Befreiung von der Folgsamkeit (I)

"Wie kann befreiendes Lernen heute aussehen?" Rund 40 Personen fanden
sich am 24. Oktober 2006 im Wiener Amerlinghaus zu einer Diskussion
ein: "Befreiende Bildung im 21. Jahrhundert", die zweite Oficina in
Vorbereitung auf das Paulo Freire-Symposium. Teil I.
"Wird die Forderung nach einer Erziehung zur Freiheit nicht anrüchig?" fragte der Moderator Hans Göttel, Europahaus Burgenland, und zeigte die Titelseite einer Ausgabe der taz (die tageszeitung): "Bush droht, Noch mehr Freiheit". Bush hatte in der Antrittsrede zur zweiten Amtszeit als US-Präsident die Ausbreitung der Freiheit als die beste Hoffnung für Frieden bezeichnet. Die durch den Moderator aufgezeigten Widersprüche gaben Anstoß für Auseinandersetzung mit der und Diskussion der "befreienden Bildung im 21. Jahrhundert".

Radikale Transformation oder ein Volk, das folgt

Andreas Novy, Paulo Freire Zentrum, formulierte das Anliegen "Widersprüche wahrnehmen lernen". Als Paulo Freire bekannt wurde, sei "Entwicklung" negativ besetzt gewesen. Freiheit und Gleichheit waren die Begriffe der Zeit. Entwicklung sei zwar an Freiheit gebunden gewesen, aber eben nur für jene, die es sich auch leisten konnten. Zu Freires Zeiten habe der Gedanke an die Notwendigkeit einer radikalen Transformation von ungerechten Strukturen wie Imperialismus und Kapitalismus als bedeutend gegolten. In Lateinamerika seien "Volksbewegungen/Befreiungsbewegungen" entstanden, die sich dem Wunsch nach grundlegenden Veränderungen verschrieben hatten. Laut Andreas Novy ist dieser Grundgedanke, der auch innerhalb der europäischen ArbeiterInnenbewegung vorzufinden war, heute abhanden gekommen.

Mit Konzepten wie "Entwicklung" oder auch "Volksbildung" könne dargelegt werden, wie wichtig es sei, die Fähigkeit zu erwerben, mit Widersprüchen umgehen zu können. Anders als im lateinamerikanischen Kontext, sei der Begriff des "Volkes" in Europa auch im Hinblick auf die nationalsozialistische Vergangenheit zu betrachten. "Volksbildung" sei in Deutschland und Österreich historisch auch als Erziehung zu UntertanInnen verstanden worden.

Die Unmöglichkeit einfacher Lösungen

Die Sehnsucht nach einfachen Lösungen sei vorhanden und schlage sich beispielsweise in der Unterstützung von Entwicklungsprojekten oder dem Kauf fair gehandelter Waren nieder. Als Teil dieser Welt und ihrer Widersprüche, sei ein "Freikaufen" jedoch nicht möglich. Überlegungen, die die Überwindung eines Systems, in welchem 840 Millionen Menschen Hunger leiden, anstreben, gestalteten sich kompliziert, müssten sich Widersprüchen stellen und aus der kleinen, heilen Welt ausbrechen. Bei all diesen Aspekten müsse der Zusammenhang zwischen Lernbewegung und politischer Bewegung im Auge behalten werden. Der Wille zur Verknüpfung sei seit dem Erstarken der Anti-Globalisierungsbewegungen wieder spürbar.

Im Hinblick auf "Volksbewegungen" sei es im Sinne der Komplexität notwendig, aus der Mittelschichtfixierung herauszukommen. Er reiche nicht aus, sich ständig in denselben Milieus mittelständischer Gleichgesinnter zu bewegen. Der Gedanke, etwas erreichen zu können, solang man sich nur an das "Eigene" wendet und dabei möglicherweise auch noch abschätzig über "Musikantenstadl und Krone" spreche, sei naiv. Ein Bündnis aus Mittel- und Unterschicht, aus Engagierten und Menschen am Rande, sei anzustreben.

Eine pädagogische Antwort auf die Globalisierung

Im Gegensatz zu den Theorien und Bewegungen rund um Paulo Freire, ist der Begriff "Befreiung" im Kontext des Globalen Lernens nicht explizit zu finden. Trotzdem verortet Heidi Grobbauer, KommEnt, auch im Globalen Lernen eine Dimension der Befreiung, die sich dadurch ausdrückt, dass Menschen dazu befähigt werden sollen, globale Zusammenhänge zu erkennen und sich selbst in diesem Kontext zu verorten. Genannt werde dies nicht Befreiung, sondern Emanzipation und Befähigung zur Partizipation. Das Globale Lernen, als pädagogisches Konzept in den 1990er Jahren entstanden, setze einerseits auf die globale Perspektive, andererseits auf den Nahbereich der Menschen. Das Konzept baue auf Bewusstseinsbildung, was letztendlich zur Veränderung von Einstellungen und Lebensstile im Sinne nachhaltiger Entwicklung beitragen soll. Globales Lernen erhebe demnach einen normativen Anspruch und sei als pädagogische Antwort auf die Globalisierung zu verstehen.

Im Umfeld des Globalen Lernens sei nicht vom "Volk" die Rede, vielmehr stehe das Individuum im Mittelpunkt. Jede Person müsse Kompetenzen auf persönlicher, sachlicher und fachlicher Ebene erwerben, um Inhalte im globalen Kontext interpretieren zu können. Gleichzeitig mit den Bemühungen das Globale Lernen im Schulsystem zu verankern, tritt auch eine Schwäche zu Tage die Ausklammerung von Personen außerhalb der Schule. Heidi Grobbauer thematisierte auch jene Standpunkte, die das Globale Lernen als "westliches" Konzept kritisieren. Sie bejahe diese Feststellung, halte es allerdings auch für berechtigt, da kein Anspruch auf Übertragbarkeit gestellt werde.

Mit Bachelor und Laptop zu neuer Freiheit

Wie steht es um die Freiheit an den Universitäten? Schlecht, meinte Philip Taucher, keine_uni, und schilderte, wie Forderungen nach selbstbestimmtem Raum für StudentInnen in Wien von WEGA-BeamtInnen beendet wurden seien. Weiters sei das Mitbestimmungsrecht von StudentInnen "ins Lächerliche karikiert worden". Die in Europa dominierende Studienarchitektur nehme auch in Österreich Gestalt an und lasse StudentInnen zu KundInnen eines Unternehmens werden. Freiheit sei jetzt darauf reduziert, mit "Bachelor und Laptop" ein Unternehmen gründen zu können.

Daraus resultiere eine Situation, die Zwänge und Unsicherheiten nach sich ziehe. Es treffe die Mittelschicht, die nun mit Erfahrungen konfrontiert sei, die Ähnlichkeiten zu jenen von Randgruppen aufweisen für StudentInnen bestehe zunehmend die Gefahr, in sozial unsichere Bereiche abzurutschen.

Das Konzept von keine_uni basiere auf der Auffassung, dass das Bildungssystem als Raum verstanden werde, in dem Personen außerhalb universitärer Machtstrukturen und in Auseinandersetzung mit gegenwärtigen Problematiken, alternative Bildungserfahrungen sammeln, neue didaktische Experimente umsetzen und in gemeinsamer Praxis testen können.

Wie sich die Diskussion zwischen Podium und Publikum nach diesen facettenreichen Impulsen gestaltete, wird in Teil II des Berichtes nachzulesen sein. Gesagt sei, dass es gelang, eine Reihe interessanter Aspekte rund um Herrschaftskritik, Totalität und Befreiung "zusammenzudenken", wodurch sich diese oficina zu einer wirklich besonderen Veranstaltung entwickelte.

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit.