Olivar Bendelak, Mitglied des Centro do Teatro do Oprimido in Rio de Janeiro, hielt von 29. – 31. Oktober 2010 einen Workshop zur Ästhetik der Unterdrückten in Porto, der von GAIAC (Grupo A I Artistico Cultural) organisiert wurde.
Der Titel des Workshops entspricht jenem des letzten Werks Augusto Boals, worin er sich näher mit der Ästhetik im Theater der Unterdrückten auseinandersetzt. Der aus dem Griechischen stammende Begriff Ästhetik bezeichnet die Wissenschaft vom sinnlich Wahrnehmbaren, von der sinnlichen Erkenntnis (Staffler 2009). Der Workshop ermöglichte einerseits unsere Wahrnehmungen und Emotionen zu erforschen und andererseits nonverbale künstlerische Ausdrucksmöglichkeiten dafür zu finden. Worte galt es deshalb zu vermeiden, weil sie die mächtigsten Symbolträger sind und bereits mit Bedeutungen gefüllt sind, die oft nicht unserer Wahrnehmung entsprechen, sondern aus Wirtschaft, Werbung und Politik stammen. Während das Herrschaftsinstrument Sprache also bereits symbolisch aufgeladen ist, wirken ästhetische Ausdrucksmöglichkeiten auf der emotionalen, unbewussten Ebene und können so tiefer gehende Erkenntnis bewirken.
Olivar Bendelak
Ästhetik als emotionale Brücke
Zu Beginn des Workshops wurden wir vom Brasilianer Bendelak angehalten, unsere Konzentration und Wahrnehmung zu fokussieren, unsere Fantasie anzuregen und unsere Körper zu entmechanisieren. Die Übungen des Theaters der Unterdrückten (TdU) folgten dem Vorsatz Boals, auf das zu schauen, was wir sehen; zu spüren, was wir berühren; und auf das zu horchen, was wir hören. Entsprechend sensibilisiert machten wir uns dann an die Gestaltung eines Forumtheaterstücks, wobei der Zugang zu dem gewählten Thema über verschiedene Kunstformen geschah. Es wurden zu den drei konkreten Forumtheatermomenten (Einführung, Höhepunkt/Krise und Niederlage) Skulpturen konstruiert, Bilder gezeichnet sowie musikalische und poetische Ausdrucksmöglichkeiten gewählt. Obwohl ich anfangs keine Vorstellung davon hatte, wie ich aus Alltagsgegenständen und Abfall eine Skulptur zu einer Szene formen sollte, gewann ich schnell großen Gefallen an dem Schaffen einer künstlerischen Installation und an den damit zusammenhängenden Überlegungen: Wie fühlt sich der/die ProtagonistIn? Was ist der wesentliche Konflikt? Und wie lassen sich diese Emotionen metaphorisch auf ästhetische Elemente übersetzen? Dieser emotionale Zugang vermochte bereits in der Vorbereitungsphase eine starke Identifizierung und Empathiebildung mit den Personen der Szene herzustellen.
Ästhetik der Unterdrückten oder Unterdrückung durch Ästhetik?
Wir betrachteten und analysierten dann gemeinsam die von uns kreierten ästhetischen Räume (siehe Foto). Es wurden viele Gemeinsamkeiten aber auch Unterschiede in der Wahrnehmung der Symbolik klar. Ohne besonders viel Aufschluss über den Inhalt der Forumtheaterszene zu geben, trafen die Skulpturen sehr gut die Emotionen der Handlung.
Im Anschluss wandelten wir die Installationen zu einer Kulisse für unsere Forumtheaterszenen um. Bendelak hatte genaue Vorstellungen davon, wie ästhetische Elemente angewandt werden sollten. Der hohe Anspruch kollidierte mit der künstlerischen Freiheit der TeilnehmerInnen, sodass sich ein Teilnehmer aufgrund der seinem Werk entgegengebrachten harten Kritik unterdrückt fühlte. Ist nach Boal nicht jedeR einE KünstlerIn? Oder ist es erst dann gute Kunst, wenn man sie nach gewissen Normen entwickelt, die ihre Effektivität bescheinigen? Für mich ist die große Stärke des TdU, dass es eben nicht an Zweck, Ziel und Effizienz orientiert ist, sondern primär versucht, eine Atmosphäre zu schaffen, indem sich die Menschen kennen lernen und entwickeln können und aus dieser Basis heraus etwas Gemeinsames schaffen. Die Veränderung passiert bereits während des Prozesses in unseren Köpfen und in unseren Handlungen, nicht erst bei der Aufführung des Endprodukts. Die zahlreichen Anweisungen und die zu Gunsten der Technik vernachlässigte Vertrauensarbeit, gepaart mit Zeitdruck, Sprachhindernissen und großen Gruppen führten zu einem etwas konfliktträchtigen Arbeitsprozess, der wohl einem gemeinsamen Schaffen im Sinne Boals nicht entsprach.
Kopflastige EuropäerInnen
Bendelak kritisierte berechtigterweise unsere Art, das Forumtheater zu proben, weil dies zu einem großen Teil durch Diskussionen geschah. Er forderte uns auf zu improvisieren und zu tun, anstatt alles verbal lösen zu wollen. Nach den Unterschieden im Praktizieren von TdU Workshops in Europa und Lateinamerika gefragt, meinte der Schüler Augusto Boals: Die EuropäerInnen seien zu verkopft und hätten Hemmungen, Initiativen und Aktionen zu setzen. Alles müsse vorher genau durchdacht und -besprochen werden. Vielleicht wäre die logische Konsequenz dieser Feststellung, dass wir die Fesseln unseres Denkens und damit unseres Handels erst sprengen müssen. Kunst braucht Kreativität, und Normen sind ihr natürlicher Feind.
Widersprüche
Der Workshop in Porto hat einmal mehr den Facettenreichtum des TdU und die damit einhergehenden Erwartungsdifferenzen und Widersprüche verdeutlicht. Widersprüche haben ein enormes Potential im negativen wie im positiven Sinne. Entscheidend ist, wie damit umgegangen wird. Der Anspruch eines Workshop-Leiters, möglichst viel von seinem Wissen weiterzugeben und somit das Produkt des Workshops zu verbessern, kollidiert nicht nur mit dem natürlichen Drang der TeilnehmerInnen nach Respekt und Gestaltung nach eigenen Vorstellungen, er kann diesen im schlimmsten Fall auch zerstören. Im pädagogischen Sinne Freires und Boals gilt der Gruppe und ihrem Wohlbefinden höchste Priorität, denn sie ist der Nährboden dessen, was entstehen kann. Das Theater der Unterdrückten soll m. E. in erster Linie den Raum und die Mittel für die kreative und kollektive Entfaltung bieten. Armin Staffler (2009) stellt dazu fest: Es geht bei der Ästhetik der Unterdrückten nicht darum, zu zeigen, wie es geht, sondern darum, bei der Entdeckung zu zeigen, dass es geht.
Staffler, Armin (2009): Augusto Boal. Einführung. Essen: Oldib Verlag.
Die Autorin ist Mitglied des online-Redaktionsteams des Freire Zentrums.
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