
Keiner weiß, worum es sich eigentlich handelt, klar ist aber, wie sie zu messen istdie Rede ist von der Forderung nach mehr Qualität im Bildungsbereich. Die 136. Ausgabe der Schulheft-Reihe geht auf den Begriff der „Bildungsqualität“ und die dahinter stehenden gesellschaftlichen Entwicklungen und Interessen ein.
Die 136. Ausgabe der Schulheft-Reihe „Bildungsqualität! Eine verdächtig selbstverständliche Forderung“ geht dem Qualitätsdiskurs im Bildungsbereich, der in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen hat, auf die Spur.
Die zwölf AutorInnen (Josef Baki, Eveline Christof, Monika Hofer, Stefan T. Hopmann, Bernadette Hörmann, Wolfgang Horvath, Claudia Leditzky, Erich Ribolits, Eva Sattlberger, Alfred Schirlbauer, Michael Sertl und Stefan Vater) kommen alle aus dem Bildungsbereich und dabei sowohl aus dem wissenschaftlichen Kontext als auch aus der Praxis.
Bildungsqualitätfit für den Markt?
Diese Schulheft Ausgabe thematisiert zum einen die Frage nach den gesellschaftlichen Entwicklungen, die zu einem Aufschwung des Qualitätsdiskurses im Bildungsbereich innerhalb der letzten Jahre geführt haben und von welchen Interessen dieser dominante Diskurs geprägt ist. Zum anderen gehen die AutorInnen den Metazielen nach, die durch diverse Qualitätssicherungsmaßnahmen angestrebt werden sollen.
Diese zwei Fragen werden im vorliegenden Band sowohl in einem theoretischen Teil als auch an praktischen Beispielen erörtert. In den verschiedenen Beiträgen machen die AutorInnen deutlich, dass der Diskurs um Bildungsqualität in den Kontext der Veränderungen im politisch-ökonomischen System des Marktkapitalismus gesetzt werden muss. Als entscheidende Veränderung führt Erich Ribolits die tiefgreifenden technologischen Veränderungen, die voranschreitende Globalisierung und die zunehmenden Verwertungsprobleme an, die eine Verschärfung des Konkurrenzkampfes auf allen gesellschaftlichen Ebenen mit sich bringt.
Bildungsqualität: eine neue Form gesellschaftlicher Kontrolle
Solche politisch-ökonomischen Veränderungen führen auch zu einem sozialen Wandel. Claudia Leditzky zitiert in diesem Zusammenhang Ferdinand Eder et al., die diesen sozialen Wandel mit drei großen Trends Individualisierung, Informationalisierung und Internationalisierung beschreiben. In diesem Sinne sind die Forderungen nach Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung im Bildungsbereich als Antwort auf diesen Wandel anzusehen. Der Bildungsbereich und die Ausbildenden und Auszubildenden müssen demnach im marktideologischen Sinne für den Markt mobil gemacht werden. Dies geschieht vor allem durch den Schwenk von einer Input-Steuerung zu einer Output-Steuerung. Während Inputsteuerung verstärkten Einfluss vonseiten des Staates auf das Bildungswesen mithilfe von Lehrplänen, Ausbildungsbestimmungen, der Optimierung von Rahmenbedingungen usw. beinhaltet, drückt sich eine Outputsteuerung in vermehrten Kontrollverfahren in Form von Regeln und Standards (wie z.B. die Bildungsstandards) aus. Alfred Schirlbauer spricht in diesem Zusammenhang von einem Übergang von einer Disziplinargesellschaft, die auf klassischen Hierarchisierungssystemen aufbaut, zu einer Kontrollgesellschaft. Letztere bedient sich nun neuer Machtinstrumente, die sich zum einen hinter dem „Schleier der Wissenschaftlichkeit (der pädagogischen Evaluationsforschung)“ (Schirlbauer 2009: 24) verstecken und zum anderen Methoden aus der modernen Unternehmensführung, dem Management, entnehmen.
Bildungsqualität ein „Plastikwort“
Die AutorInnen entlarven demnach den Begriff der „Bildungsqualität“ als „Plastikwort“ (Pörkens 1988, zitiert nach Ribolits 2009: 8). Damit sind Begriffe gemeint, die nicht aus sich selbst heraus eine Bedeutung haben, sondern ihre Bedeutung durch die Kraft der Assoziationen bekommen, die sie hervorrufen. In Bezug auf den Diskurs der Bildungsqualität heißt das nun, dass zwar keiner so wirklich weiß, was unter Bildungsqualität zu verstehen ist, einige aber wissen, wie diese erreicht wird. Der Diskurs um Bildungsqualität bedient sich demnach der Undefiniertheit und Schwammigkeit des Begriffs „Bildungsqualität“ und versteckt dadurch die hinter diesem Diskurs stehenden Interessen, die, wie schon erwähnt wurde, darin bestehen, den Bildungsbereich an den politisch-ökonomischen und sozialen Wandel „anzupassen“. Innerhalb des derzeitigen Bildungsqualitäts-Diskurses wird der Begriff der Qualität demnach in einem klar praktisch wirtschaftlichen Sinne einer Messbarkeit verwendet. Michael Sertl argumentiert, dass Qualität de facto mit Effizienz gleichgesetzt werden kann.
Bildungsqualität praktisch umgesetzt
Im 2. Teil des Buches wird dieser praktisch wirtschaftliche Zugang zur Steigerung der Bildungsqualität anhand verschiedenster Beispiele wie der PISA und TIMSS-Studien (Trends in International Mathematics and Science Study), der unternehmerischen Universität oder des europäischen Qualifikationsrahmens analysiert. Dabei werden vor allem die Schwächen solcher Qualitätsmanagementzugänge wie z.B. das starke Defizit von pädagogischen Elementen verdeutlicht. Innerhalb des Buches wird demnach immer wieder die Frage gestellt, welche Qualität denn angestrebt wird und inwiefern diese mit derzeitigen Messmethoden überhaupt gemessen werden kann. Monika Hofer geht in ihrem Beitrag auf einen eventuellen alternativen Weg zur Qualitätssteigerung in der LehrerInnenbildung ein.
Bildungsqualität anders gedacht
In ihren Beiträgen entschleiern die AutorInnen demnach anschaulich die hinter den derzeitigen Diskursen zur Qualität im Bildungsbereich stehenden gesellschaftlichen Prozesse und Entwicklungen. Sie verdeutlichen, wie der Begriff der Bildungsqualität mit der Effizienz- und Wettbewerbslogik des derzeitigen marktwirtschaftlichen Systems zusammenhängt. In diesem Sinne geben die AutorInnen gut nachvollziehbare Antworten auf die in der Einleitung formulierten zwei Fragen.
Dieser Schulheft-Band ist demnach für LeserInnen geeignet, die einen breiteren Einblick in die Logik derzeitiger Diskurse zu Qualitätsmanagement und Qualitätssicherung im Bildungsbereich bekommen möchten. Während einige Beiträge breite Analysen derzeitiger Prozesse bieten, sind andere wiederum eher kurze Essays zum Thema. Sprachlich und stilistisch sind die Beiträge demnach unterschiedlich leicht bzw. schwer verfasst, im Allgemeinen bedient sich der Band aber einer gut verständlichen wissenschaftlichen Sprache. Für alle Interessierten bietet er gute Anstöße für eine Hinterfragung derzeitiger Entwicklungen im Bildungsbereich. Innerhalb der Beiträge wird auch immer wieder die Frage nach alternativen Zugängen zu Bildungsqualität aufgeworfen. Darauf gibt der Band zwar keine Antworten, Anregungen finden sich jedoch allemal.
Christof, Eveline/Ribolits, Erich/Zuber, Johannes (2009): Bildungsqualität! Eine verdächtig selbstverständliche Forderung. Schulheft 136/2009. Innsbruck/Wien/Bozen: StudienVerlag. ISBN 978-3-7065-4733-8
Die Autorin studiert Internationale Entwicklung und Politikwissenschaften und ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum.
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Zu den weiteren Beiträgen dieser Artikelserie:
Reflexionen zur Wirksamkeit von Bildung I
Reflexionen zur Wirksamkeit von Bildung III
Reflexionen zur Wirksamkeit von Bildung IV
Reflexionen zur Wirksamkeit von Bildung V
Reflexionen zur Wirksamkeit von Bildung VI
Reflexionen zur Wirksamkeit von Bildung VII