
Entlang ihrer eigenen Erfahrungen als Lehrerin, Journalistin und Schülerin, beschäftigt sich Melisa Erkurt in ihrem Buch mit Ungleichheiten und Rassismus im österreichischen Bildungssystem.
„Nur Kinder mit bildungsnahen Eltern haben eine Chance.“
In Österreich wird Bildung immer noch vererbt und reproduziert damit soziale Ungleichheiten. So berechnete die Statistik Austria 2018, dass nur 7% der Kinder, deren Eltern höchstens einen Pflichtschulabschluss haben, einen Hochschulabschluss erreichen. Die Ungleichheiten im österreichischen Bildungssystem beruhen vor allem auf der Trennung in Gymnasium- und Mittelschule nach der Volksschule. Wer in ein Gymnasium geht und wem die Mittelschule und eine praktische Berufsausbildung nahegelegt werden, entscheiden in Österreich vor allem die Möglichkeiten der Eltern. „Ich wusste, dass wir kein Geld für Nachhilfe hatten, also musste ich in der Schule funktionieren“, schreibt Melisa Erkurt über ihre eigene Schulzeit. Sie selbst wurde in Bosnien geboren. Ihre Familie musste im Zuge des Jugoslawienkrieges flüchten, so kam Erkurt als Kleinkind nach Österreich. Viele Kinder, deren Eltern nach Österreich migriert sind, würden „ein Doppelleben mit Doppelbelastung“ führen, erklärt Erkurt. So wie sie selbst, die ihren Eltern bei Behördengängen und Übersetzungen von Dokumenten helfen musste, während sie gleichzeitig versuchte, in der Schule weiterhin gute Noten zu schreiben – das wiederum ohne die Hilfe ihrer Eltern. Kindheitserinnerungen wie diese, gepaart mit Erkurts Erfahrungen als Journalistin und als Pädagogin in Wiener Schulen, bilden den Kern des Buches und werden durch aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse und Interviews mit Schüler*innen und Pädagog*innen ergänzt.
Die Kopftuchdebatte stigmatisiert muslimische Schüler*innen.
Die Trennung der Kinder nach der Volksschule und die zentrale Rolle der Eltern sind nicht die einzigen Gründe, wieso es manche Schüler*innen leichter haben als andere. Öffentliche Debatten rund um Integration, Deutschkenntnisse und den Islam haben einen direkten Einfluss auf den Alltag von Schüler*innen mit Migrationsbiographie. Das Kopftuch in Schulen ist ein immer wiederkehrendes Thema in Österreich. Muslimische Frauen werden in dieser Debatte oft zu Verliererinnen und handlungsunfähigen Opfern stilisiert. Einerseits werden in der Schule feministische Ideen zu Selbstbestimmtheit gelehrt, andererseits werden muslimischen Mädchen selbstbestimmte Entscheidungen abgesprochen. Erkurt schreibt hier nicht über ihre persönliche Einstellung zum Kopftuch, sondern zeigt auf, dass dem Kopftuch zu viel Bedeutung zugeschrieben werde. „Emanzipiert bedeutet nicht, kein Kopftuch zu tragen, emanzipiert bedeutet, den eigenen Weg gehen und nicht den zu nehmen, der einem vorgeschrieben ist“, betont Erkurt und positioniert sich damit klar gegen ein Verbot von Kopftüchern an Schulen. Viel wichtiger sei es, dass Schüler*innen sich bei Problemen ihren Lehrer*innen anvertrauen könnten. Dafür sei eine diverse Lehrer*innenschaft nötig, auch um den tief verwurzelten Rassismus im österreichischen Schulsystem aufzubrechen.
„Rassismus lässt sich nicht durch Deutschkenntnisse und Erfolg bekämpfen.“
Bildung und Erfolg reichen nicht aus, um Klassen- und Milieuzuschreibungen loszuwerden. Deutsch ist nicht gleich Deutsch. So habe das „bürgerliche Deutsch“ Erkurt lange von feministischen Ideen ferngehalten. Erst Soziale Medien und populärwissenschaftliche Bücher hätten ihr Feminismus schließlich nähergebracht. Die fehlenden Ressourcen in öffentlichen Kindergärten führen dazu, dass viele Kinder in der Schule bereits von Anfang an im Deutschunterricht nicht mithalten können. Dabei wäre gerade das Alter, in dem die meisten Kinder den Kindergarten besuchen, zentral im Erlernen einer neuen Sprache. Der Deutschunterricht in der Schule erwarte von den Schüler*innen nicht nur ausreichende sprachliche Kenntnisse, sondern setze auch voraus, dass Kinder ein ganz bestimmtes Deutsch sprechen. Sprache würde sich aber ständig verändern und auch von neuen Einflüssen aus anderen Sprachen leben, argumentiert Erkurt. „Die autochthone Deutschlehrerin, die Begriffe wie ‚Ehrenmann‘ bei der Schularbeit mit Rotstift unterwellt“, signalisiere den Schüler*innen, dass ihre Art sich auszudrücken falsch wäre. Das führe schließlich dazu, dass viele Kinder nicht lernen würden, sich auszudrücken, sich eine eigene Meinung zu bilden und diese anderen zu vermitteln. Erkurt hinterfragt und dekonstruiert damit die Vorstellung, dass Deutschkenntnisse und Bildung automatisch zu Integration und Akzeptanz führen.
„Generation Haram“ zeigt, wie ungerecht das Schulsystem wirklich ist.
Erkurt konzentriert sich in ihrem Buch vor allem auf die Vererbung von Bildung und Rassismus im Schulsystem. Allgemeine Kritik am neoliberalen Charakter des Bildungssystems, in dem vor allem Leistung zählt und nicht die individuelle Förderung aller Schüler*innen im Mittelpunkt steht, wird in „Generation Haram“ immer wieder impliziert. Erkurts „Gewinner*innen und Verlierer*innen“- Metapher zeigt auf, dass österreichische Schulen für autochthone, gut situierte Familien gemacht sind. Ihre kritischen Auseinandersetzungen mit Versäumnissen im Deutschunterricht, der fehlenden frühen Sprachförderung und den Diskriminierungen, denen viele Kinder ausgesetzt sind, beantworten den Untertitel des Buches: „Warum Schule lernen muss, allen eine Stimme zu geben“. „Generation Haram“ ist keine wissenschaftliche Abhandlung über Ungleichheiten in österreichischen Schulen, sondern bereitet das Thema anhand von Anekdoten und persönlichen Erlebnissen für eine breite Leser*innenschaft auf. Erkurt liefert auch Veränderungsvorschläge, z.B. die Idee einer verpflichtenden Gesamt- und Ganztagsschule. Und sie konfrontiert die Leser*innen immer wieder: Wer entscheidet, was Lehrer*innen unterrichten sollen? Wer entscheidet über die Inhalte des Lehramtsstudiums? Wer wird überhaupt Lehrer*in? Dies alles seien Fragen, die sich eine Gesellschaft in Hinblick auf ein inklusives Bildungssystem stellen muss.
Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Weiterführende Links:
Generation Haram im Hanser Literaturverlag
Statistic Brief der Statistik Austria zu„Vererbung von Bildungschancen“