Dass der Wert von Bildung unermesslich ist und dass im Leben nur vorankommt, wer sich bildet – mit dieser Überzeugung wachsen wir auf. Dass Bildung aber auch einen Preis hat, zeigt Erwin Wagenhofer in seiner neuen Dokumentation „Alphabet“, die vor allem kritischen Stimmen in der ewigen Debatte um Bildung Gehör verschafft.Wo gibt es Nachhilfezentren, die an der amerikanischen Börse notiert sind, KindergärtnerInnen, die den Kindern Hausaufgaben erteilen? Wo gibt es die höchsten Werte in allen PISA-Tests? In China.
Wo haben Kinder den größten Prüfungsstress, bekommen den wenigsten Schlaf, haben das geringste Glücksgefühl? Genau: In China.
Aus China stammen auch die Filmaufnahmen einer Schule, die eher einer Lernfabrik ähnelt und einer Mutter, die stolz die in Sport und Schule gewonnenen Urkunden ihres Sohnes zählt und lachend in die Kamera sagt, dass er noch viel mehr davon nach Hause bringen solle. Der Junge, der daneben sitzt, wirkt ernst, vielleicht sogar ein wenig resigniert; auf jeden Fall nicht glücklich. Etwas Kindliches, Verspieltes, Leichtes findet man an ihm – zumindest auf den ersten Blick – nicht. Vor dem Hintergrund des enormen Leistungs- und Konkurrenzdrucks, dem heutzutage nicht nur chinesische SchülerInnen ausgesetzt sind, scheint dies nicht allzu verwunderlich, denn zum Spielen bleibt einfach keine Zeit.
A, B, C. Tut uns die Schule weh?
98% der drei- bis fünfjährigen Kinder gelten als „genial“, immerhin noch 32% der Acht- bis Zehnjährigen, aber nur mehr 2% der mindestens 25-Jährigen. Das ist das Ergebnis einer Langzeitstudie von George Land und Beth Jarman. Wie ist es zu erklären, dass der Anteil der „Genialen“ mit dem Alter so drastisch abnimmt? Die mehrheitliche Antwort der ExpertInnen, die in der Dokumentation zu Wort kommen: Die „Genialen“ seien zur Schule gegangen, wo sie gelernt haben, stillzusitzen, sich anzupassen, zu konkurrieren, und wo ihnen beigebracht wurde, wie wichtig es ist, unter Druck Leistungen zu erbringen und immer zu „funktionieren“.
Was dabei verloren geht, ist laut Arno Stern, einem deutsch-französischen Pädagogen und Forscher, die Spontaneität und die Fähigkeit zu spielen. Spielen heißt für ihn genießen, aktiv sein, etwas mit dem ganzen Wesen erleben: „Die Schule ermöglicht das nicht. Was weiß denn die Schule von den wahren Bedürfnissen des Kindes?“ Man müsse Kindern nichts beibringen, man müsse sie nur begleiten; sie sollten malen, tanzen, musizieren, alles andere käme von selbst dazu, ist Stern überzeugt. „Jeder Mensch ist genial, wenn man ihm erlaubt, es zu sein.“
Q, R, S. Die Wirtschaft macht uns Stress.
Wie sollen sich aber Kreativität, Selbstvertrauen und Talente im Kind entfalten, wenn es im Alltag hauptsächlich mit Wettkampf, Stress und Angst konfrontiert wird? Neurobiologe und Hirnforscher Gerald Hüther sieht vor allem die Angst als zentrales Problem. Er spricht von einer „transgenerationellen Weitergabe der Angst“ – die Übertragung der Angst der Eltern auf ihre Kinder. In der momentanen Zeit sei es hauptsächlich die Angst vor dem Scheitern, die Angst, dass aus dem Kind „nichts wird“, die weitergegeben werde. Wer später auf der Schiene des Erfolgs fahren möchte, muss früh die Weichen stellen. Das bedeutet, die Kompetenzen zu erwerben, die nachgefragt sind und die Spielregeln kennenzulernen, die auf dem Markt gelten. Denn ist es nicht letztendlich der Markt, der diktiert?
„Die Verkürzung des Lebens auf die Ökonomie ist eine der schlimmsten Entwicklungen der heutigen Zeit“, formuliert es Thomas Sattelberger, deutscher Manager und ehemaliger Personalvorstand der Telekom, knapp. Die Problematik beginne schon beim Wort „Unterrichten“ selbst, denn darin stecke das Richten, im Sinne von gerade biegen, anpassen. Und sei es nicht unter anderem auch das Abweichen von der Norm, das Kreativität auszeichne? Zwanghafte Anpassung zerstöre jede Begabung, meint Sattelberger.
X, Y, Z. Mehr Freiheit wäre nett.
Jemand, der die Weisheit lebt, dass wir nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen, ist André Stern, französischer Gitarrenbauer und Sohn von Arno Stern. Da André nie zur Schule ging, hat er auch nie für sie gelernt; gelernt hat er ausschließlich für sich selbst. Dass er rechnen, lesen, schreiben, Fremdsprachen und nicht nur ein Handwerk beherrscht, mag die eine oder den anderen überraschen, doch der junge Stern sieht es als Selbstverständlichkeit. Kinder lernen, was sie lernen möchten, und dazu braucht es keine Schule – diese Meinung teilt er mit seinem Vater. Er habe sich nie beweisen müssen, habe nie konkurriert. Geschadet habe es ihm sicherlich nicht.
Auch der Spanier Pablo Pineda hat von der Freiheit, die man ihm beim Lernen gewährte, profitiert. Er ist der erste Mensch mit Down-Syndrom, der ein Studium abgeschlossen hat, und beweist damit, dass man vieles erreichen kann, wenn man die richtige Unterstützung bekommt. Bei ihm waren es LehrerInnen, die sich um ihn bemüht, an ihn geglaubt und auf seinem nicht immer einfachen Weg begleitet, aber nie gedrängt hätten.
Was aber sollen wir mit dem Wissen tun, dass Bildungssysteme in der Art und Weise, wie sie zur heutigen Zeit strukturiert sind, die Kinder offenbar nicht fördern, sondern vor allem überfordern? Diese Frage kann auch im Dokumentarfilm nicht beantwortet werden. Worüber sich jedoch beinahe alle, die darin zu Wort kommen, einig sind, ist Folgendes: So, wie es ist, kann es nicht bleiben. Es muss etwas geändert werden. Michèle Stern, André Sterns Mutter, ist vor allem eines wichtig: dass man Kindern mit dem Respekt begegnet, den sie verdienen. „Was man einem Kind schuldet, das ist das Glück“, sagt sie. Und das findet man – zumindest momentan – nicht in der Schule.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.