Freire im Kontext seiner Zeit

Einer der Hauptvortragenden des Symposiums Volksbildung heute? war der
Brasilianer Roberto Carlos Winckler. Im Zentrum seiner Analyse standen
Paulo Freires Denken und Wirken.
Roberto Carlos Winckler war Ende der 1980er als Vizestadtrat für Kultur in Porto Alegre beschäftigt. Heute arbeitet er als Soziologieprofessor und Sozialforscher im Bereich der Koordinierung von Sozialstatistiken. In seinem Vortrag beim Symposium unternahm er den Versuch, Freires Bildungsbegriff im jeweiligen gesellschaftlich-politischen Kontext der brasilianischen Geschichte zu verorten.

ArbeiterInnenbildung in Kulturzirkeln

Die 1950/60er Jahre Brasiliens waren von der Entwicklung des Binnenmarktes gekennzeichnet, die Modernisierung sei unter Beteiligung der Massen vonstatten gegangen. Zahlreiche Kulturzirkel sollten zur Bildung von ArbeiterInnen beitragen und so ihre Integration in eine sich wandelnde Gesellschaft vorantreiben. Es sei diese Zeit zivilgesellschaftlicher Landarbeiterbewgung und kirchlicher Basisgruppen gewesen, in der sich Freire mit Erwachsenenbildung beschäftigte und sich schließlich auch auf Regierungsebene im Rahmen nationaler Bildungsinitiativen engagierte. Sein Verständnis von befreiender Bildung habe auf der Annahme basiert, dass Menschen die Fähigkeit besitzen, sich selbst zu erkennen und schließlich auch als handelnde Subjekte mit Veränderungspotential zu verstehen.

Der Militärputsch des Jahres 1964 habe Freire nach kurzer Gefangenschaft ins Exil nach Chile gezwungen. Er sei im Umfeld der dortigen Agrarreform engagiert gewesen und habe in Chile auch das bedeutende Werk "Pädagogik der Unterdrückten" geschrieben. Thematisiert werde darin die Dialektik von Herr und Sklave, die sich darin manifestiere, dass im Bewusstsein des Unterdrückten auch der Unterdrücker verinnerlicht sei. Der Begriff der Bewusstseinsbildung, die Erkenntnis vom Unterdrücker in sich, spiele eine bedeutsame Rolle in Freires Werk. Materielle Aspekte, also marxistische Ansätze, seien Resultat seiner späteren Erfahrungen im Bereich der Neuorganisation von Bildungssystemen in Afrika. Diese habe er in der Folge mit den Überlegungen zum Bewusstsein verknüpft.

Freire wird instrumentalisiert

Die Militärdiktatur Brasiliens habe die zivilgesellschaftlichen Volksbildungsbewegungen schnell beendet. Es sei in dieser Phase zu einer Instrumentalisierung des freireanischen Bildungskonzeptes gekommen. Seine Ideen seien zum Zwecke der Herstellung einer hierarchischen Ordnung vereinnahmt worden die Bildung der Menschen sollte ihre Anpassung an vorherrschende Bedingungen nach sich ziehen. Mitte der 1970er Jahre sei die Phase des "brasilianischen Wunders", eine Wirtschaftswachstumperiode, die der Mehrheit der Bevölkerung keine Verbesserung der Lebensbedingungen brachte, in die Krise gekommen.

Eine Neuorganisation der Zivilgesellschaft habe schließlich zur "BürgerInnenverfassung" der 1980er Jahre geführt. Die Militärs und deren Verbündete, die zu dieser Zeit über keine ausgeklügelten politischen Konzepte verfügten, hätten sich dem Druck des Volkes beugen müssen. Universale Rechte, beispielsweise in den Bereichen Erziehung und Gesundheit, hätten Eingang in die neue Verfassung gefunden. Obwohl auf höchster Ebene verankert, sei die Akzeptanz der dieser Rechte in der Praxis nicht gewährleistet gewesen.

In den 1980er Jahren – einer Zeit, die aufgrund der Schuldenkrise an der Peripherie oft als verlorene Dekade bezeichnet wird – sei die Beschneidung der Verfassungsrechte vorangetrieben worden. Unter der Ägide von Weltbank und Internationalem Währungsfonds fanden zahlreiche Privatisierungen statt, die der Prämisse der Notwendigkeit des freien Marktes entsprachen. Die Strukturanpassungsprogramme des Währungsfonds hätten dazu geführt, dass sich die Kluft zwischen Arm und Reich immer weiter ausdehnte. Die Arbeiterpartei Brasiliens habe in dieser Zeit vor allem auf Gemeindeebene gewirkt, beispielsweise in Form von BürgermeisterInnen. Paulo Freire kam Ende der 1980er wieder nach Brasilien zurück und arbeitete als Staatssekretär für Erziehungsfragen in Sao Paulo. In vielen Städten wurden so genannte BürgerInnenschulen gegründet. Es habe sich dabei um öffentliche demokratische Schulen gehandelt, die als Ort der Diskussion verstanden wurden und den BürgerInnen regionale Mitgestaltungsmöglichkeit boten.

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Roberto Carlos Winckler beim Vortrag im Europahaus Hütteldorf, im Hintergrund: Moderator Andreas Novy vom Paulo Freire-Zentrum. (Photos: Vera Brandner, ipsum)

Wozu Empowerment?

In den 1990er Jahren hatte es den Anschein, als ob sich neue Konzepte durchsetzen könnten, die dieser ungleichen Entwicklung entgegenwirken könnten. In Brasilien kam Cardoso an die Macht und thematisierte die soziale Verantwortung des Marktes (keine Kinderarbeit, Umweltschutz, etc). Es sei der Begriff des "Empowerments" kursiert, worunter jedoch meist einfach ein neuer Individualismus verstanden worden sei, der mündige und flexible Personen hervorbringen sollte, die sich in einer unsicheren, globalisierten Welt zurechtfinden können. In dieser Zeit veränderten sich auch die Volksbildungsbewegungen. Bildung sei immer weniger mit Befreiung, sondern eher mit einer Art individueller Identitätssuche assoziiert worden. Dieser Umbruch geschah auch innerhalb der NGOs, die als ArbeitgeberInnen für die Mittelklasse angesehen werden müssen. Eine Mehrzahl der heute in Brasilien bestehenden NGOs sei in den 1990er Jahren entstanden. Einige seien mit Geldern von Unternehmen und Stiftungen gegründet worden, was zur Abhängigkeit von deren Zuwendungen geführt habe.

Die Landlosenbewegungen und BürgerInnenschulen der untersten sozialen Klassen hatten jedoch mit gewichtigeren Problemen zu kämpfen ihr Alltag sei schließlich noch immer vom Kampf ums Überleben geprägt gewesen. Freire habe in dieser Zeit neue Themen, wie Geschlecht, Ethnie oder Transdisziplinarität, in seine Ansätze eingegliedert, seinen ursprünglichen Ideen sei er im Sinne der Verteidigung der Hoffnung der Menschen immer treu geblieben.

Auch die anschließende Diskussion war von der Frage nach der Aktualität Freires und der Problematik seiner Instrumentalisierung geprägt. Wie soll sich Bildung im Kapitalismus gestalten? Für Roberto Carlos Winckler gibt es kein abstraktes Rezept, welches immer und überall angewandt werden kann. Zeit, Geduld, radikales Denken, Neudenken der Situation und die Befreiung immer vor Augen das sind jene Komponenten der Bildung, die uns dazu befähigen sollen, in der Gesellschaft zu handeln und schließlich auch ihre Regeln zu verändern.

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