Freire und Boal: Die Pädagogik und das Theater der Unterdrückten

Paulo Freire und Augusto Boal haben um einiges mehr gemeinsam als ihre brasilianische Herkunft. Verknüpfungen und Parallelen sollen hier aufgezeigt werden.

Die beiden Brasilianer waren Weggefährten im privaten und beruflichen Leben, das sie dem politischen Kampf gegen Unterdrückung und Armut widmeten. Der Befreiungspädagoge Paulo Freire inspirierte den Theaterschaffenden Augusto Boal stark, was auch in der Namensgebung Theater der Unterdrückten (TdU) seinen Ausdruck findet. Beide betonen, dass es gilt, mit den Unterdrückten zu arbeiten, anstatt für sie.

Boal setzt Freires theoretische Arbeit über Unterdrückungsstrukturen und die Veränderung dieser in die Theaterpraxis um. Das TdU ist ein Mittel der Kommunikation und dient der Analyse und Reflexion von sozialen Problemen, sowie der Erarbeitung von Lösungsszenarien. Ein großer Vorteil dabei ist, dass es keine durch die Sozialisierung erlangten Voraussetzungen wie Bildung, Sprachkenntnisse, etc. erfordert, sondern von allen gesellschaftlichen Schichten jeden Alters verwendet werden kann.



Befreiendes Lernen mit allen Sinnen

Boal ergänzt Freires Theorie der verändernden Aktion mit der Erprobung der wirklichen Aktion (1). Das Schauspielen animiert die Vorstellungskraft, es visualisiert die Situation, ermöglicht ein tiefgehendes Einfühlen und fördert somit die Empathiefähigkeit. Die verschiedenen Übungen Boals regen zur Selbstreflexion sowie zur Reflexion der Gesellschaft an. Sie beeinflussen aber auch den Zusammenhalt in der Gruppe und aktivieren wesentliche Fähigkeiten und Werte, die in unserer leistungsorientierten und hierarchischen Gesellschaft verkümmern, wie die Wahrnehmung mit allen Sinnen, kreative Entfaltung, Gemeinschaft, Ausdruck und Vertrauen zu einem selbst und zu anderen.

Paulo Freire thematisiert die Kultur des Schweigens, die aber nicht nur auf das brasilianische Proletariat zutrifft. Gerade in unserer offenen und freien Gesellschaft ist eine verbreitete Apathie und Sprach- bzw. Ausdruckslosigkeit wahrnehmbar. Das TdU holt die Menschen aus ihrer strukturell angelernten Passivität und Konformität und regt zur Extrovertiertheit an. Der Sprung ins kalte Wasser, wie sich für viele Menschen das Schauspielen anfangs darstellt, stärkt letztendlich das Selbstbewusstsein und wirkt also rein dadurch schon ermächtigend. Denn es ermöglicht, sich auszuleben, innere Impulse wahrzunehmen und auszudrücken es befreit. Dass Entfaltung und kreatives Schaffen zufrieden machen, drückt Freire folgendermaßen aus: Menschen kommen nur in dem Maß zu ihrer Erfüllung, in dem sie ihre Welt (welche eine menschliche Welt ist) zu schaffen, und zwar mit ihrer verändernden Arbeit zu schaffen vermögen. (2) 

Die kreative Arbeit im Kollektiv macht Spaß und fördert kooperatives Verhalten. Die individuellen Verschiedenheiten der Menschen können als positiver Beitrag zum gemeinsamen Ganzen wahrgenommen werden, anstatt als Exklusionskriterien abgewertet zu werden, wie es in unserer Konkurrenzgesellschaft leider gängig ist. So werden durch die Theaterarbeit in der Gruppe Verhaltensweisen gelebt und somit gelernt, die eine solidarische Gesellschaft auszeichnen.



Bewusstwerdung

Im TdU sowie in der PdU ist die conscientização (auf dt.: Bewusstmachung, Bewusstseinsbildung, Bewusstwerdung) ein Schlüsselbegriff. Bewusstmachung der eigenen Situation ist der erste Schritt des Bildungsprozesses und die wesentliche Voraussetzung für die Ermächtigung und Befreiung aus Unterdrückungsverhältnissen, was wiederum die Grundlage für eine Gesellschaftsveränderung darstellt. Nach Paulo Freire ist die conscientização ein Lernvorgang, der nötig ist, um soziale, politische und wirtschaftliche Widersprüche zu begreifen und um Maßnahmen gegen die unterdrückerischen Verhältnisse der Wirklichkeit zu ergreifen. (1) Bewusstwerdung ist Befreiung und schließt somit für Freire gleichzeitig die Veränderung der Wirklichkeit mit ein. Augusto Boal fordert in Anlehnung an Marx: Schluss mit einem Theater, das die Realität nur interpretiert; es ist an der Zeit, sie zu verändern! (3) Er sieht den Prozess der Bewusstmachung als dynamisation, die Aktivierung des/der passiven Zuschauers/in, des/der Unterdrückten.

Theater als revolutionäre Praxis

Die wohl bekannteste Methode aus dem großen Repertoire Boals ist das Forumtheater. Dabei verschwimmt die von Freire stark kritisierte hierarchische Einteilung von Menschen in Passive und Aktive, also SchülerInnen und LehrerInnen in der Schule, oder eben ZuschauerInnen und SchauspielerInnen im Theater. Freire und Boal teilen die Sichtweise, dass niemand die absolute Wissensmacht haben kann, sondern dass jede/r etwas weiß und alle gemeinsam voneinander lernen können. Boals Theater wendet sehr effektiv Freires Konzept der generativen Themen an. Das heißt, die Menschen entscheiden selbst über das zu bearbeitende Thema entsprechend ihrer Lebens- bzw. Problemsituation.

Das Theater der Unterdrückten ist eine Methode, die Freires Verständnis von befreiender Bildung entspricht, da es vorrangig um Erkenntnisse geht und nicht um Informationsvermittlung. (Freire 1973:64). Beim aktiven Spielen einer Situation kann die Realität umfassender reflektiert und erkannt werden und eine Handlung in geschütztem Raum ausprobiert werden. Das TdU ist ein äußerst wirkungsvolles Werkzeug zur Ermächtigung, die ein wichtiger Schritt zur Befreiung aus Unterdrückungsverhältnissen ist (4). Boal meint, dass Theater zwar nicht in sich selbst revolutionär ist; mit Sicherheit jedoch ist es ‚Probe‘ zur Revolution.“ (5)

Die Autorin ist Mitglied des online-Redaktionsteams des Freire Zentrums.



Literatur:

(1) Thorau, Henry (1982): Augusto Boals Theater der Unterdrückten in Theorie und Praxis. Rheinfelden: Schäuble Verlag, S. 59

(2) Freire, Paulo (1973): Pädagogik der Unterdrückten. Bildung als Praxis der Freiheit. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, S. 123

(3) Neuroth, Simone (1994): Augusto Boals Theater der Unterdrückten in der pädagogischen Praxis. Weinheim: Deutscher Studien Verlag, S. 49

(4) Haug, Thomas (2005): Das spielt (k)eine Rolle! – Theater der Befreiung nach Augusto Boal als Empowerment-Werkzeug im Kontext von Selbsthilfe. Stuttgart: Ibidem.

(5) Boal, Augusto (1989): Theater der Unterdrückten. Übungen und Spiele für Schauspieler und Nicht-Schauspieler. Herausgegeben und aus dem Brasilianischen übersetzt von Martina Spinu und Henry Thorau. Frankfurt/Main: Suhrkamp, S. 43

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