Doch warum fällt es uns so schwer zu akzeptieren, dass es in Ordnung ist, dass die Person, mit der wir eine Beziehung führen, nicht alle unsere Bedürfnisse decken kann – genauso wenig wie wir es für sie können? Warum priorisieren wir romantische Zweierbeziehungen eigentlich über andere teils sehr innige, intime und liebevolle Beziehungen, die wir zu Menschen führen? Nur, weil wir mit diesen nicht die gleiche Form von Körperlichkeit teilen, wie wir sie vielleicht in einem erotischen Kontext mit Partner*innen erleben?

Gegen die Essentialisierung der Liebe!

Kurt führt aus, wie die mediale Mystifikation der Liebe das kollektive Wissen über die Liebe beeinflusst. Durch die Wiederholung des Motivs der Liebe als etwas Einzigartiges, Absolutes, Einmaliges in Hollywoodfilmen, in Klassikern der Literatur, aber auch in der Politik – Stichwort Schutz der Ehe – fällt es schwer, Konzepte außerhalb dieser Norm zu denken. Somit wird dieses Motiv häufig reproduziert, was wiederum seine Wirkmächtigkeit verstärkt. Ein Teufelskreis in gewissem Sinne, der Alternativen unsichtbar macht. Doch diese Alternativen existieren. Nicht umsonst gewinnen nicht-exklusive Beziehungskonstruktionen, wie offene oder polyamouröse Beziehungen, an Beliebtheit. Kurt geht es nicht darum, zu propagieren, dass das Konzept einer heterosexuellen, monogamen Beziehung immer die falsche Wahl darstellen würde.  Es geht darum, zu hinterfragen, aus welchen Gründen man sich für dieses Modell entschieden hat und somit Freiräume zur Änderung und einem selbstbestimmteren Leben zu öffnen. Immerhin ist die bürgerliche Ehe untrennbar mit der kapitalistischen Ausbeutung von Arbeitskraft verbunden: Die Ehe und die Kernfamilie normieren das gesellschaftliche Zusammenleben und machen es dadurch kalkulierbarer und produktiver; der Mann kann in produktiver Arbeit ausgebeutet werden, da die Frau die reproduktive Arbeit verrichtet und gleichzeitig durch dieses heteronormative Konstrukt der Nachschub an Arbeitskraft in Form von Nachwuchs garantiert wird. Allein das sollte die Ehe schon dafür prädestinieren, sie gründlich zu hinterfragen. Darüber hinaus stellt sich für Kurt auf einer grundsätzlicheren Ebene die Frage, ob man die interpersonellen Beziehungen, die man eingeht, hierarchisieren möchte und wenn ja, ob man dies mittels einer solch institutionalisierten Form wie der Ehe tut. All diese Fragen stellt Kurt schonungslos offen und regt so auf radikale Art und Weise zum Nachdenken, über die Art, wie wir lieben, an.

Wie wollen wir lieben?

Denn darum geht es Kurt: Eine gerechte Art des Liebens zu finden, die nicht von Normen und Erwartungen, sondern von einer Vielfalt an Bedürfnissen geprägt ist, welche sich von Person zu Person unterscheiden. Somit ist „Radikale Zärtlichkeit“ insbesondere eine Absage an die Essentialisierung der Liebe. Liebe ist fluide, in Bewegung, von Mensch zu Mensch sowie von Moment zu Moment anders. Liebe ist nicht das formelhafte „Ich liebe dich“, das die Feinheiten und Nuancen eines Menschens verdeckt. Sondern das bewusste Zuwenden zu ebenjenen Besonderheiten und der absoluten Zärtlichkeit, die man diesen Eigenheiten entgegenbringt. Aus diesem Grund kritisiert Kurt auch den Begriff der Liebe und schlägt stattdessen Zärtlichkeit vor. Sie will kein allgemeingültiges Konzept, sondern eine Praxis des liebevollen Miteinanders. Ganz im Sinne bell hooks, auf die sie sich stark bezieht, begreift sie Liebe nicht als gottgegebenes, transzendentales Gefühl, welches Menschen von einem Moment auf den nächsten befällt, sondern als eine Praxis, als ein Tun. Dabei geht es insbesondere darum, der anderen Person Raum zum Wachsen, Gedeihen und Verändern zu geben und nicht, sie nach eigenen Vorstellungen zu formen oder als ideales komplementäres Gegenstück zu bergreifen, dem man keinen Raum für Veränderungen mehr einräumt.

Das resoniert mit einem Motiv, welches sich auch durch die Werke Max Frischs zieht: Das Bildnisverbot, nicht im biblischen Sinne – wenn auch aus ihm entlehnt – sondern im humanistischen. Laut Frisch machen wir andauernd Bilder von unseren Mitmenschen und ordnen sie ihnen gemäß ein. Ihre Handlungen gleichen wir mit dem Bild ab, das wir von ihnen haben, und versuchen so daraus Sinn zu machen. Frisch meint, wir machen das bei allen Menschen – außer bei denen, die wir wirklich lieben. Auch wenn diese Idee durchaus eine gewisse Essenz der Liebe annimmt, ist sie den Forderungen Kurts auf liebevolles Miteinander verblüffend ähnlich. Indem wir andere in vorgefertigte Schablonen bannen und sie durch unser Bild von ihnen fesseln, tun wir ihnen Gewalt an. Andere Menschen mit all ihrer Wandelbarkeit und den ihnen innewohnenden Möglichkeiten anzunehmen, ist Teil von Kurts Utopie.

Hier geht es zu Teil 2 der Rezension.

 

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Bibliographische Informationen:

Şeyda Kurt (2021): Radikale Zärtlichkeit. Warum Liebe politisch ist. Hamburg: HarperCollins.

Zum Nachlesen:

bell hooks (2002): Communion. Hamburg: HarperCollins. Zur Rezension in unserem Magazin.

Eva Illouz (2016): Warum Liebe weh tut. Frankfurt: Suhrkamp.

Trịnh Thị Minh Hà (1989): Woman, Native, Other. Bloomington: Indiana University Press.

Veröffentlicht in Buchrezensionen, Gutes Leben für Alle.