Reflexionen zur Wirksamkeit von Bildung VI

Bildet euch, denn wir brauchen all eure Klugheit.

Bewegt euch, denn wir brauchen eure ganze Begeisterung.

Organisiert euch, denn wir brauchen eure ganze Kraft.

Mit diesem Zitat von Antonio Gramsci beginnt Andreas Novy seine Überlegungen zur Frage von wirksamer Bildungsarbeit.

Wirken heißt, den Einfluss haben, ein Ergebnis herbeiführen zu können: Klugheit, Begeisterung und Kraft einzusetzen, etwas zu erreichen. Wirksame Bildung ist deshalb diejenige, die eine Person zu einem bestimmten Tun befähigt, sei dies, Gitarre oder Tennis zu spielen, Buchhaltungen zu verwalten oder Entwicklung zu gestalten. Bei Gitarre, Tennis und Buchhaltung scheint es einfach: Wirksame Bildung vermittelt Fertigkeiten, um klare Töne, schöne Schläge und korrekte Buchungen zustande zu bringen. Die Wirksamkeit der Bildung zeigt sich daran, wie sich Fertigkeiten entwickeln. Und es gibt Kriterien, wirksames und erfolgreiches Lernen von Misserfolgen zu unterscheiden. Misserfolge können sich so manifestieren, dass ich selber mit meiner Leistung beim Gitarre oder Tennis spielen unzufrieden bin und daher beschließe, mir das nicht länger anzutun. Durchaus möglich ist auch, dass mein Wissen wertlos erscheint, weil andere die Ergebnisse nicht gut finden oder es am Arbeitsmarkt nicht nachgefragt wird. Eine Ausbildung zur Buchhalterin, die eine Frau auf sich genommen hat, in der Hoffnung, damit später ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können, bleibt ohne die erhofften Ergebnisse, wenn es aufgrund der Wirtschaftskrise keine entsprechenden Jobs gibt. Hier ist die Frage von Wirksamkeit schon komplizierter, und die individuelle und kollektive Ebene fließen ineinander.

Selbst- und Weltentwicklung

Wie ist es nun um die Wirksamkeit von Bildung bestellt, der es darum geht, Entwicklung zu gestalten? Die entwicklungspolitische Bildungsarbeit der 1970er und 1980er Jahre hatte eine starke kollektive Dimension, ging es doch wesentlich um die Unterstützung politischer Kämpfe im Süden, sei dies die Aufklärung über die Apartheid in Südafrika oder die Solidarität mit Kirchlichen Basisgemeinden und nationalen Befreiungsbewegungen in Lateinamerika. Den Kauf südafrikanischer Früchte zu boykottieren war ein persönlicher Akt, die handelnde Person war Teil einer politischen Bewegung gegen Rassismus. Selbst- und Weltveränderung waren aufeinander bezogen.

Das Individuum im Mittelpunkt

Heute dominiert der individuumsbezogene Ansatz. Institutionen korrumpieren, der Staat sei bürokratisch, Parteien seien verkrustet und am besten hat man damit nichts zu tun. Vielmehr geht es um mich und mein Verhalten. Und so gilt nicht nur in der Wirtschaft der Glaube an eine unsichtbare Hand. Auch im Feld des Politischen und der Weltentwicklung soll eine unsichtbare Hand auf magische Weise sicherstellen, dass die Summe moralisch handelnder Individuen eine ethisch bessere Welt schafft. Dieses liberale, institutionenskeptische Denken prägt das Milieu der besser Gebildeten in den europäischen Gesellschaften weit über den Kreis der Neoliberalen hinaus. Der Individualismus hat gesiegt. Für die Rechten heißt dies, Ellbogen ausfahren und für den Konkurrenzkampf rüsten, für die Linken die Arbeit am ethischen Individuum, dessen moralischer Imperativ heißt, dass ich so verantwortungsbewusst und solidarisch handeln soll, dass ich am Ende des Tages in den Spiegel schauen kann. Felder dieses ethischen Handelns sind der Konsum fair gehandelter und ökologischer Produkte, die persönliche Fähigkeit zum Umgang mit unterschiedlichen Kulturen und Zivilcourage. Wirksam ist Bildungsarbeit in diesem Sinne dann, wenn möglichst viele Menschen diesen moralischen Imperativ verinnerlichen. In einer komplexen Welt ist es jedoch nicht einfach zu sagen, was moralisch richtig ist. Gibt es ein richtiges Leben im Falschen? Kann gut gemeint das Gegenteil von gut sein?

Individuum & Strukturen

Wirksame Bildungsarbeit muss Selbst- und Weltentwicklung anders zueinander in Beziehung setzen als durch das individualistische Verständnis einer Weltordnung basierend auf einer unsichtbaren Hand. Gefragt ist Bildungsarbeit, die befähigt, auch in widersprüchlichen Situationen richtig zu handeln. Europa ist ein Beispiel dafür, dass das individuelle Schicksal und die individuellen Handlungsoptionen durch die Geschichte geprägt werden. Jede Person ist Teil der Welt, und ihr Denken und Handeln ist durch die Strukturen ihrer Gesellschaft geprägt. Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert von Kriegen und Faschismus, und es war auch das Jahrhundert der Lehren aus eben diesen menschgemachten Tragödien. Wirksame Bildungsarbeit besteht heute darin, diese Lehren nicht dem kollektiven Vergessen anheim fallen zu lassen. So gilt es zu erinnern, dass es der liberale Glaube an den Markt als unsichtbare Hand war, der nach 1929 die größte Wirtschaftskrise des 20. Jahrhunderts verursachte und zum Aufstieg des Faschismus führte. Wirksame Bildungsarbeit geht über die Frage der individuellen Lebensführung hinaus und umfasst auch die Reflexion über Strukturen, die Gewalt, Armut und Ausbeutung fördern oder unterbinden.

Zu den weiteren Beiträgen dieser Artikelserie:

Reflexionen zur Wirksamkeit von Bildung I
Reflexionen zur Wirksamkeit von Bildung II
Reflexionen zur Wirksamkeit von Bildung III
Reflexionen zur Wirksamkeit von Bildung IV
Reflexionen zur Wirksamkeit von Bildung V
Reflexionen zur Wirksamkeit von Bildung VII

Veröffentlicht in Bildungsungerechtigkeit, Themen.