Andreas Novy führt seine Reflexionen aus Teil VI weiter und zeigt anhand von Beispielen aus der Geschichte, wie Entwicklung gestaltet werden kann und welche Implikationen dies für Bildungsarbeit hat.
Berthold Brecht lässt in den Flüchtlingsgesprächen seinen Protagonisten sagen: Ich würde keinem anraten, dass er sich ohne die allergrößte Vorsicht menschlich benimmt. Das Risiko ist zu gewaltig. Im Theaterstück Der gute Mensch von Sezuan wird das Dilemma des guten Handelns in bösen Strukturen weiter ausgebreitet. Wirksame Bildungsarbeit schult in der Reflexion und Bearbeitung dieser Widersprüche. So wurde die Glaubwürdigkeit der brasilianischen Präsidentschaftskandidatin Dilma Rousseff in einer Anhörung zu aktuellen Korruptionsvorwürfen von konservativen Abgeordneten damit in Frage gestellt, dass sie ja während der Diktatur im Gefängnis auch gelogen habe. Worauf sie klarstellte, dass sie stolz darauf sei, damals gelogen und damit das Leben von MitstreiterInnen gerettet zu haben. Es gibt Situationen, in denen wirksames Handeln mit den zehn Geboten bricht und das ist gut so.
Guter Mensch, schlechter Mensch?
Winston Churchill, um ein weiteres Beispiel aus dem 20. Jahrhundert zu nennen, war eine hoch umstrittene Persönlichkeit, der KommunistInnen hasste und kurz auch mit dem Faschismus sympathisierte. Doch als Hitler in Russland einmarschierte, sagte er: Und wenn Hitler in der Hölle einmarschiert, dann verbünde ich mich selbst mit dem Teufel. Die Zusammenarbeit Großbritanniens mit Russland war entscheidend für die Niederlage Hitlers und den Niedergang des Faschismus, der 1941 den Großteil des Territoriums kontrollierte, das heute die Europäische Union ist. Es ist dies der gleiche Churchill, der später zigtausende Flüchtlinge in Dresden bombardierte. War er ein schlechter Mensch? War er ein Guter? Hat er sich abends in den Spiegel geschaut? Sind das die richtigen Fragen, wenn es um die Lehren aus Faschismus und Krieg geht? Ich zweifle.
Beispiele aus Brasilien und Südafrika
Nehmen wir schließlich noch zwei Helden der Solidaritätsbewegungen der 1980er Jahre: Nelson Mandela und Luiz Inácio Lula da Silva. Der erstere, ein Mann der Versöhnung, der den friedlichen Übergang zur Demokratie in Südafrika organisierte, der zweite, ein Metallarbeiter, der in Brasilien die Opposition gegen die Militärdiktatur anführte. Weniger bekannt ist, dass Mandela als Präsident verantwortlich war für eine liberale Wirtschaftspolitik, die wenig an der Ungleichheit aus der Zeit der Apartheid änderte, während unter dem Präsidenten Lula in Brasilien 24 Millionen Menschen den Weg aus der Armut gefunden haben, die familiäre Landwirtschaft erstmals systematisch gefördert wird und die Fundamente eines Wohlfahrtskapitalismus gelegt werden. Gleichzeitig gibt es in Brasilien gegen einzelne Projekte, wie Flussumleitungen und Kraftwerksbauten, massive Proteste.
Spieglein, Spieglein an der Wand
Wirksame Bildungsarbeit sollte den Blick für Widersprüche schärfen, für Schattierungen zwischen gut und böse, die für das Gestalten dieser Welt unabdingbar sind. Statt sich dafür zu interessieren, ob Mandela und Lula gute Menschen sind und sich zufrieden in den Spiegel schauen können, gilt es, historisch-kritisch zu analysieren und fremde Erfahrungen als Spiegel für Entwicklungen bei uns zu nutzen. Und der Spiegel, den uns gegenwärtig das Versagen der neoliberalen Wirtschaftspolitik Mandelas und die wohlfahrtskapitalistische Entwicklung Brasiliens vorhalten, hat massive ethisch-politische Konsequenzen. Wer sich über die aktuelle Entwicklung Brasiliens informiert, wird merken, dass sich seine sozialen und wirtschaftlichen Erfolge der wohlfahrtsstaatlichen Strategie verdanken, die auch in Europa im 20. Jahrhundert den meisten Menschen ein gutes Leben gebracht hat. Während Europa sein Erbe von sozialer Sicherheit und staatlichen Institutionen zur Zeit geringschätzt, bildet der Aufbau ebensolcher Strukturen an anderen Orten die Grundlage ihres Aufstiegs und eines besseren Lebens für viele.
Ziel: das gute Leben
Was heißt all das für Bildungsarbeit? Wirksame Bildungsarbeit ist immer historisch-kritisch, indem sie Menschen befähigt, sich eine Meinung über die Welt zu bilden, in der jede Person ihre individuellen und gemeinschaftlichen Entscheidungen treffen muss. Diese Art von Bildungsarbeit, die Praxis kritisch reflektiert, schafft Verständnis für wirksames politisches Handeln, indem sie Gestaltungsmöglichkeiten bewertet und erfolgreiches Handeln identifiziert. In einer durch Widersprüche geprägten Welt, in der auch wir so wie Churchill und Rousseff Entscheidungen zu treffen haben, und in denen wir wissen müssen, warum wir auf welcher Seite in welchen Konflikten in Südafrika, Brasilien oder welchem Land auch immer stehen, ist es das Ziel guter Bildungsarbeit, das Bewusstsein zu schärfen, wie Entwicklung so gestaltet wird, dass für möglichst viele Menschen ein gutes Leben möglich ist.
Hier ist hilfreich, an den kategorischen Imperativ, wie ihn Karl Marx formulierte, anzuschließen, nämlich alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist. Hunger und Armut, um die zwei schlimmsten Unmenschlichkeiten zu nennen, werden nur abgeschafft, wenn Menschen wirtschaftliche und politische Strukturen ändern. Brasilien zeigt, wie es geht. Was es dazu braucht, hat Antonio Gramsci schon 1919 von Turiner ArbeiterInnen gefordert: Bildet euch, denn wir brauchen all eure Klugheit. Bewegt euch, denn wir brauchen eure ganze Begeisterung. Organisiert euch, denn wir brauchen eure ganze Kraft. Bilden, bewegen und organisieren ist gleichermaßen notwendig, um weltweit Hunger und Armut abzuschaffen und zu erkämpfen, dass sich Europa im 21. Jahrhundert nicht von den zivilisatorischen Errungenschaften des 20. Jahrhunderts, Demokratie und Wohlfahrtsstaat, verabschiedet. Gehen wir es an! Eine andere Welt ist möglich.
Zu den weiteren Beiträgen dieser Artikelserie:
Reflexionen zur Wirksamkeit von Bildung I
Reflexionen zur Wirksamkeit von Bildung II
Reflexionen zur Wirksamkeit von Bildung III
Reflexionen zur Wirksamkeit von Bildung IV
Reflexionen zur Wirksamkeit von Bildung V
Reflexionen zur Wirksamkeit von Bildung VI