Viktor Matejka und die Demokratisierung des Buches (V)

Der letzte Teil dieser Artikelserie über den Volksbildner Viktor Matejka erzählt von seiner Tätigkeit im Wiener Gemeinderat und als Zeitschriftenredakteur. Bis zuletzt war sein Leben unzertrennlich mit Büchern verbunden.

Als Kulturstadtrat war Matejka saturierte Selbstzufriedenheit fremd; auch für die beiden Bibliotheksbereiche wies er in den Budgetdebatten des Gemeinderates darauf hin, dass die Ansätze nicht den wirklichen Bedürfnissen und keinesfalls den erforderlichen großzügigen Planungen entsprechen dasselbe gelte auch für den Personalstand. Das Ausscheiden der KPÖ aus der Wiener Stadtregierung nach den Gemeinderatswahlen des Jahres 1949 beendete auch Matejkas Tätigkeit als Stadtrat. Bis zum Jahr 1954 war er noch im Gemeinderat vertreten und nahm dort vor allem zu Fragen seines früheren Ressorts Stellung. Bei den Städtischen Büchereien kritisierte er die Stagnation der Leserzahlen als Folge eines zu geringen Angebotes an Büchern. Er polemisierte gegen die Literaturauswahl und auch bei Matejka zeigte sich eine Befangenheit in den Denkmustern des sich verschärfenden Kalten Krieges, der im Kultursektor von beiden Seiten immer heftiger ausgetragen wurde. Er beklagte die Bevorzugung westlicher Literatur wie die Bücher der Oberschmierantin aus England, einer gewissen Daphne DuMaurier oder eines Graham Greene und bedauerte die Benachteiligung östlicher Autoren wie Michail Scholochow oder Anton Makarenko und den Umstand, dass sich die Städtischen Büchereien in ihrer Einkaufspolitik nicht der billigen Klassikerausgaben aus der DDR bedienen.

Kampf gegen Schund.

Auffallend war, dass auch die KPÖ und Matejka die während der fünfziger Jahre grassierende Kampagne gegen Schmutz und Schund mit eigenen Akzentuierungen für ihre Ziele nutzten. Zum einen stand diese im Zeichen eines starken Antiamerikanismus, in dem gegen Formen der amerikanisierten Kultur gewettert wurde. Zum anderen wurde Matejka nicht müde und auch das firmierte bei ihm unter Kampf gegen Schund gegen die neue Flut von wehrmachtsverherrlichender und die NS-Zeit verharmlosender Literatur, die sich ab Anfang der fünfziger Jahre wieder über den Buchmarkt ergoss, sein Wort zu erheben. Damals erschienen viele Erinnerungsbände von frühzeitig entlassenen Kriegsverbrechern und ehemaligen Wehrmachtsgenerälen, die auf eine empfängliche Stimmungslage stießen, die von historischer Verantwortung für das zuvor Geschehene nichts mehr wissen wollte, weil man glaubte, ohnedies nur seine Pflicht getan zu haben.

Redakteur des Tagebuch.

Ab dem Jahr 1950 redigierte Matejka die damals vierzehntäglich erscheinende kommunistische Kulturzeitschrift Tagebuch, deren Herausgeberschaft er mit Ernst Fischer und Bruno Frei teilte. Auch im Tagebuch räumte er Fragen des Buches, des Buchhandels, des Verlagswesens und der Bibliotheken immer wieder Platz ein.

Viktor Matejka selbst hat im Tagebuch während der fünfziger und sechziger Jahre kaum zu literarischen Fragen publiziert, sondern schrieb vor allem über bildende Kunst, der seine große Liebe galt, aber auch über Architektur und Filmkunst. Von 1957 bis 1966 unternahm er in jeder Nummer unter dem Titel »Das alles ist Wien … und noch viel mehr« eine gründliche tour dhorizon durch das Kulturleben der Stadt. Diese relativ lang geratenen Artikel sind bemerkenswerte Dokumente einer leidenschaftlichen Zeitzeugenschaft für die Kulturentwicklung in Wien, einer ideologischen Offenheit und Aufgeschlossenheit gegenüber allem künstlerisch Neuem.

Zeitzeuge.

Viktor Matejka benötigte nie eine offizielle Funktion, um sich in ein Geschehen einzumischen oder dieses zu kommentieren. So war er auch allen seinen NachfolgerInnen in der Funktion als Kulturstadtrat in Kritik und Ratgeberschaft meistens in Form einer umfangreichen Korrespondenz verbunden. Bei den Städtischen Büchereien habe ich seine Anteilnahme an unseren Problemen und Anliegen und seine unkomplizierte, stets zur Tat drängende Hilfsbereitschaft während der achtziger Jahre noch selbst erlebt. Seine alte volksbildnerische Motivation blieb dabei bis zuletzt ungebrochen. So schrieb er mir 1988: Bücher unter die Bürger bringen, einfach, unkompliziert, hilfreich, ist für die seelisch-geistige Gesundheit der Großstadtbevölkerung […] wichtig.

Matejkas Nachlass.

Nachdem im Jahr 1938 seine private Bibliothek und sein Zeitungsausschnittarchiv dem Raub durch die Nazis zum Opfer gefallen waren, wuchsen nach 1945 beide von neuem an. Seine dokumentaristischen Aktivitäten hat Matejka intensiv beibehalten; als Folge davon lag in seiner Wohnung allmählich alles unter Zeitungsausschnitten begraben. Nachdem auf diese Weise bereits die einzigartigen Pickbücher aus dem KZ Dachau unauffindbar geworden waren, wurden in den siebziger Jahren Sichtungs- und Ordnungsarbeiten aufgenommen. Es ist das Verdienst der damaligen Wiener Stadt- und Landesbibliothek, sich aus dem Nachlass Matejkas der Bibliothek angenommen und sie in ihren Bestand übernommen zu haben.

Am Ende seines Lebens wurde Matejka noch selbst Autor von drei autobiografischen Büchern; allesamt sehr persönliche Dokumente eines unkonventionellen Charakters. (1)  »Das Buch Nr. 3« ist posthum erschienen. Im Vorwort berichtet Johannes Mario Simmel auf erschütternde Weise, wie sehr 1993 der letzte Kampf Matejkas mit dem Buch verbunden war:

Frau Lina erzählte mir später: Er ist immer zorniger geworden. Unheimlich zornig. Warum? habe ich ihn gefragt. Warum, Viktor? Weil ich mein Buch nicht zu Ende schreiben kann, hat er gesagt. Weil ich sterben muß. Ich weiß, dass der Tod jetzt kommt, der elende Tod. Und mein Buch ist nicht fertig geworden …

Der Autor ist Bibliothekar der Büchereien Wien.


a) Viktor Matejka: Widerstand ist alles. Notizen eines Unorthodoxen, Wien 1984.

b) Viktor Matejka: Anregung ist alles. Das Buch Nr. 2, Wien 1991.

c) Viktor Matejka: Das Buch Nr. 3. Hrsg. v. Peter Huemer. Mit einem Vorwort von Johannes Mario Simmel, Wien 1993.

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit.