Poesie als Bewusstseinsbildung – Gespräch mit Ernesto Cardenal

Am 22. Oktober 2012 lud das C3-Centrum für Internationale Entwicklung zu einem Podiumsgespräch mit dem Befreiungstheologen, Dichter und Revolutionär Ernesto Cardenal. Im Zuge der abendlichen Veranstaltung fand auch die offizielle Übergabe des umfangreichen Bestands der Bibliothek des Lateinamerika-Institutes (LAI) an die C3-Bibliothek statt.Im Rahmen einer Lese-Tournee durch Europa traf der nicaraguanische Schriftsteller, sandinistische Politiker und suspendierte katholische Priester Ernesto Cardenal auch in Wien auf viele Fans und Interessierte. Mit im Gepäck hatte er seine gesammelten Gedichte, die zum ersten Mal als gebundenes Gesamtwerk in deutscher Sprache erschienen sind. Mit ORF-Moderator und Journalist Christoph Riedl sprach Cardenal im Rahmen des Themenschwerpunkts Bildung im C3ntrum über Kunstschaffen in der Bildungsarbeit. Mehr als eine Stunde nahm sich der 87-Jährige Zeit für Diskussion, Kurz-Lesungen und Fragen aus dem Publikum. Das Interesse war groß und der Andrang mit rund 130 TeilnehmerInnen enorm.

Ernesto_Cardenal__38a_.JPG Foto: Charlotte Kottusch

Erweiterung der C3-Bibliothek

Neben dem poetischen Gesamtwerk des Schriftstellers war der Abend auch der Büchersammlung des Lateinamerika-Institutes (LAI) gewidmet. Dessen rund 2.500 Bücher und 45 laufende Zeitschriften fanden in diesem Rahmen in der C3-Bibliothek für Entwicklungspolitik ein neues Zuhause. Stefanie Reinberg, die Direktorin des Lateinamerika-Institutes, freute sich bei der offiziellen Übergabe über die gute Zusammenarbeit im Vorfeld. Im Rahmen der Kooperation würden auch Schenkungen, die in Zukunft an das LAI gehen, an die C3-Bibliothek weitergeleitet werden. Der C3-Bibliotheksbestand sei in Österreich bereits vor der Übergabe einzigartig gewesen. Der jüngste Zuwachs bedeute eine thematische Erweiterung und ermögliche es, lateinamerikanische wissenschaftliche Publikationen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Ernesto_Cardenal__9a_.JPG Christoph Riedl, Lutz Kliche, Ernesto Cardenal, Stefanie Reinberg (v.l.); Foto: Charlotte Kottusch

Politische Verse

Soziale und politische Botschaften werden von Ernesto Cardenal in Verse verpackt. Poesie sei politisch, Kunst revolutionär und Revolution brauche Poesie. Mit einem einleitenden Gedicht zeigte der nicaraguanische Dichter, dass seine Kunst nicht zweckfrei ist, sondern gesellschaftliche Veränderungen anstrebt. El celular (Das Handy) erzählt von den kriegerischen Auseinandersetzungen um den Rohstoff Coltan. Rund 80% des Erzes befinden sich in der Demokratischen Republik Kongo und werden von der Mobilfunkindustrie benötigt, um Handy-Chips herzustellen. Multinationale Konzerne liefern sich laut Ernesto Cardenal erbitterte Kämpfe um den Rohstoff. Bereits fünf Millionen Menschen haben innerhalb der letzten 15 Jahre dadurch ihr Leben verloren. Als organisiertes Verbrechen der multinationalen Konzerne prangert Cardenal die bestehenden Verhältnisse an. Neu ist das Thema zwar nicht, an Aktualität hat es aber nichts eingebüßt.

Ernesto_Cardenal__29a_.JPGPolitik und Poesie bildeten im Denken Cardenals schon immer eine Einheit. Kunst habe einen Wert für sich und müsse in jeder Gesellschaft eine hohe Priorität bekommen, weil sie Freiheiten garantiert. Doch insbesondere in der gesellschaftspolitischen Positionierung und in der Thematisierung von sozialen Problemen erfülle Kunst ihr emanzipatives Potential. Eine Zuhörerin sprach die Karikaturen des Propheten Mohammed an und wollte wissen, wie damit umzugehen sei, wenn religiöse oder andere Gefühle verletzt werden. Die Antwort von Cardenal war eindeutig und bestimmt: Kunst muss alles dürfen.

Literatur und Kunst können die Welt verändern

Im Gespräch erzählte er von seinem eigenen Lebensweg, der sandinistischen Freiheitsbewegung und von der Umsetzung der Revolutionsanliegen in Nicaragua. In den 1960er Jahren rief Cardenal eine christliche Gemeinschaft auf der Inselgruppe Solentiname ins Leben. Gemeinsam mit einheimischen Bäuerinnen und Bauern las und interpretierte er Bibelstellen. Sie wurden von den Menschen als Aufruf zur Befreiung, zur Revolution der Unterdrückten verstanden. Die Dialoge mit den Bäuerinnen und Bauern sammelte der Schriftsteller in seinem Werk Das Evangelium der Bauern von Solentiname.

Revolution sei ohne Bildung nicht denkbar, denn ohne Bildung gebe es keine Revolution. In diesem Sinne kam eine entscheidende Funktion laut Cardenal den damals von ihm gegründeten Dichterwerkstätten zu. Als Instrumente der Bewusstseinsbildung gaben sie Menschen die Möglichkeit, sich literarische Freiräume und damit Freiräume im Denken zu schaffen. Kritische Reflexion sollte ermöglicht und gefördert sowie dadurch Formen der Subversion unterstützt werden. Nicht ohne Stolz berichtete Ernesto Cardenal, dass einige dieser Werkstätten des literarischen Schaffens auch heute noch existieren.

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Foto: Charlotte Kottusch

Die Alphabetisierung der Bevölkerung habe in der Befreiungsbewegung in Nicaragua immer oberste Priorität gehabt. Bereits 14 Tage nach dem Ende der Revolution begannen die Alphabetisierungs- und Bildungsprogramme. Als nicaraguanischer Kulturminister unter der sandinistischen Regierung von 1979 bis 1987 bekam Ernesto Cardenal die Möglichkeit, seine zuvor erarbeiteten Methoden in der Bildungsarbeit großflächig umzusetzen. Die Poesie und die Kunst nahmen dabei immer eine tragende Rolle ein.

Nach der Podiumsdiskussion blieb Ernesto Cardenal, um Bücher zu signieren. Viele der Zuhörenden diskutierten angeregt bis spät in die Nacht hinein.

Hier geht’s zum 30-minütigen Dokumentarfilm des Abends.

Der Autor ist Praktikant im Paulo Freire Zentrum und studiert Internationale Entwicklung an der Universität Wien. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

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