Kein Platz für kritisches Lernen?

Unter dem Titel Raum für kritisch-emanzipatorische Bildung IE heute und übermorgen veranstaltete das Paulo Freire Zentrum in Kooperation mit dem Institut für Internationale Entwicklung (IE) und der Basisgruppe IE am 29. Oktober 2012 eine Podiums- und Publikumsdiskussion. Lehrende, Studierende und Interessierte tauschten sich über die Zukunft der IE aus.

IE im Wandel

Die Internationale Entwicklung hat als Studium eine vergleichsweise junge, aber umso ereignisreichere Geschichte. Das heutige Masterstudium hat seine Ursprünge in den 1980er Jahren. Eine Hand voll Menschen initiierte damals ein interdisziplinäres Projekt, das sich mit Fragen der Entwicklung und globalen Ungleichheiten beschäftigte. Ab den 1990er Jahren konnte IE als Wahlfachkorb in Anspruch genommen werden. Erst 2002 war es möglich, das Individuelle Diplomstudium Internationale Entwicklung zu belegen. Es folgten die Einführung des Bachelor-Studiengangs 2009 und die Institutionalisierung im Rahmen einer Forschungsplattform 2011. Nach einer kurzen Laufzeit von drei Jahren und gerademal ein Jahr nach dem Erlass eines neuen Studienplans, wurde der gut besuchte Bachelor wieder abgeschafft und stattdessen ein IE-Master eingeführt.

Vor diesem Hintergrund stellte sich das sechsköpfige Podium an jenem Montagabend die Frage, wo das bildungspolitische Potential des IE-Studiums liegt und ob dieses im Institutionalisierungsprozess verloren ging. Ausganspunkt der Diskussion war Fanja Haybachs Präsentation ihrer Diplomarbeit zum Thema Kritische Entwicklungen Kritische Bildung. Die Anliegen des Projekts Internationale Entwicklung. Im Zuge ihrer Recherche führte sie Interviews mit acht Lehrenden und zentralen Personen in der Entstehungsgeschichte der IE.

Was darf Bildung?

Pr__sentation_Fanja_Haybach_004a.JPGBildung versteht Fanja Haybach als Emanzipation. Kritik begreift sie als reflexiven Prozess einer kritischen Auseinandersetzung. Diesen Bildungsbegriff griff Erich Ribolits, pensionierter Professor am Institut für Bildungswissenschaften, auf. Für ihn gebe es zwei Komponenten: Erstens müsse Bildung befähigen, die eigene Position kritisch reflektieren zu können, um als nächsten Schritt eine Handlungsperspektive zu ermöglichen. Dieser zweite Teil sei vor allem im deutschsprachigen Raum verloren gegangen. Als gebildet gelte bereits, wer kritisch nachdenkt, ohne dabei den Anspruch der Veränderung zu verwirklichen.

Dabei würden oft die übergeordneten Rahmenbedingungen vergessen, denen Bildungseinrichtungen unterworfen sind. Universitäten seien strukturerhaltend, indem sie Personen aus finanziell wohlhabenderen Schichten eher Zugang zu Bildung ermöglichen. Diese soziale Vererbung sei gerade an mitteleuropäischen Unis stärker als in anderen Ländern. Im Rahmen dieser Strukturen, ebenso wie durch dessen Verschulung in den letzten Jahrzehnten, habe das emanzipatorische Moment von Bildung an Bedeutung verloren.

Bildungsfeindliche Uni-Strukturen?

Wenn die universitären Strukturen kritische Bildung verhindern, müsse diese anderswo stattfinden. Diese Erfahrungen machte Bachelor-Studentin Katharina Menschick. Als sie im Wintersemester 2009 begann, Internationale Entwicklung zu studieren, engagierte sie sich zeitgleich in der uni:brennt-Bewegung. Dort fand sie mehr Handlungsraum für kritisch-emanzipatorische Bildung, als in den Lehrveranstaltungen der Studieneingangsphase. Bis heute bieten ihr Lesekreise und Diskussionsgruppen außerhalb der IE oft größere Möglichkeiten der kritischen Auseinandersetzung.

Auch Studienprogrammleiterin Margarete Grandner zeigte sich skeptisch bezüglich des inneruniversitären Gestaltungsspielraums. In der frühen Phase der IE vermutete sie einen sehr optimistischen Blick der AkteurInnen auf das, was innerhalb von Institutionen möglich sei. Bildung habe in ihrer normativen Ausrichtung immer etwas Disziplinierendes. Besonders problematisch erachtet sie die Disziplinierungswellen der letzten Jahre und Jahrzehnte, vor allem jene, die in den Köpfen der Menschen stattfänden und reglementieren würden, was gedacht werden dürfe.

Karin Fischer, langjährige Lehrende der IE und eine der InterviewpartnerInnen von Fanja Haybach, bestätigte aus dem Publikum Grandners Sichtweise. Es war tatsächlich optimistisch, wenn nicht naiv zu glauben, man könne dem Projekt IE ein anderes Gesicht geben. Die IE wurde von vielen der Mitwirkenden als teilweise außerhalb der klassischen hierarchischen Uni-Strukturen verstanden man war ja selbst extern und strebte keine klassische Unilaufbahn an. Denn um eine universitäre Karriere einzuschlagen, müssen Spielregeln befolgt werden, die im Widerspruch zu emanzipatorischen Bildungsansprüchen stünden. So sei es beispielsweise wichtiger, in Peer Review-Journalen zu publizieren als Lehrbücher für die IE herauszugeben oder viel Zeit und Ressourcen in der Lehre zu verschwenden. Die Gewinnung von Drittmitteln habe oberste Priorität und werde manchen Orts mit dem Erlass von Lehrtätigkeit belohnt. Es fehle also an Anerkennung für kritisch-emanzipatorische Lehre an den Universitäten.

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Erich Ribolits, Alex Berger, Stefan Ossmann, Fanja Haybach, Margarete Grandner, Katharina Menschick (v.l.); beide Fotos: Charlotte Kottusch

W-IE geht es weiter?  

Vom Lernen in Kleingruppen zum Massenstudium: Geht das bildungspolitische Potential des aufmüpfigen Studiums IE nun endgültig verloren? Ist kritisch-emanzipatorische Bildung in einem institutionalisierten IE Master-Studium überhaupt (noch) möglich? Wenn es dem Projekt gelinge, sich erfolgreich zu etablieren, befürchtet Erich Ribolits, dass es ein Studium wie jedes andere wird. Er sprach von seinen Erfahrungen aus den Bildungswissenschaften, wo wider besseren Wissens immerhin sind Didaktik und Bildungsfragen das Fachgebiet die gleichen Uni-Strukturen aufrecht erhalten werden, die zuvor kritisiert wurden. Margarete Grandner konnte dieser These einiges abgewinnen. Doch selbst als Institut wie jedes andere sei die IE in Zukunft vielleicht doch ein bisschen anders.

Der Autor ist Praktikant im Paulo Freire Zentrum und studiert Internationale Entwicklung an der Universität Wien. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.


Die Diplomarbeit von Fanja Haybach steht hier zum Download zur Verfügung:

Fanja Haybach_Kritische Entwicklungen – Kritische Bildung.pdf  (1.03 MB) 

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