Bildung für alle? Fortschrittsbericht über die „Education for All Goals“

Bis 2015 sollen die sieben Education for All Goals, die im Jahr 2000 in Dakar, Senegal, vereinbart und von 164 Ländern unterzeichnet wurden, erreicht werden. Die neueste Ausgabe des „Education for All Global Monitoring Report“ (EFA Report) der United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization (UNESCO) bezweifelt, dass dies gelingen wird und zeigt auf, wo der Weg noch weit ist.

Erfolge mit Bauchweh

Große Fortschritte wurden bei dem zweiten Education for All Ziel gemacht. Alle Kinder weltweit sollten Zugang zu Primärschulbildung erhalten. Die Anzahl der Kinder, die keine Grundschule besuchen, ist seit 1999 von 108 auf 61 Millionen gesunken. Der Großteil dieser Entwicklung hat allerdings in den Jahren bis 2004 stattgefunden. Danach gab es nur minimale Veränderungen und seit 2008 stagniert die Anzahl der Kinder, die nicht zur Schule gehen. Die Hälfte dieser Kinder lebt in Ländern Afrikas südlich der Sahara.

Der EFA Report 2012 betont den starken Zusammenhang zwischen ökonomischen Ressourcen der Eltern und der Qualität der Schulbildung, die ihre Kinder erhalten. Kinder aus reichen Familien haben eine wesentlich höhere Chance, eine (Grund-)Schule zu besuchen. Hinzu kommen steigende Ausgaben für Privatschulen, Nachhilfe und andere Formen der privatisierten Bildungsmöglichkeiten, die ohnehin vorhandene Ungleichheiten weiter verschärfen. Eine Problematik, die wohl nicht nur in Ländern des „globalen Südens“ anzutreffen ist. Der EFA Report greift die Problematik der ungleichen Bildungschancen auf Grund von Einkommen zwar auf, Lösungsansätze werden aber leider nicht vorgestellt.

Vermutlich gänzlich verfehlt wird das Ziel, Analphabetismus unter Erwachsenen um 50% zu senken. Obwohl die Alphabetisierungsrate global zugenommen hat, prognostiziert der EFA Report 2012, dass eine große Mehrheit an Ländern ihre vorgegebenen Ziele nicht erreichen werden. Dies sei auf ein mangelndes Engagement und diesbezügliches Desinteresse von Regierungen und AkteurInnen der Entwicklungszusammenarbeit zurückzuführen, die Alphabetisierungsprogrammen für Erwachsene keine Priorität einräumen.

Gender Disparity

Auffallend ist, dass der Anteil an erwachsenen Frauen, die weder lesen noch schreiben können, in 81 von 146 Ländern, in denen Daten zur Verfügung stehen, überdurchschnittlich hoch ist. Nichtsdestotrotz seien seit 2000 die größten Erfolge im Bereich der Geschlechtergerechtigkeit erzielt worden. Gemessen am „Gender Parity Index“ sind geschlechterspezifisch unterschiedliche Bildungsmöglichkeiten flächendeckend zurückgegangen. Die größten Hürden bestünden im Schuleintrittsalter, da noch immer mehr Jungen als Mädchen eingeschult würden. Ab dem Zeitpunkt der Einschulung hätten jedoch beide Gruppen die gleichen Aussichten auf einen Schulabschluss.

Bemerkenswert ist, dass sich der Anteil von Jungen und Mädchen im Laufe des Bildungsweges umzudrehen scheint. In über der Hälfte der Länder, in denen geschlechtsspezifische Ungleichheiten bestehen, sind es die männlichen Jugendlichen, die unterrepräsentiert sind. Der Hauptgrund dafür scheint Armut zu sein, die dazu führt, dass Jugendliche früher in die Erwerbsarbeit eingebunden werden, wovon Jungen stärker betroffen seien als Mädchen.

Qualität des Unterrichts

Neben den quantitativen Entwicklungen im Bereich der Schuleintritts- und Abschlussraten versuchen die EFA Ziele, einen zusätzlichen Fokus auf die Qualität des Unterrichts zu setzen. Als Indikator wird unter anderem gemessen, wie viele SchülerInnen auf eine Lehrerin bzw. einen Lehrer fallen. Die Werte weichen von Region zu Region stark voneinander ab. Die Verbesserung von Betreuungsverhältnissen ist umso schwieriger und kostenintensiver, je mehr Schulplätze gleichzeitig ausgebaut werden. Länder wie Südafrika, denen es in den letzten Jahren gelungen ist, ihre Einschulungsraten erheblich anzuheben, verbuchen daher weniger bis gar keine Erfolge bei der Reduzierung des LehrerInnen-SchülerInnen-Verhältnisses. Kritisiert wird auch, dass LehrerInnen oft unzureichend ausgebildet seien und zu wenig in Fortbildung investiert werde. Diese Faktoren trügen dazu bei, dass Kinder nach fünf Jahren Grundschule oft nicht ausreichend lesen und schreiben können. Ein Problem, dem in quantitativen Messungen von Bildungserfolgen über Einschulungsraten oft unzureichend Bedeutung zugesprochen werde.

Zur Lösung dieses Problems seien eine Qualitätssteigerung der Aus- und Weiterbildung von LehrerInnen sowie verbesserte Rahmenbedingungen im Schulalltag unabdingbar. Ob diese Ziele erreicht werden, hänge nicht zuletzt von den zur Verfügung stehenden finanziellen Mitteln ab. Denn obwohl sich die globalen Ausgaben für Bildung in einer Mehrheit der Staaten des „globalen Südens“ erhöht haben, zeige sich ein Trend, dass AkteurInnen der Entwicklungszusammenarbeit weniger auf Bildungsprojekte setzen. Die Wirtschafts- und Finanzkrise habe zwar bisher noch keine negativen Auswirkungen auf die Bildungsausgaben in Ländern des „globalen Südens“ gehabt, allerdings könnten die Kürzungen im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit seit 2011 dazu führen, dass in Zukunft weniger Mittel für Bildung zur Verfügung stehen. Einen kritischen Blick auf die gesunkenen Ausgaben im Bereich der öffentlichen Entwicklungszusammenarbeit der EU-Länder wirft der „Aid Watch Report 2012“.

Für alle, die sich bisher noch nicht mit den Education For All Zielen auseinandergesetzt haben, bietet der erste Teil des EFA Reports einen guten Überblick und zeigt Fehlentwicklungen sowie aktuelle Tendenzen globaler entwicklungs- und bildungspolitischer Maßnahmen. Die Möglichkeit zur tiefer gehenden Auseinandersetzung bietet der zweite Teil mit einer thematischen Schwerpunktsetzung auf Jugendarbeitslosigkeit und die Entwicklung von Fähigkeiten („skills development„), die ihnen Chancen am Arbeitsmarkt ermöglichen sollen.

Der Autor ist Praktikant im Paulo Freire Zentrum und studiert Internationale Entwicklung an der Universität Wien. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

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