Unsere Kindheit als vergessene Zeitdimension.

Unter dem Motto „Paulo Freire more than (n)ever?“ (dt.: mehr denn je) eröffnete Gerald Faschingeder (Paulo Freire Zentrum) die erste hybride Keynote (dt. Grundsatzrede) der Tagung „Hundert Jahre Paulo Freire“ in Salzburg: Der digitale Vortrag von Walter Omar Kohan ist weniger eine Einleitung, sondern eine philosophische Auseinandersetzung mit unseren Kindheitserfahrungen als Grundlage für Bildungsprozesse. Wie kann eine kindliche Perspektive zur Entwicklung einer befreienden Bildung der Frage im Sinne Paulo Freires beitragen?

Eine Liebeserklärung an unsere Kindheit.

Es ist unmöglich, Zeit zu bekommen, denn Zeit gehört niemandem. Genauso unmöglich ist es, Zeit zu geben, Zeit zu schenken. Und doch beinhaltet der Titel von Kohans Vortrags „More than (n)ever“ eine zeitliche Komponente. More than (n)ever – auf Deutsch „mehr denn je“. Das Wort „je“ ist ein Ausdruck der Zeit, nur aber welcher Zeit? Der Vergangenheit, dem Zukünftigen? Walter Kohan verweist darauf, dass die Menschen Zeit und damit auch das Leben chronologisch denken. Hier bringt er Paulo Freire ins Spiel, nach dem es möglich ist, in einer anderen Zeitsphäre zu denken: einer gegenwärtigen Zeit. Aion bedeutet nach dem griechischen Philosophen Heraklit „die Zeit des Kindes“ und beinhaltet im Gegensatz zur chronologischen Zeit nur das Präsente, das Gegenwärtige, erläutert Kohan. Chronos dagegen definiert Platon als das bewegte Bild der Gegenwart, welches sich in einem Raum von Zahlen im Sinne von Uhrzeiten bewegt. Deshalb sollten sich die Menschen laut Kohan mehr auf Aion einlassen und ihr zeitliches Denken verändern, konkret: die chronologische Zeit aufbrechen. Gemäß Paulo Freire ist diese Zeit der Kindheit eine Voraussetzung dafür, Menschen jeden Alters erziehen und ausbilden zu können. Dabei ist wichtig, dass es Freire in der Bildung eben nicht auf das „Erziehen“ ankommt, sondern auf das Hinterfragen und Zuhören. Kohan hebt hervor, dass für Freire Bildung eine Art ist, Aion zu erleben, was immer mit dem Erleben und Bewohnen der Gegenwart zu tun hat. Die kindliche Pädagogik der Frage kann also nur erlebt werden, wenn zeitlich nicht mehr chronologisch gedacht wird. Lehrende sollen eine Zeit anbieten, die nicht nur im chronologischen Zeitrahmen einer Institution vorgesehen ist, sondern Raum für die Erfahrung von Aion schaffen.

Gegen die Pädagogik der Antwort.

Menschen träumen von einer Welt, in der alles möglich ist, und in der Kindheit geht es um genau dieses Träumen. Chronologische Zeit verfliegt schnell. „Ich denke, es gibt keine Kreativität und keine geistige Entwicklung ohne Risiko“, sagt Freire in einem Interview aus dem Jahr 1985, das Kohan im Rahmen seines Vortrags zeigt. Freire betont darin, dass Bildung heutzutage eine Bildung der Antwort ist. Das sei genau das Gegenteil von dem, was sie sein sollte, nämlich eine Bildung der Frage. Nach Freire sollten Lehrpersonen Schüler*innen dabei unterstützen, politische Träume und Sehnsüchte zu entwickeln, sodass sie Träumer*innen einer Utopie werden. Diese utopische Bildung soll eine Alternative sein, welche die Lernenden dabei unterstützt, sich selbst zu befreien. Freires befreiende Pädagogik für eine bessere Zukunft kann nur funktionieren, wenn es Visionen davon gibt, wie eine Gesellschaft sein könnte – und eben diese kreativen Denkprozesse anzustoßen ist die Hauptaufgabe der Lehrenden. „Die Pädagogik der Antwort kastriert die notwendige Neugierde der Schüler*innen, die sich in der Frage ausdrücken müsste“, kritisiert Freire die Art und Weise, wie Unterricht heutzutage aufgebaut ist. Erst im Prozess des Hinterfragens bilde sich eine Neugierde heraus, die durch die Pädagogik der Antwort unterdrückt wird.

Vom Lernen, zu hinterfragen.

Im zweiten Teil der Keynote öffnete Faschingeder den Raum für die Diskussion. Eine Frage spielte auf die Pädagogik des Optimismus an: „Sind wir die richtigen Erwachsenen, um unsere Kinder zu belehren, wo wir doch so pessimistisch in Hinblick auf unsere Zukunft sind?“ Selbst wenn es Gründe und Anzeichen für eine negative Zukunft geben sollte, wäre dies einmal mehr Grund dafür, die Gegenwart zu hinterfragen und neu zu denken, antwortet Kohan. Er betont einen Optimismus des Hinterfragens. „Wer weiß schon, wie unsere Zukunft sein wird, wenn wir alle nur anfangen zu hinterfragen?“ appelliert Kohan an die Teilnehmenden. Kohan schließt seinen Vortrag mit dem Begriff der Präsenz, der in seiner lateinischen Wurzel drei Dimensionen beinhaltet: Präsens als Zeitbegriff, die aktive Handlung des präsent seins und das Geben eines Präsents (eines Geschenks). Die Gegenwart zu kritisieren öffnet also gleichzeitig die Möglichkeit, sie neu zu denken – und nicht nur fokussiert zu sein auf die Zukunft.

Walter Kohan hat die eingangs von ihm aufgeworfene Frage „Paulo Freire – mehr denn je?“ nicht abschließend beantwortet. Vielmehr hat er dazu angeregt, über die einzelnen Teile der Frage nachzudenken, über die Präsenz des Publikums und die Gegenwart, in der der Vortrag rezipiert wird. Vielleicht wurde die Frage auch nicht beantwortet, weil seine chronologische Zeit dazu nicht ausreichte. Oder aber er wollte, dass die Teilnehmenden über seinen Vortrag nachdenken und somit einen anregenden Start in die Tagung haben.

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Weiterführende Links:
Zur Tagung „100 Jahre Paulo Freire – Solidarität in der globalen Gesellschaft

Titelbild © Janina Böttger

Veröffentlicht in Paulo Freire, Bildungsungerechtigkeit.