„Wissensräume“ – Potenziale niederschwelliger Bildungsprozesse

Das ScienceCenter-Netzwerk lud am 13. November 2013 zu einer Reflexionsveranstaltung des Projektes „Wissensräume“ ins Haus der Begegnung im 15. Wiener Bezirk ein. Kernthema der Podiumsdiskussion mit sechs ReferentInnen aus verschiedenen Organisationen war die Bedeutung von niederschwelligen Lern- und Bildungsprozessen für den gesellschaftlichen Einbezug marginalisierter Bevölkerungsgruppen.In Österreich ist der Zugang zu (als gesellschaftlich „wertvoll“ angesehener) Bildung eng an den sozialen Status geknüpft. Menschen mit Migrationshintergrund und Menschen, die als sozial benachteiligt gelten, bleiben dabei oft auf der Strecke. Darüber, dass dadurch potenzielle EntdeckerInnen und ForscherInnen verloren gehen, die wertvolle Beiträge für die Gesellschaft und deren Zukunft leisten könnten, wird häufig nicht nachgedacht.

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Experiment Wissensräume

Ein Verein, der sich genau mit dieser Problematik auseinandersetzt ist das ScienceCenter-Netzwerk. Im Rahmen des Pilotprojektes „Wissensräume“ werden leerstehende Geschäftslokale in „bildungsferneren“ Bezirken, wie z.B. Ottakring und Hernals, zu informellen Lernorten umfunktioniert. Interessierte sind dazu eingeladen, Experimente durchzuführen und sich auf spielerische Weise mit wissenschaftlichen Prozessen auseinanderzusetzen. Dabei ist das Ziel laut Barbara Streicher, Geschäftsführende des Netzwerkes, Menschen die Möglichkeit zu geben, sich selbst als kompetent in der Beschäftigung mit Wissenschaft und Forschung zu erleben und langfristiges Interesse für eben diese Bereiche zu generieren. Das Besondere an diesem Projekt? Seine Niederschwelligkeit, also seine einfache, an keine Voraussetzungen gebundene Zugänglichkeit.

Lernen müssen oder dürfen?

Einen ähnlichen Ansatz wie das ScienceCenter-Netzwerk verfolgt OTELO, das für alle offene Technologielabor, das der Oberösterreicher Martin Hollinetz vorstellte. Auch hier geht es darum, offene Räume für Wissenschaft und Kunst aufzubauen. Ziel ist dabei, sich im gemeinsamen Tun gegenseitig zu inspirieren, zu begeistern und zusammen Neues zu ermöglichen. Als besonders interessant betrachtet Hollinetz Projekte, die nicht nur auf die Wirtschaft ausgerichtet sind, sondern den TeilnehmerInnen einen Raum zum „Dürfen ohne jedes Müssen“ bieten. „Das Gefühl, hier bin ich willkommen, hier darf ich mich entfalten, ohne dass etwas von mir verlangt wird – das ist so wichtig“, meinte Hollinetz.

Alleiniges „Dürfen“ sieht Ulrike Fleischanderl von der Forschungseinrichtung „querraum. Kultur- und Sozialforschung“ kritisch. Um „dürfen zu können“ brauche es Strukturen und Unterstützung, die immer auch eine gewisse Beschränkung bedeuten. Für Fleischanderl war der Gedanke relevant, dass man mit den Menschen, für die man etwas tun möchte, gemeinsam arbeitet; dass man ihre Ideen aufgreift und von Anfang an ein Gefühl der Zusammengehörigkeit fördert. Voneinander lernen, gegenseitig Wissen austauschen – darum soll es gehen.

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Ulrike Fleischanderl und Gerald Faschingeder

Für einen möglichst hierarchiefreien Zugang zu Bildungsprozessen plädierte auch Gerald Faschingeder vom Paulo Freire Zentrum. Der Tradition Freires folgend ist Partizipation und In-Dialog-miteinander-Treten ein Leitprinzip des Zentrums. Bei der Beschäftigung mit Wissen müssen Faschingeder zufolge einige Fragen geklärt werden: Über welches Wissen reden wir? Wer darf Wissen und Wissensräume definieren? Einen konkreten Raum des Wissens festzumachen bedeute gleichzeitig auch, einen Raum des Nichtwissens zu konstruieren, dessen müsse man sich bewusst sein. Ausgangspunkt eines jeden Bildungsprozesses solle es sein, ohne Bewertung zu klären, welches Wissen, welche Weltsicht bei den Beteiligten vorhanden ist. Und daran müsse man anknüpfen, um letztendlich das zu erreichen, was zählt: sich selbst als wissend und teilhabend erleben, Selbstvertrauen zu erlangen.

Innovation, Integration und Destination

Für Josef Fröhlich (Austrian Institute of Technology, AIT; ScienceCenter-Netzwerk) ist im Zusammenhang mit Wissen vor allem Innovation wichtig. Innovieren müsse dabei als Wissensaustausch zwischen verschiedensten Personen betrachtet werden. In der Ökonomie gehe es stets „um den Wettlauf um die besten Köpfe“, so Fröhlich, die sich durch gute Ausbildung, Kooperationsfähigkeit und Diversität auszeichnen. Relevant sei es, die späteren NutzerInnen von Produkten bereits früh in Innovationsprozesse einzubeziehen.

Auch Franziska Richter von der OMV – einem Unternehmen, das stark auf den Nachwuchs in der Forschung angewiesen ist –  sieht die Notwendigkeit, Menschen mit vielfältigen Erfahrungen und Hintergründen in Forschung und Industrie zu integrieren, als gegeben. „Es gibt ganz unterschiedliche Menschentypen – manche sind innovativer, andere konservativer. Aber es braucht beides!“ Prinzipiell sei die Lust am Forschen und Entdecken natürlich. Das müsse gefördert werden. Dem Projekt „Wissensräume“ gesteht sie in dieser Hinsicht enormes Potenzial zu.

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Die Meinung, dass es Wissen gibt, das als elementar gelten muss und nötig ist, um partizipieren zu können, teilt Christian Bartik (ZIT – Die Technologieagentur der Stadt Wien) mit vielen seiner KollegInnen auf dem Podium. Wie Fleischanderl sieht auch Bartik es als unerlässlich, Projekten wenn nicht schon ein Ziel, so zumindest eine Zielrichtung vorzugeben. In seiner Rolle als Fördergeber sei er stets dazu verpflichtet, Investitionen in Projekte zu rechtfertigen. „Es funktioniert nicht, Leuten Geld in die Hand zu drücken und zu sagen ,Hier, macht mal was damit, da wird schon was Gescheites rauskommen‘. Wenn ich aber eine Richtung vorgebe, in die das Projekt gehen soll, ist eine Legitimation viel einfacher.“ Das bedeute allerdings nicht, dass er als Fördergeber immer als „der Klügere“ gelte, der wisse, was gut und nötig sei.

Auch wenn die Ansichten der DiskussionsteilnehmerInnen mitunter divergierten, waren sich alle einig: Das Projekt Wissensräume eröffnet Chancen und setzt an der richtigen Stelle an.

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Fotos: Petra B. Preinfalk. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

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