Ermächtigung oder Einschränkung? Wie steht es um die Möglichkeiten und Grenzen freireanischen Arbeitens und Denkens in digitalen Lebenswelten? Das erste Panel der Tagung „100 Jahre Paulo Freire“ in Salzburg eröffnete eine kritische Perspektive auf gegenwärtige digitale Bedingungen.
Mit dabei waren Sozialwissenschaftler Danilo Streck aus Caxias do Sul, Medienkünstler Raphael Perret aus Zürich, Kommunikationswissenschaftler Robert Bichler aus Katmandu und Gerald Faschingeder, Direktor des Paulo Freire Zentrums.
Überwindung der Raum-Zeit Dimension.
„Menino connectivo“, ein Junge, der Verbindungen schafft. So bezeichnete sich Paulo Freire selbst. Digitale Kommunikation erlaubt uns diese Verbindungen um ein Vielfaches zu erweitern und über geographische Grenzen hinweg zu blicken. Die Raum-Zeit-Dimension wird überwunden, interkulturelle und partizipative Dialoge werden ermöglicht. Dank der digitalen Vernetzung konnten Robert Bichler und Danilo Streck am Panel teilnehmen, ohne tatsächlich vor Ort sein zu müssen. Die Moderatorin Ulli Vilsmaier, Vorsitzende des Beirats des Paulo Freire Zentrums, führte den Teilnehmer*innen jedoch vor Augen, dass sich Gesprächspausen in menschlichen Interaktionen radikal von digitaler Funkstille unterscheiden. Mit einem Klick kappte sie die Verbindung. Das Online-Meeting war pausiert. Was sollte dadurch verdeutlicht werden? Es scheint eine Anspielung auf die Situationsbedingtheit digitaler Sphären zu sein, mit allen damit verbundenen Möglichkeiten und Einschränkungen: Ein notwendiger Stromanschluss, technisches Equipment oder eine stabile Internetverbindung.
Neue Potentiale.
Laut Danilo Streck müssen technologische Entwicklungen immer im Zusammenhang mit der Unvollkommenheit des Menschen gesehen werden: „Wir haben das Internet entwickelt um auf Grund der limitierten Kapazitäten des menschlichen Gehirns Informationen zu speichern. Smartphones, um Kommunikation zu erleichtern und effizienter zu machen.“ Gerald Faschingeder betont, wie die Covid-19 Pandemie den Einfluss sowie die Nutzung digitaler Technologien deutlich verstärkte. Während Programme wie Zoom zuvor kaum bekannt waren, gehören sie nun zum Alltag von Millionen Menschen. Auch Raphael Perret geht auf die Potentiale neuer Technologien ein. Er zeigt anhand einer von ihm entwickelten App, wie durch Digitalisierung die Vermittlung von Wissen vereinfacht werden kann. Seine Suche nach physischem Abfall der Technologisierung brachte ihn nach Delhi, einer der vielen Orte, wo Elektroschrott recycelt wird. Ziel der App ist ein dialogischer Austausch zwischen den im Sektor angestellten Arbeiter*innen. Ausgangspunkt war dabei die Aufklärung über gefährliche Schadstoffe im Umgang mit Elektroschrott. Da die Alphabetisierungsrate unter den Arbeiter*innen gering ist, wird je nach Bedürfnis per Text, Foto, Video, Audio und auch Comics kommuniziert. Zudem kann der digitale Raum als ein Safespace (dt.: sicherer Raum) gesehen werden, der die Meinungsäußerung und Teilnahme an Dialogen erleichtert. Gleiches betont auch Danilo Streck in Bezug auf durch die Pandemie bedingtes Home-Schooling. Jedoch stehen dem ermächtigenden Austausch auch Abhängigkeiten und Ungleichheit schaffende Strukturen gegenüber.
Zentrum und Peripherie im digitalen Raum.
Ein weiteres Thema des Panels war daher die Frage nach der Vergleichbarkeit von virtueller und realer Welt. Dazu zieht Robert Bichler das Konzept von Zentrum – Peripherie heran. Die Turbo-Globalisierung habe zur Folge, dass sich diese Dichotomie auf verschiedenen Ebenen reproduziert. Während größere Städte meist als Zentren gelten, gehören deren Außenbezirke oft zur Peripherie. Beispielhaft erläutert Bichler, wie sein Alltag in Katmandu mit westlichen Standards vergleichbar ist, während sein Bekannter, der 30 Minuten außerhalb der Stadt wohnt, weder über fließendes Wasser noch Internetzugang verfügt. Zentren entstehen immer dort, wo Kapital vorhanden ist. Im virtuellen Raum wiederholt sich diese Dynamik. Die Orte sind hier Webseiten, Portale und Apps, wobei etwa Facebook, Gmail, Zoom, Airbnb als Zentren gelten. Diesen mächtigen Akteuren steht eine riesige Peripherie an kleineren Webangeboten gegenüber.
Verstärkte Ungleichheit durch Algorithmen.
Im Laufe der letzten Jahre haben Algorithmen an Bedeutung gewonnen – eine umfassende Automatisierung hat stattgefunden. Robert Bichler verweist in diesem Kontext auf Kontroll- und Machtsysteme, die damit einher gehen: „Im Gegensatz zum realen Raum, in dem es Menschen trotz Einschränkungen wie Zugangskontrollen oder Visa-Bestimmungen prinzipiell möglich ist, zwischen Peripherie und Zentrum zu wechseln, sorgen die Algorithmen im virtuellen Raum dafür, dass der Zugang gänzlich verwehrt bleiben kann.“ Außerdem wirken sich diese kontrollierenden Mechanismen der Veralgorithmisierung auch auf reale Lebensbereiche aus. So können Computerprogramme etwa entscheiden, ob eine Person Zugang zu Versicherungsleistungen, Gesundheitsversorgung oder bestimmten Arbeitsverhältnissen bekommt. Bestehende Ungleichheitsstrukturen können also reproduziert und verstärkt werden. Folglich fordert Bichler eine Humanisierung der Algorithmen. Dem schließt sich Gerald Faschingeder an und fragt nach der generellen Rolle von Menschen und dem Menschlichen in der digitalen Welt.
Digitalisierung als Spannungsfeld.
„Freireanisches Denken ist immer dialektisches Denken. Das heißt, ein Denken in Widersprüchen“, betont Gerald Faschingeder. So kann auch die Digitalisierung als Spannungsfeld gesehen werden, als dialektische Beziehung zwischen Aufbruch und Zusammenbruch, Hoffnung und Verzweiflung, Ermächtigung und Einschränkung. Denn obwohl dialogische Kommunikation in digitalen Räumen prinzipiell möglich ist, werden die damit verbundenen Potentiale meist durch die Macht der Algorithmen und aus der realen Welt bekannte Strukturen, wie dem Verhältnis zwischen Zentrum und Peripherie, stark eingeschränkt. Auch die Motive von Technologien müssen hinterfragt werden. Stehen Profitgedanken oder der Nutzen für die gesamte Gesellschaft im Vordergrund? Welche Rolle spielen Bewertungslogiken im digitalen Raum? Welche neuen Möglichkeiten der Manipulation ergeben sich durch soziale Medien? Wie steht es um neue Abhängigkeiten und Süchte? Und nicht zuletzt: Welche Entscheidungsräume bleiben und was können wir tun? Das Eröffnungspanel und die anschließende Diskussion haben eine Reihe von zentralen Fragen für den weiteren Verlauf der Tagung aufgeworfen.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Weiterführende Links:
Zur Tagung „100 Jahre Paulo Freire – Solidarität in der globalen Gesellschaft“
Titelbild © Theresa Hannl