Buchrezension: „22 Bahnen“ von Caroline Wahl in der Bibliothek für Nachhaltige Entwicklung.

Themen wie soziale Ungleichheit können abstrakt und entfernt erscheinen. Kann Literatur dazu beitragen solche komplexen Probleme greifbar zu machen? Hier setzt die „Bibliothek für Nachhaltige Entwicklung“ des Ernst Klett Sprachen Verlags an. Die Lektürereihe richtet sich an Schüler*innen im Alter von 14 bis 18 Jahren und motiviert zur vertieften Auseinandersetzung mit dem Themenfeld Nachhaltigkeit. Jeder Band ist in drei Teile gegliedert: Den Auftakt bildet ein Roman im Teil „Erkennen“. Der zweite Teil „Bewerten“ umfasst kurze Impulstexte mit Aufgaben. Der dritte Teil „Handeln“ liefert Handlungsimpulse, die Jugendliche dazu anregen, Gelerntes in ihre Lebenswelt zu übertragen. Alle Titel der Reihe enthalten einen Hinweis, welche der 17 UN-Nachhaltigkeitsziele im Fokus stehen. An diesen SDGs orientiert sich die Auswahl des Zusatzmaterials zu den Romanen. Im Mittelpunkt der Schulausgabe von „22 Bahnen“, welches vom Leben der talentierten Mathematikstudentin Tilda mit ihrer kleinen Schwester und ihrer alkoholkranken Mutter in einer Kleinstadt erzählt, steht das SDG 10 „Weniger Ungleichheiten“. Außerdem greift der Band SDG 3 „Gesundheit und Wohlergehen“ sowie SDG 4 „Hochwertige Bildung“ auf.

„Erkennen“ mit 22 Bahnen von Caroline Wahl.

„Der Wohnbereich ist lichtdurchflutet wegen der großen Fensterfront des Anbaus, die in den grünen Garten weist. […] Und vor allem ist alles so stilvoll und gemütlich eingerichtet; Marlenes Mutter Lisa hat Freude an Inneneinrichtung, und das merkt man. Jedes Mal ist etwas ein bisschen anders. Ich sehe einen dunkelvioletten Perser unter dem großen Kiefernesstisch. […] Unser Wohn- und Essbereich ist lieblos und spartanisch, eingerichtet. […] Das schwarze Ledersofa im Wohnzimmer ist zum Glück gut abwaschbar im Gegensatz zu dem senfgelben Teppich darunter, der mit seinen vielen Flecken, die auch mit überteuerten Reinigungsmitteln nicht rauszubekommen sind, vor allem von Mamas Ausrutschern erzählt.“ (S. 35–36)

Die Unterschiede zwischen Tilda, der Protagonistin von „22 Bahnen“, und ihrer besten Freundin Marlene zeigen sich nicht nur in der Wohneinrichtung, sondern in allen Lebensbereichen: Essen, Familie, Studium und Freizeit. Wie ein unsichtbares Netz strukturieren soziale und materielle Ungleichheiten die Handlung und bestimmen, welche Wege den Figuren offenstehen: Tilda jobbt im Supermarkt, um sich ein Mathematikstudium zu finanzieren. Als Einzige ihres Jahrgangs lebt sie noch in der Kleinstadt, weil sie ihre kleine Schwester Ida nicht mit der alkoholkranken Mutter allein lassen will. Kurz vor Ende ihres Masterstudiums gerät Tildas Leben ins Wanken, denn Viktor taucht nach vielen Jahren wieder auf und stellt ihr Gefühlsleben auf den Kopf.

„Er war ein Überflieger. […] Hat als einer der wenigen im Russenklotz Abitur gemacht. Dann ist er nach Amerika und kam mit ganz viel Geld zurück.“ (S. 62)

Viktor also ist es gelungen sozial aufzusteigen. Auch für Tilda öffnet sich eine Tür: eine Promotionsstelle in Berlin. Doch wie ihre Nachbarin Ursula anmerkt, ist das die Ausnahme, denn Tilda und Viktor sind hochbegabt. So sind es letzten Endes die individuellen Talente der Protagonist*innen und nicht ein gesellschaftliches Umdenken, die in Wahls Werk den Ausbruch aus der Ungleichheit möglich machen.

„22 Bahnen“ macht sozioökonomische Ungleichheit eindrücklich erfahrbar und zeigt, wie sie den Alltag von Menschen in Deutschland prägt. So hilft die Erzählung Schüler*innen zu erkennen, dass Armut nicht nur ein Problem im globalen Süden ist, sondern auch Personen in ihrem unmittelbaren Umfeld betrifft. Vor diesem Hintergrund ist Wahls Roman eine große Bereicherung für die „Bibliothek für Nachhaltige Entwicklung“.

„Bewerten“ – Impulstexte und Grafiken zu Sucht, Ungleichheit und Bildung.

Die Impulstexte, die in der Schulausgabe auf Wahls Roman folgen, greifen zentrale Themen von „22 Bahnen“ auf – darunter Alkoholsucht, sozioökonomische Ungleichheit, Kinderarmut und Hochbegabung. Die Verbindung zwischen den drei zentralen SDGs, der Romanhandlung und den Impulstexten zur kritischen Reflexion ist klar erkennbar und überzeugend.

Sachtexte, Grafiken und Studien im zweiten Teil des Bandes liefern fundierte Hintergrundinformationen zur Häufigkeit von Alkoholsucht, zu Kinderarmut oder der Diskriminierung aufgrund sozialer Herkunft (Klassismus). Sie schlagen eine Brücke von Wahls Geschichte zur gesellschaftlichen Realität und fordern von Schüler*innen sowohl analytisches als auch kreatives Denken. Aufgaben zu Alkoholsucht schulen die Fähigkeit, Informationen aus einer Grafik zu verarbeiten und sprachlich wiederzugeben. Bei den Texten zu Klassismus und Armut sind Schüler*innen gefordert Inhalte zu visualisieren und über komplexe Zusammenhänge wie Armut und Misstrauen in politische Institutionen nachzudenken. Aufgaben zum Thema Kinderarmut hingegen laden dazu ein, sich Zahlen und Fakten als Lebenswirklichkeit vorzustellen und in die Perspektive Betroffener einzufühlen. Auch Aufgaben zum Text über Klassismus regen dazu an, theoretische Inhalte mit eigenen Erfahrungen zu verknüpfen und stellen so eine Verbindung zur persönlichen Realität der Schüler*innen her.

Der Abschnitt „Bewerten“ enthält außerdem den Poetry-Slam-Text „Nur eine Variable“ von Josephine von Bluetenstaub. Er erzählt das Leben des Mädchens Emily in drei Versionen. Armut und Alkoholismus stehen dabei im Mittelpunkt. Im Vergleich zum Roman ist der Slam-Text hoch verdichtet und bringt die Wirkung dieser Faktoren eindringlich auf den Punkt. Bildhafte Sprache, emotionale Tiefe und anschauliche Darstellung der drei Lebensrealitäten bieten einen Gegenpol zu den Sachtexten und helfen, deren Inhalte als menschliche Schicksale zu imaginieren. Schüler*innen sind aufgefordert, selbst eine Emily-Geschichte zu schreiben – eine kreative Auseinandersetzung, die inhaltliche Impulse vertieft.

„Handeln“ – Wissen in Aktion bringen!

Die Handlungsimpulse im dritten Teil der Schulausgabe verknüpfen theoretisches Wissen mit gesellschaftlichem Engagement. Im Mittelpunkt stehen gemeinsam recherchieren, Aktionen planen und umsetzen, Institutionen in der näheren Umgebung kennenlernen und die eigenen Lebenswelt aktiv mitgestalten. Dabei kommt Spaß nicht zu kurz. Ein Impuls regt dazu an, Rezepte für alkoholfreie Getränke zu sammeln, die Schüler*innen bei einem Gesprächsnachmittag zum Thema „Rausch und Drogen“ verwenden können. Die Autor*innen schlagen vor, mit Senior*innen in einem nahegelegenen Altersheim zusammenzuarbeiten und fördern so generationenübergreifendes Handeln.

Ein wichtiger Aspekt ist auch der Umgang mit Sucht und Armut als gesellschaftlichen Tabuthemen. Schüler*innen sollen sich über Organisationen informieren, die Armut bekämpfen, und die Informationen in der Schule sichtbar präsentieren. Sie werden ermutigt, mit Personen in ihrem Umfeld über Sucht ins Gespräch zu kommen und Fachleute aus der Prävention in den Unterricht einzuladen. Positiv ist hier die offene Herangehensweise, denn Alkohol gilt vielen als harmlose Droge, die Jugendliche möglicherweise unkritisch konsumieren. Denk- und Handlungsimpulse im Band sensibilisieren für negative Folgen.

Fazit: Ein gelungenes Ensemble.

Mit Roman und Impulstexten nutzten die Gestalter*innen des Bandes die transformative Kraft von Literatur: Wahl und Bluetenstaub erzählen unterhaltsam, berührend und nahbar. So können Schüler*innen sich in Figuren hineinversetzen, Mitgefühl empfinden und hinter abstrakten Begriffen – wie Ungleichheit, Gesundheit, Wohlergehen und Bildung – menschliche Lebenswirklichkeiten erkennen. Impulstexte und Aufgaben fördern kritisches und analytisches Denken. Sie regen dazu an, Fiktion und Realität miteinander zu verbinden, selbst kreativ zu werden und das Gelernte mit anderen zu teilen. Die Handlungsimpulse überführen Empathie und Erkenntnisgewinn in konkretes Handeln. Sie stärken gemeinschaftliches Denken – im Klassenverband und darüber hinaus – und vermitteln jungen Menschen das Gefühl, etwas bewirken zu können. Ein Zugang, der bewegt, beteiligt – und dabei Freude macht.

 

Die Autorin ist Mitglied des Redaktionsteams. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

 

Bibliographische Informationen:

Wahl, C. (2025). 22 Bahnen (1. Auflage). Ernst Klett Sprachen. Hier gehts zum Buch.

Der Band ist Teil der Ernst Klett Sprachen „Bibliothek Nachhaltige Entwicklung“. Eine ausführliche Vorstellung der Bibliothek findet ihr hier.

 

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit, Buchrezensionen.