Durch soziale Medien erhalten wir täglich unzählige Nachrichten über Umweltkatastrophen, Diskriminierung und Gewalt. Diese ständige Begegnung mit Krisen kann zu einem Gefühl von Überforderung und Ohnmacht führen. Was können wir tun, um uns von diesem Gefühl zu befreien? Wie können wir es in Zuversicht und Resilienz verwandeln, also die Fähigkeit, schwierige Situationen erfolgreich zu bewältigen?
Diese Frage behandelte Claudia Schulte in ihrem Vortrag „Bildung für nachhaltige Entwicklung im Literaturunterricht“ auf der Leipziger Buchmesse am 28.03.2025. Sie stellte die Lektürereihe des Ernst Klett Sprachen-Verlages „Bibliothek Nachhaltige Entwicklung“ vor und diskutierte, wie die Arbeit mit Literatur dazu beitragen kann, die UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung zu erreichen. Schulte ist Lehrerin für Biologie, Deutsch und Deutsch als Zweitsprache. Sie hat die Lektürereihe mitkonzipiert und engagiert sich seit vielen Jahren für nachhaltige Entwicklung.
Das Ziel: Futures Literacy.
Nach Ansicht Schultes brauchen wir „Futures Literacy“. Damit meint sie die Fähigkeit, sich vorzustellen, wie unsere Welt in der Zukunft aussehen kann. Die verschiedenen Vorstellungen von Zukunft sollen wir in unser jetziges Denken und Handeln einbeziehen. So öffnen wir uns für Veränderungen und können besser mit Unsicherheiten umgehen. Gleichzeitig erschließen wir uns neue Möglichkeiten des Denkens, Handelns und Seins. Bei der Entwicklung von „Futures Literacy“ spielt schulische Bildung eine zentrale Rolle. Schulte bringt hier Ansichten der Transformationsforscherin Maja Göpel zur Sprache. Göpel betont: Das Bildungssystem muss sich von kurzfristigem Auswendiglernen lösen. Stattdessen soll Bildung in Menschen ein Selbstbewusstsein wachrufen: „Du darfst dir die Welt aneignen. Es gibt unterschiedliche Wege, es gibt unterschiedliche Blicke, finde den, der für dich stimmig ist.“
Was ist Bildung für nachhaltige Entwicklung?
Das vierte Nachhaltigkeitsziel der UN – Hochwertige Bildung – ist für Schulte ein Dreh- und Angelpunkt der Agenda 2030, weil Bildung eine wichtige Grundlage für nachhaltige Entwicklung darstellt. Um dieses Ziel zu erreichen, braucht es Schulte zufolge drei Schritte: Zuerst müssen Lernende sich Wissen aneignen, dann dieses Wissen vertiefen und neu strukturieren und schließlich Gelerntes in der Realität anwenden, um Veränderungen zu bewirken. Symbolische und oberflächliche Maßnahmen hingegen kritisiert Schulte: Es genügt nicht, einen Bienenstock auf einem zubetonierten Schulhof aufzustellen oder ein Thema wie Geschlechtergerechtigkeit dadurch abzuhaken, dass man einen Text dazu liest.
Neben diesen drei Schritten hochwertiger Bildung berücksichtigen die Entwickler*innen der „Bibliothek Nachhaltige Entwicklung“ die acht pädagogisch-didaktischen Prinzipien des Projekts „meine-bne“. Sie beinhalten unter anderem, dass alle gesellschaftlichen Gruppen zusammenarbeiten und Schüler*innen Lernprozesse aktiv mitgestalten. Weitere zentrale Aspekte sind gemeinsames Lernen, Perspektivenvielfalt, Alltagserfahrungen und Gefühle einbeziehen, Zusammenhänge erkennen und sich an positiven Zukunftsvisionen orientieren. Ziel ist es, nachhaltige Entwicklung nicht nur theoretisch zu vermitteln, sondern als lebendigen, handlungsbezogenen Lernprozess umzusetzen.
Warum BNE im Literaturunterricht?
Schulte ist überzeugt, dass Literatur einen wichtigen Beitrag leisten kann, Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) zu verwirklichen. Sie zitiert den Historiker Yuval Harari: „Das Problem der Wissenschaft ist: Sie ist kein guter Geschichtenerzähler! […] Aber die Menschen werden durch Geschichten zum Handeln motiviert, nicht durch Fakten.“ Einen verwandten Gedanken hebt Schulte auch in den Aspekten des literarischen Lernens von Kaspar H. Spinner hervor. Die Empathie mit literarischen Figuren ermöglicht es Lernenden, andere Perspektiven einzunehmen und sich mit gesellschaftlichen Fragen intensiv auseinanderzusetzen.
Angesichts des grenzenlosen Angebots aktueller Literatur stellt sich die Frage, wie Lehrende Texte für ihren Unterricht auswählen können. Dafür hat die Literaturwissenschaftlerin Sabine Pfäfflin Kriterien formuliert. Wichtig ist etwa, dass Texte eine hohe erzähltechnische Qualität besitzen, verschiedene Deutungsmöglichkeiten offenlassen und Themen behandeln, die für Jugendliche und die heutige Zeit relevant sind. Literatur soll außerdem die Entwicklung der Identität fördern und dazu anregen, sich mit moralischen Problemen zu beschäftigen. Pfäfflin betont, dass es beim Lernen mit Literatur nicht darum geht, Werte zu vermitteln, sondern sie zu reflektieren. Schüler*innen müssen lernen, Widersprüche auszuhalten und sich mit unterschiedlichen Meinungen auseinanderzusetzen. Schulte meint, dass fiktive Erfahrungsräume im Literaturunterricht die Möglichkeit bieten, sich mit eigenen Ängsten und Unsicherheiten zu konfrontieren. Das bereitet Schüler*innen auf Herausforderungen außerhalb der Schule vor. Gleichzeitig entwickeln sie die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen und eigene Werturteile zu bilden.
Die „Bibliothek Nachhaltige Entwicklung“ des Klett-Verlags.
In der „Bibliothek Nachhaltige Entwicklung“ des Ernst Klett Sprachen-Verlages sind bisher fünf Bände erschienen: Auf der Tonnenseite des Lebens von Antje Leser, Milchzähne von Helene Bukowski, Weiße Tränen von Kathrin Schrocke, 22 Bahnen von Caroline Wahl und Godland von Martin Schäuble. Die Reihe richtet sich an Schüler*innen der Sekundarstufe I aller Schulformen, also an Jugendliche im Alter von etwa 10 bis 15 Jahren. Sie bietet sowohl anspruchsvollere Texte für sprachaffine Gruppen, wie Milchzähne, als auch leichter zugängliche Werke, wie Weiße Tränen. Jeder Band enthält eine Empfehlung, welche der 17 Nachhaltigkeitsziele besonders im Fokus stehen. Diese Haupt-SDGs bilden die Grundlage für die Auswahl des Zusatzmaterials zu den Romanen.
Die Aufteilung der Bände in „Erkennen“, „Bewerten“ und „Handeln“ folgt dem Dreischritt des Orientierungsrahmens Globale Entwicklung, den die Kultusministerkonferenz 2016 zusammen mit der NGO „Engagement Global“ für die Sekundarstufe I herausgegeben hat. Der Roman oder Ankertext nimmt den größten Teil des Buches ein. Darauf folgen kürzere Texte mit inhaltlichen Bezügen zum Ankertext, etwa Zeitungsartikel, literarische Texte wie Gedichte und visuelles Material wie Comics oder Infografiken. In diesem Teil finden sich auch Aufgaben, die auf den Ankertext und die Zusatztexte Bezug nehmen. Alle Texte liegen in Originalform vor. Unterstützend hat der Verlag Hilfen wie Zeilenzählung und Fußnoten zur Erklärung schwieriger Begriffe eingefügt. Teil drei umfasst sogenannte Klebezettel, die Schüler*innen zum Handeln anregen. Die Autor*innen haben darauf geachtet, dass alle Handlungsimpulse für Lehrende und Lernende umsetzbar sind. Sie regen beispielsweise dazu an, Müll zu sammeln oder zu recherchieren, wo die eigene Kleidung hergestellt wurde. Die Aktionen beschränken sich nicht auf den Deutschunterricht und können von Lehrkräften verschiedener Schulfächer durchgeführt werden. So fördern sie fächerübergreifendes Denken und Handeln im Schulalltag.
Fazit.
Für Schulte müssen wirksame BNE-Lernprozesse stets über den Rahmen des schulischen Unterrichts hinausweisen, tatsächlich nachhaltiges Handeln beinhalten und befeuern und im besten Fall strukturelle Veränderungen anstoßen. Dies versucht sie stets in den Vordergrund zu stellen, da Selbstwirksamkeitserfahrungen die Schüler*innen aus ihren Ohnmachtsgefühlen befreien können.
Die Autorin dieses Artikels freut sich darauf, die Bände der „Bibliothek Nachhaltige Entwicklung“ intensiver zu besprechen. Die Buchrezensionen werden während der kommenden Monate im Magazin des Freire Zentrums erscheinen. Hier geht es zur ersten Rezension über Caroline Wahls „22 Bahnen“. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Die Autorin hat das Titelbild mithilfe von KI generiert (Google Gemini Flash 2.0).
Weiterführende Links:
Die Bibliothek Nachhaltige Entwicklung (Klett).
Podcast Nachhaltige Entwicklung als Bildungsthema.
Maja Göpel im Gespräch mit Gregor Gysi.
Yuval N. Harari im Gespräch mit Jagoda Marinic.
Pädagogisch-didaktischen Prinzipien „meine-bne“.
Orientierungsrahmen für den Lernbereich Globale Entwicklung.