Tagung Globales Lernen. Ökonomische Krisen und zukunftsfähige Bildung

Unsere Lebensbereiche sind durch zunehmende Ökonomisierung geprägt und ökonomische Parameter bestimmen politische Entscheidungen. Globales Lernen strebt unter anderem eine kritische Auseinandersetzung mit globaler Ökonomie an. Wie eine politisch-ökonomische Bildung aussehen sollte und was es für einen Paradigmenwechsel bräuchte, wurde bei der von KommEnt organisierten Bundes-Fachtagung am 14. November 2013 im Europahaus Wien diskutiert.Nachdem sich die erste Fachtagung im vergangenen Jahr allgemein mit der Frage nach Potentialen und Perspektiven des Globalen Lernens in Österreich beschäftigte, sollten dieses Mal die Herausforderungen der Vormachtstellung der Ökonomie für den Bildungsbereich unter die Lupe genommen werden. Veranstaltet wurde die Tagung vom Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur (BMUKK), der Pädagogischen Hochschule Wien, der Austrian Development Agency (ADA) sowie der Strategiegruppe Globales Lernen. Unter den rund 170 Teilnehmenden befanden sich Lehrende an Schulen und Universitäten, Studierende aus unterschiedlichen Fachrichtungen sowie MitarbeiterInnen von Pädagogischen Hochschulen, aber auch VertreterInnen von zivilgesellschaftlichen Organisationen und von Einrichtungen der Erwachsenenbildung. Eine Vielfalt, die die Diskussionen belebte.

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Auf einleitende Worte von Heidi Grobbauer (KommEnt – Gesellschaft für Kommunikation, Entwicklung und dialogische Bildung), Helmuth Hartmeyer (Strategiegruppe Globales Lernen und ADA) und Sylvia Schrittwieser-Tschach (BMUKK) folgte ein Impulsvortrag von Gerd Steffens, Professor für politische Bildung an der Universität Kassel, über die Chance die Krise als Lerngelegenheit zu nutzen. Am Nachmittag boten sechs themenspezifische Workshops die Möglichkeit, sich mit einzelnen Aspekten wie der Frage nach der Gesellschaftsfähigkeit des „homo oeconomicus“ oder der sozialen Ungleichheit im Bildungssystem vertiefend auseinanderzusetzen.

Marktwert Bildung

In seiner Eröffnungsrede lud Hartmeyer dazu ein, Globales Lernen vor dem Hintergrund einer wachsenden Vormachtstellung des Ökonomischen zu denken. „Ökonomie und Bildung sind in der Praxis zu nahezu siamesischen Zwillingen geworden. Wesentlich dazu beigetragen hat, dass Bildung als Ressource für den ökonomischen Wettbewerb gesehen wird.“ Dies reduziere Pädagogik, Bildung und Lernen auf ihre Verwertbarkeit am Arbeitsmarkt und folge einer Logik der wirtschaftlichen Konkurrenzfähigkeit, die neben den GewinnerInnen immer auch VerliererInnen produziere. „Alle gelten als ihres eigenen Glückes Schmied. Wer es nicht schafft, ist selbst Schuld und glaubt schlussendlich auch an sein oder ihr Versagen“, so Hartmeyer.

Für das Globale Lernen bestehe die Gefahr, in diese Verwertungslogik hineingezogen zu werden, in der Bildung kein öffentliches Gut ist, sondern eine Ware, deren Erwerb Wettbewerbsvorteile verspricht. Es brauche den Mut, neue Wege zu gehen und ein Verständnis dafür, dass eine Ansammlung von neuem Fachwissen nicht ausreiche, forderte Hartmeyer. Globales Lernen könne dazu beitragen, aktuelle Probleme ganzheitlich zu erfassen und Kompetenzen zur Bearbeitung komplexer Fragestellungen zu entwickeln.

Das neoliberale Wahrheitsregime

Tagung_Globales_Lernen_084.JPGLaut Gerd Steffens sei die Ökonomisierung der Gesellschaft mit einer Revolutionierung der Denkart einhergegangen. Er sprach von einer neoliberalen Revolution, da sich das neoklassische Paradigma nicht nur in der Ökonomie, sondern auch in der Politik, der Wissenschaft, dem Sozialwesen und nicht zuletzt in der Bildung durchgesetzt habe.

Historisch gehe diese Entwicklung auf eine Umbruchphase beginnend mit dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems und dem Ölpreisschock in den frühen 1970er Jahren zurück. Dies markiere das Ende des so genannten goldenen Zeitalters. Die Grenzen des Wachstums wurden sichtbar und dennoch setzte sich ein neoliberales Paradigma durch. Markante Ereignisse in dieser Entwicklung seien beispielsweise der blutige Putsch unter Diktator Pinochet, der Chile zum Laboratorium neoliberaler Politik machte, oder der chinesische Reformkurs unter Deng Hsiao Ping, der die Volksrepublik zum Weltmarkt öffnete. Schließlich habe sich mit Margaret Thatcher und Ronald Reagan an der Spitze der Weltpolitik ein – wie der Politikwissenschaftler Ulrich Brand es bezeichnet – neoliberales Wahrheitsregime durchgesetzt, das ökonomische Überlegungen zur Grundlage von politischen Entscheidungen mache.

Die jetzige Krise mache es möglich, so Steffens, Zusammenhänge zu erkennen und Systemlogiken zu entziffern und könne somit als Lernmöglichkeit verstanden werden. Dies wurde vom diskussionsfreudigen Publikum aufgegriffen. Eine Lehrerin kritisierte beispielsweise, dass es mittlerweile Schulen gebe, die von Firmen gesponsert werden: „Die, die uns heute finanzieren, werden morgen die inhaltlichen Ausrichtungen bestimmen.“ Wir stünden vor einer Zukunft der Monokultur der Bildung, in der Individualität der Anpassung an Normen weichen müsse. Eine andere Teilnehmerin erkannte ökonomische Zwänge in standardisierten Prüfungsmodalitäten, die die Art des Unterrichtens zunehmend bestimmen würden und dadurch kaum Freiräume des Denkens zuließen.

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Next Stop: 2014

Überblicksartig präsentierte Heidi Grobbauer am Ende der Tagung zentrale Aspekte der einzelnen Arbeitsgruppen. Während in den einen Workshops praxisnahe Methoden des Globalen Lernens wie das Philosophieren mit Kindern oder das Diskutieren von Dilemmata erprobt wurden, stand in anderen die Reflexion über den Zusammenhang von Ökonomie, Gesellschaft und Bildung im Mittelpunkt. Deutlich wurde die Notwendigkeit einer qualitätsvollen politisch-ökonomischen Bildung, die auf wissenschaftlichem und weltanschaulichem Pluralismus basiert und alternative Entwicklungsmodelle aufzeigt.

Helmuth Hartmeyer freute sich in seinen Abschlussworten über das große Interesse an der Bundes-Fachtagung. Dies mache ihn zuversichtlich, dass es auch im nächsten Jahr eine Folge-Konferenz geben wird.

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Der Autor ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Fotos: Shila Auer. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

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