Am 12. Dezember 2013 fand im C3 – Centrum für Internationale Entwicklung eine von BAOBAB und Paulo Freire Zentrum organisierte Veranstaltung zum Thema Mehrsprachigkeit statt. Unter der Moderation von Gabriele Slezak berichteten und diskutierten Sabine Schröder, Brigitta Busch und Barbara Falkinger über eigene Erfahrungen im schul- und berufsbezogenen Kontext.Die Frage, ob „man“ (besser: der „Norden“) vom „Süden“ lernen kann, ist eine Frage, die in entwicklungsbezogenen Diskursen immer wieder aufgeworfen wird. Wenn man sich des Themas Mehrsprachigkeit annimmt und sich dabei auf Südafrika bezieht, kann diese Frage den Vortragenden zufolge vorsichtig – und mit einigem Vorbehalt – mit „ja“ beantwortet werden. Südafrika ist das einzige Land der Welt, das in seiner Verfassung von 1994 elf Sprachen offiziell anerkennt und damit dem „Norden“ offenbar weit voraus ist.
Sprachideologien und Sprachrepertoires
Dass diese Form der Anerkennung zwar theoretisch sehr fortschrittlich, in der Praxis jedoch mit einigen Schwierigkeiten verbunden ist, kritisierte Brigitta Busch, Universitätsprofessorin für Angewandte Sprachwissenschaft und Autorin des Buches „Mehrsprachigkeit“. So wies sie darauf hin, dass trotz der gesetzlichen Anerkennung der elf Sprachen in vielen Lebensbereichen Südafrikas die englische dominiert, während andere Sprachen, wie beispielsweise Afrikaans, nach wie vor als „minderwertig“ angesehen würden. Dies zeigt sich exemplarisch darin, dass die Beschilderung in vielen Schulen ausschließlich englischsprachig ist oder dass die Gespräche zwischen LehrerInnen und Eltern in Englisch stattfinden.
Sabine Schröder, Gabriele Slezak, Brigitta Busch, Barbara Falkinger (Foto: Raphaela Bruckdorfer)
„Was in einer Gesellschaft als moralisch richtig oder ästhetisch gefällig erscheint, ist oft an politökonomische Interessen gebunden“, ist Busch überzeugt. „Sprachideologien repräsentieren eine Sichtweise im Interesse bestimmter sozialer und kultureller Gruppen.“ Aus sprachwissenschaftlicher Perspektive diene Sprache nicht nur der Kommunikation, sondern auch dazu, sich selbst als Subjekt identifizierend oder differenzierend zu anderen in Bezug zu setzen. Wesentlich sei außerdem sich bewusst zu machen, dass kein Mensch wirklich einsprachig sei. So verfüge jede und jeder von uns über ein Sprachenrepertoire, welches als Gesamtheit der sprachlichen Mittel, die einer Person zur Verfügung stehen, verstanden werden könne. Dazu gehörten auch Sprachmischungen und Jargons, die für den jeweiligen Sprecher oder die jeweilige Sprecherin oft eine ganz eigene Bedeutung hätten. Die soziale und kulturelle Anerkennung der verschiedensten Sprachenrepertoires und damit verbunden auch deren Wertschätzung betrachtet Busch als essentiell für eine funktionierende Gesellschaft.
Schule als „Monolingualisierungsmaschine“
Auch Barbara Falkinger kommt in ihrer Tätigkeit als Lehrerin im 15. Wiener Gemeindebezirk alltäglich mit dem Thema Mehrsprachigkeit in Kontakt. Sie arbeitet bereits seit 20 Jahren in diesem Bezirk und habe im Laufe der Zeit eine zunehmende Gentrifizierung beobachtet. Soziale Schichten, die vorher wenig miteinander zutun gehabthätten seien aufeinander getroffen. Der 15. Bezirk sei ein Transitbezirk gewesen und habe die LehrerInnen vor große Herausforderungen gestellt: „Es war unsere Aufgabe, den neu angekommenen Kindern Deutsch zu lernen. Dabei sind uns viele Kinder sprachlich verhungert.“ Denn wie, so Falkinger, hätten die Kinder einem für sie fremdsprachigen Unterricht folgen sollen, nachdem sie und ihre Eltern ohne Sprachkenntnisse nach Wien gekommen seien?
Viele LehrerInnen hätten darauf zurückgegriffen, ein „Sprachverbot“ zu verhängen: Die Muttersprachen von nicht deutsch-sprechenden Kindern hätten in der Schule nichts verloren.
Foto: Raphaela Bruckdorfer
Auch wenn sich Falkinger zufolge das Bild von Mehrsprachigkeit als Problem in diesem Maße nicht gehalten habe, gebe es nach wie vor eine Hierarchisierung derselben. So gelten beispielsweise Englisch, Französisch und Spanisch als „gute“, Bosnisch, Ungarisch und Serbisch hingegen als „weniger gute“ Sprachen. Dies müsse sich ändern, fordert die Lehrerin: „SprecherInnen sollten stolz auf ihr sprachliches Wissen sein, und sich nicht dafür schämen müssen. Es ist wichtig, den Selbstwert und die sprachliche Identität der SprecherInnen zu fördern.“
Sprache als vermeintlicher Schlüssel zur Integration
Nicht nur die Schule, sondern die ganze Gesellschaft fungiere als „Monolingualisierungsmaschine“, meint Sabine Schröder, Absolventin des Studiums der Internationalen Entwicklung und Gründerin des „Netzwerk Sprachenrechte“.
In ihrer Tätigkeit in der Erwachsenenbildung, wo sie für MigrantInnen Deutschkurse leitet, sehe sie sich oft vor die Frage gestellt, wie sie in ihren Kursen mit Fremdsprachen umgehen soll. Einerseits wolle sie gerne mit den TeilnehmerInnen sprachlich experimentieren, andererseits verspüre sie einen großen Druck auf sich selbst als Lehrerin, ihre „SchülerInnen“ möglichst gut auf Prüfungen vorzubereiten, an die Aufenthaltstitel gebunden sind.
Sprache wird so als abfragbares Wissen verstanden, obwohl sie eigentlich so viel mehr sei. Sie werde als Schlüssel zur Integration aufgefasst. Beachtet werden müsse dabei allerdings, dass es sich bei einer bloßen Anpassung an die gesellschaftlichen Normen nicht um Integration handle, denn Integration sei kein einseitiger Prozess.
Foto: Raphaela Bruckdorfer
Jede Sprache hat ihren Wert
Auch wenn Mehrsprachigkeit heutzutage bei Bewerbungen oft als selbstverständlich oder sogar essentiell gilt, gibt es nach wie vor das Bild einer „guten“ und einer „weniger guten“ Mehrsprachigkeit.
Dass sich dieses Bild – und damit auch die Gesellschaft – ändern muss, zeigen Busch, Falkinger und Schröder mit ihren Erfahrungen und Inputs auf.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.