Viktor Matejka und die Demokratisierung des Buches (IV)

Nach der Befreiung Wiens im Jahr 1945 übernahm Viktor Matejka als kommunistischer Stadtrat für Kultur und Volksbildung auch die Verantwortung für die Städtischen Büchereien und die Stadtbibliothek.

Städtische Büchereien.

Die Städtischen Büchereien (heute Büchereien Wien) waren aus den sozialdemokratischen Arbeiterbüchereien hervorgegangen. Nach dem Verzicht der SPÖ auf eine Rückforderung blieb die Kommunalisierung aufrecht, was auch den Intentionen Matejkas entsprach. Damit waren die Städtischen Büchereien erstmals in ihrer Geschichte Teil einer demokratischen Stadtverwaltung geworden, boten aber ein desolates Bild. Auf den Buchbestand hatten die Säuberungsaktionen zweier Diktaturen verheerende Auswirkungen gehabt; ein großer Teil des Buchbestandes war unbrauchbar und Abhilfe durch die daniederliegende Verlagsproduktion und den Papiermangel nicht in Aussicht. Einerseits musste die Naziliteratur ausgeschieden werden, auf der anderen Seite hatten Austrofaschismus und Nationalsozialismus riesige Lücken gerissen, deren Verkleinerung sich die neuen Verantwortlichen in vollem Bewusstsein, dass eine restlose Beseitigung des Defizits nicht möglich sein würde, zum Ziel gesetzt hatten. Zu vieles ist in jenen Jahren verboten, verbrannt, eingestampft und in die endgültige Vergessenheit gestoßen worden, als dass sich jemals noch für Neuauflagen weniger bekannter Werke und AutorInnen Verleger finden würden.

Auf der Suche nach Büchern.

Hier war Matejkas großer Enthusiasmus herausgefordert. Noch im April 1945 ersuchte er auf Plakaten die Bevölkerung um Buchspenden und die Bekanntgabe von Buchbeständen in Wohnungen geflüchteter Nazis. Mit großer Improvisationskunst wurde das auf 23 Zweigstellen dezimierte Büchereinetz instand gesetzt und vergrößert. Ende 1947 hatten bereits 46 Städtische Büchereien geöffnet. Matejka betätigte sich als unermüdlicher Buchbeschaffer, Bittsteller und Briefeschreiber mit dem Ersuchen um Bücherspenden.

Besonderen Wert legte Matejka auf die Aus- und Fortbildung der BibliothekarInnen, für die damals namhafte WissenschafterInnen und KünstlerInnen gewonnen werden konnten. Matejka wusste, dass Idealismus allein für die Berufsausübung nicht genügt und plädierte für eine Fachausbildung der BibliothekarInnen, die in einem Volksbüchereigesetz als Teil eines Volksbildungsgesetzes verankert sein sollte; eine Forderung, deren Verwirklichung bis heute aussteht. (1)

Stadtbibliothek.

Die Stadtbibliothek im Rathaus (später Wiener Stadt- und Landesbibliothek, heute Wienbibliothek im Rathaus) umfasste den zweiten bibliothekarischen Verantwortungsbereich des Kulturstadtrates und bildet als selbständige organisatorische Einheit auch eine eigene Magistratsabteilung, die MA 9. Ein Teil des Bestandes war während des Krieges ausgelagert worden und die Bibliotheksräume erlitten einen Bombentreffer, so dass die Bibliothek noch viele Jahre mit großer Raumnot zu kämpfen hatte. Im April 1945 wurde mit den Sichtungs- und Aufräumungsarbeiten begonnen. Die Bücher wurden in der Volkshalle des Rathauses sortiert. Ab November 1945 war die Stadtbibliothek wieder für BenützerInnen zugänglich.

Heftige Kritiken.

Vor allem in der Kulturzeitschrift Österreichisches Tagebuch nahm Matejka, der dort die ständige Rubrik »Unangenehme Notizen« gestaltete, immer wieder zu Fragen der Buchpolitik Stellung. Er verurteilte die schnelle Wiederauflage nationalsozialistisch belasteter AutorInnen, während den verfolgten KünstlerInnen nach wie vor mit Ignoranz begegnet wurde. Matejka übte auch an der Verdienstspanne des Buchhandels Kritik und wollte für die Städtischen Büchereien einen direkten Bezug der Bücher bei den Verlagen erreichen.

Matejka war einer der wenigen Politiker der frühen Zweiten Republik, denen schmerzlich bewusst war, welchen Verlust das österreichische Geistes- und Kulturleben erlitten hatte und war um Rückholung der Vertriebenen und Verfolgten bemüht.

Engagement für die Rückkehr der Vertriebenen.

Damals kam die Stadtbibliothek noch nicht in den Genuss von Pflichtabgabeexemplaren, was die budgetäre Notlage verschärfte. Da Matejka die literaturwissenschaftliche Kompetenz des Bibliotheksleiters Oskar Katann schätzte, holte er auch immer wieder Gutachten zu einzelnen AutorInnen ein. Nicht immer brachten sie das von Matejka gewünschte Resultat, wie im Fall Hermann Brochs, des Autors von »Der Tod des Vergil« und der »Schlafwandler-Trilogie«, zu sehen ist. Matejka war es ein besonderes Anliegen, für den im Jahr 1938 aus Österreich vertriebenen und im amerikanischen Exil lebenden Broch die Verleihung des Ehrendoktorates zu betreiben und in der Hoffnung auf eine fachmännische Begründung wandte er sich an Katann. Dessen ablehnende Antwort wirkt auch heute noch beklemmend; obendrein ist verdeckter Antisemitismus nicht auszuschließen, wenn es am Ende der Beurteilung heißt: Wenn man berücksichtigt, dass bisher das Ehrendoktorat nur an Schriftsteller wie Rosegger, Ebner-Eschenbach oder Ginzkey, die eine breite Resonanz im Publikum fanden, verliehen wurde, würde die Verleihung dieser seltenen Auszeichnung an einen dem breitesten Publikum völlig unbekannten Dichter stark auffallen. Broch hat übrigens wenig am literarischen Leben Wiens teilgenommen und nicht die mindeste wienerische Note, sodaß für die Gemeinde Wien der Anlaß fehlen dürfte, in dieser Angelegenheit die Initiative zu ergreifen. (2)

Der Autor ist Bibliothekar der Büchereien Wien.

Lesen Sie auch den letzten Teil über Viktor Matejka und die Demokratisierung des Buches (V).


(1) Heimo Gruber, Bücher aus dem Schutt. Die Wiener Städtischen Büchereien 1945-1950. Vorwort von Viktor Matejka, Wien 1987, 37.

(2) Archiv der Wienbibliothek im Rathaus, Zl. 250/1947.

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