Der Trend der Ökonomisierung aller Lebensbereiche stellt entwicklungspolitische Bildungsarbeit vor verschiedenste Herausforderungen. Einer wird in diesem Artikel auf die Spur gegangen: der Frage nach der Wirksamkeit entwicklungspolitischer Bildungsprozesse und ihrer Messbarkeit.
„Ökonomisierung der Bildung“ als leitender Bildungsdiskurs
Während der letzten Jahre wird an Bildung immer mehr in einem ökonomistischen Sinne herangegangen. Solche Tendenzen werden meist unter dem Begriff „Ökonomisierung der Bildung“ zusammengefasst, der jedoch ein sehr unpräziser Ausdruck ist. Im Einleitungskapitel des vom Paulo Freire Zentrum und der Österreichischen HochschülerInnenschaft herausgegebenen Buches „Ökonomisierung der Bildung. Tendenzen, Strategien, Alternativen“ (2005) wird unter diesem Begriff die neoliberale Entwicklung verstanden, die den Markt zunehmend als Organisationsprinzip von Staat und Gesellschaft durchsetzt.
In diesem Sinne wird der Bildungsbereich immer mehr bestimmten Rationalitätskriterien im neoliberalen Sinne unterworfen. Der Kern dieser neoliberalen Rationalität besteht vor allem in einer Deregulierung im Sinne einer Flexibilisierung zur Senkung der Kosten der Produktion und einer höheren Anpassungsfähigkeit gesellschaftlicher Subsysteme demnach auch des Bildungssystems an das Prinzip der Kapitalverwertung.
Im Zuge dieser ökonomisierenden Tendenzen kommt es laut Luise Gubitzer zu drei Entwicklungen: Die erste beinhaltet eine Verbetriebswirtschaftlichung von Bildung, was zu einer Umwandlung von öffentlichen Bildungsinstitutionen in For Profit Unternehmen führt. Die zweite hat eine Kommerzialisierung von Bildung durch Selbstökonomisierung der Bildungsinstitutionen und der in diesem Bereich tätigen Personen zur Folge. Bildung wird demnach zu einer Ware, die sich jeder/jede gemäß seiner/ihrer Kaufkraft erwerben kann. Innerhalb dieser „Bildungsunternehmen“ agieren BildungsakteurInnen auch immer mehr als ManagerInnen ihrer Bildungsinstitutionen. Die dritte Entwicklung beinhaltet die Ökonomisierung des Bildungsauftrages. Damit ist unter anderem die steigende Konzentration von Bildung auf Ausbildung für die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt zu verstehen. Weiters fallen auch die Vereinheitlichungstendenzen im Rahmen des Bologna Prozesses unter diesen Punkt. Dabei sollen durch die Einführung des Bakkalaureat Master Ph.D Systems vergleichbare Kriterien und Methoden zur Evaluierung geschaffen werden. Das European Credit Transfer System (ECTS) stellt auch einen Schritt dar, durch den verschiedene Kurse vergleichbar werden.
Es wird nun deutlich, dass solchen Vereinheitlichungsmaßnahmen im Bildungsbereich wie Bologna oder das ECTS-System ein Verständnis von Messung von der Wirksamkeit von Bildung im Sinne quantitativer Daten zugrund liegt. Eine derartige Auffassung, dass die Wirksamkeit von Bildung in quantitativen Daten erfassbar ist, drückt sich auch in den PISA-Studien aus.
Ware Bildung oder „wahre“ Bildung?
Der kurze Einblick in die Tendenz der so genannten „Ökonomisierung der Bildung“ macht deutlich, dass Bildung immer mehr im Sinne einer „Selbstoptimierung von Humanressourcen“ angesehen wird, sprich Menschen sollen für den Arbeitsmarkt „fit“ gemacht werden. Dies soll derzeitigen Bildungssystemen jedoch nicht unterstellen, dass diese rein nur auf die Reduzierung von Bildung auf Ausbildung ausgerichtet sei. Eine Tendenz ist jedoch allemal zu erkennen. Es darf aber auch nicht geleugnet werden, dass es solche Ansätze der Bildung benötigt, um das derzeitige marktwirtschaftliche System mit seiner ausdifferenzierten Arbeitsteilung aufrecht zu erhalten. Weiters benötigen die innerhalb dieser Strukturen lebenden Menschen solche „Ausbildungen“, um ihren Lebensunterhalt verdienen zu können. Zugänge zu Bildung im Sinne von Ausbildung wirken zwar demnach System erhaltend, systemimmanent sind sie jedoch „überlebenswichtig“ sowohl für das bestehende System als auch für die darin lebenden Menschen.
Die vorherigen Ausführungen haben uns nun zum zentralen Punkt geführt und zwar zu der Frage nach der gesellschaftlichen Rolle von Bildung. Derzeitig leitende Bildungskonzepte haben eher eine Reproduktion bestehender Strukturen zur Folge, da sie Menschen primär auf den Arbeitsmarkt vorbereiten. Weiters verliert Bildung durch die angehende Kommerzialisierung seinen öffentlichen Charakter. Indem Bildung zu einer Ware wird, entsteht ein nach KäuferInnenschichten differenziertes Bildungsangebot. „Gute“ Bildung gibt es dann nur mehr für die, die sich eine solche leisten können.
Einem solchen Bildungszugang kann aber auch ein Bildungsbegriff im Sinne Gramscis und Freires entgegen gestellt werden. Dabei wird Bildung als ein Prozess der Selbstermächtigung gegenüber gesellschaftlichen Herrschaftsstrukturen angesehen. Neben dem Erwerb der Fähigkeit zum Schreiben und Lesen soll Bildung demnach Menschen ermächtigen, die sie umgebenden Strukturen und Machtverhältnisse zu erkennen und diese auch zum aktiven Handeln bewegen. Innerhalb entwicklungspolitischer Bildungsarbeit wird ein solcher Bildungszugang im Sinne eines Ermächtigungsprozesses verfolgt. Uneinigkeiten bestehen in Bezug auf die Frage, ob der „Auftrag“ von Bildung damit erfüllt sei, wenn Menschen dazu ermächtigt werden, gesellschaftliche Verhältnisse zu erkennen oder ob Bildung darüber hinausgehen und zur Entwicklung sozialer und politischer Bewegungen führen soll.
Herausforderungen für entwicklungspolitische Bildungsarbeit
Wie gerade ausgeführt, nimmt entwicklungspolitische Bildungsarbeit einen kritischen Standpunkt gegenüber bestehenden Machtstrukturen ein. Entwicklungspolitik ist jedoch genauso in bestehende politische und ökonomische Strukturen eingebettet und steht daher in einem ständigen Wechselverhältnis mit diesen. Entwicklungspolitische Bildungsarbeit findet sich demnach genauso innerhalb der Zwänge ökonomisierender Entwicklungen wieder. Das bedeutet, dass sich auch im entwicklungspolitischen Bereich die Frage nach der Messbarkeit von der Wirksamkeit von Bildungsarbeit im Rahmen von Projekt-Evaluierungen usw. stellt.
Da jedoch die Wirkungen entwicklungspolitischer Bildungsarbeit nicht so einfach innerhalb gängiger Mess-Methoden wie z.B. PISA fassbar sind, stellt sich die Frage nach alternativen Methoden der Messbarkeit der Wirksamkeit entwicklungspolitischer Bildungsarbeit.
Mit diesen Fragen befasste sich der Beirat des Paulo Freire Zentrums am 24. März 2010. In der folgenden Artikelreihe werden unter anderen Mitglieder des Beirats ihre Reflexionen und Vorschläge zur Frage der Messbarkeit der Wirkung von Bildung darlegen. Buchbesprechungen zum Thema ergänzen das Bild. Zu den weiteren Beiträgen:
Reflexionen zur Wirksamkeit von Bildung II
Reflexionen zur Wirksamkeit von Bildung III
Reflexionen zur Wirksamkeit von Bildung IV
Reflexionen zur Wirksamkeit von Bildung V
Reflexionen zur Wirksamkeit von Bildung VI
Reflexionen zur Wirksamkeit von Bildung VII
Die Autorin studiert Internationale Entwicklung und Politikwissenschaften und ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum.
Kommentare zum Artikel an redaktion@pfz.at.