Der soziale Ort Schule in der Krise.

Die Schulschließung aufgrund der COVID-19-Pandemie veränderte nicht nur den Unterricht an sich, sondern das gesamte System Schule. Im Rahmen eines einjährigen Forschungsseminars untersuchten Studierende der Internationalen Entwicklung die Bedeutung von Schule als sozialem Ort: Wie wirkte die Schulschließung auf sozial-emotionaler Ebene auf Jugendliche und welchen Stellenwert schreiben sie der Schule zu?

Schule als sozialer Ort.

Die Schulschließung wurde von den Schüler*innen einer vierten Klasse der Mittelschule Schopenhauerstraße sehr unterschiedlich wahrgenommen. Das Spektrum reichte von anfänglicher Begeisterung und Freude bis hin zu Traurigkeit, Einsamkeit, Vermissen, Langeweile, Überforderung sowie Stress. Auch Angst, Unzufriedenheit und Misstrauen sind Begriffe, die mit den Schulschließungen assoziiert wurden. Während sich einige Schüler*innen anfangs über vermeintliche ‚Corona-Ferien‘ freuten, verbreitete sich immer mehr Verunsicherung, je länger der erste Lockdown im Frühling 2020 andauerte. Die Jugendlichen fingen an, ihre Klassenkolleg*innen, die in den meisten Fällen auch den Freundeskreis bildeten, aber auch ihre Lehrer*innen, die sie als wichtige Bezugspersonen beschrieben, zu vermissen. Ein Gefühl von Einengung und Freiheitsberaubung machte sich bei den Jugendlichen breit. Diese extreme Kontaktreduzierung, die vor allem in diesem Alter eine große Rolle für die Identitätsstiftung und –entwicklung darstellt, schlug auf die mentale Gesundheit.

Die Bedeutung der Institution Schule für Jugendliche.

Die geäußerten Bedürfnisse der Jugendlichen waren sehr divers, gemeinsam war ihnen aber der Wunsch nach mehr sozialen Kontakten, nach Treffen mit Freund*innen und Lehrer*innen. Durch die Schulschließung wurde den Jugendlichen bewusst, wie wichtig die Institution Schule für sie ist. Viele Schüler*innen gaben an, dass sie nun den ‚Wert‘ der Schule, ihrer Peers, Peergroups und auch ihrer Lehrer*innen erkannten. Sie würden diese Personen nun mehr zu schätzen wissen, betonten viele Jugendliche. Außerdem erkannten die Schüler*innen, dass ein strukturierter Tagesablauf, die Ausübung von Hobbies oder andere Beschäftigungen wichtig sind, um der Langeweile keinen Platz zu geben und damit präventiv gegen Lustlosigkeit, Traurigkeit und Einsamkeit zu arbeiten. Auf die Bedürfnisse der Schülerinnen eingehend, sollten die Schulen im Falle zukünftiger Lockdowns idealerweise nicht geschlossen werden, sondern in einem Schichtbetrieb weiterlaufen, der ebenfalls eine extreme Ausdünnung im Schulgebäude bewirken könnte und die negativen sozialen wie auch emotionalen Auswirkungen auf die Schüler*innen wesentlich reduzieren würde.

Die Pros und Contras des Distance-Learning.

Durch die Schulschließungen wurde ein neues online Unterrichtskonzept entwickelt, das Distance-Learning (dt.: Lernen auf Distanz). Die Schüler*innen der Mittelschule Schopenhauerstraße fühlten sich damit in vielen Situationen überfordert. Zum einen sei die Menge der Hausübungen und Arbeitsaufträge enorm gestiegen, zum anderen berichteten die Jugendlichen von einem Gefühl fehlender oder reduzierter Unterstützung durch die Lehrpersonen, da diese im Vergleich zum Präsenzunterricht schwieriger erreichbar waren. Dieser Aspekt des Distance-Learnings scheint somit nur bedingt funktioniert zu haben. Vor allem in den Hauptfächern wie etwa Mathematik traten gröbere Probleme auf, da zumeist auch zu Hause wenig Hilfe bei schwierigen Aufgaben angeboten werden konnte. Jugendliche mussten dadurch kreativ werden und griffen unter anderem auf Gruppen-Onlinekonferenzen zurück. So versuchten die Schüler*innen oft ihre Hausübungen gemeinsam zu erledigen, was auch dazu diente, einen routinierten Alltag beizubehalten. Viele Aufträge erfolgten in Teamarbeit, wodurch einerseits der Zusammenhalt an Stärke und Bedeutung gewann und sich die Jugendlichen andererseits in ihren helfenden Rollen profilieren konnten. Dieser Aspekt der Krisenbewältigung kann einen positiven Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung und –bildung leisten.

Chancen der neuen Unterrichtsform des Gruppenunterrichts.

Nach der Schulschließung im Frühling entstanden hybride Unterrichtsformen, die unter anderem mit geteilten Schulklassen und Kleingruppen arbeiteten. Auch dies bedeutete für die Schüler*innen Veränderungen, die sie anfangs nicht guthießen. Die Gruppeneinteilungen wirkten naturgemäß häufig separierend, und freundschaftliche Verhältnisse wurden bei der Gruppenbildung nur sehr bedingt berücksichtigt. Zu einem späteren Zeitpunkt veränderte sich diese eher negative Ansicht, da die Schüler*innen einen klaren Vorteil in den kleinen Gruppen sehen konnten. Einige Jugendliche sprachen davon, sich unter diesen schulischen Rahmenbedingungen besser konzentrieren zu können, da der Lärmpegel geringer war und aufgrund der geringen Schüler*innenanzahl mehr auf Einzelne eingegangen werden konnte. Die Jugendlichen schienen somit in der Phase des zweiten Lockdowns entspannter gewesen zu sein, da die Situation nicht mehr ganz neu war und der Unterricht nicht mehr ausschließlich im Distance-Learning, sondern mit geteilten Klassen stattfand und damit zumindest ein Stück weit der Schulalltag und eine fixe Tagesstruktur zurückkehrte.

Die Schüler*innen bearbeiteten ihr Verhältnis zur Schule über mehrere Monate und Lockdowns hinweg mittels Foto- und Videoarbeit. Die Ergebnisse bestätigen, dass Schule mehr ist als das, was ihr der Lockdownbetrieb im Frühjahr 2020 zugestanden hat. Sie ist ein physischer Ort voller und umgeben von Räumen der Begegnung. Sie ist ein sozialer Ort, wo die Kinder und Jugendlichen außerfamiliäre Kontakte knüpfen und pflegen. Sie ist ein beziehungsweise das strukturierende Element in den Tagesabläufen der Kinder und Jugendlichen. Die Ergebnisse belegen aber auch, wie die Schüler*innen den Anforderungen der Krise mit verschiedensten Bewältigungs Strategien begegneten und wichtige Lernerfahrungen sammeln konnten.

Die Autor*innen Elisabeth Haller, Nicole Wyszecki, Stefanie Zauner und Sophie Deuer führten gemeinsam mit Schüler*innen aus der NMS Schop in Wien 18 zwischen Mai und November 2020 im Rahmen eines Forschungsseminars der Internationalen Entwicklung an der Uni Wien das Projekt durch, dessen Fazit Sie hier lesen. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Weiterführende Literatur:

Coelen, Thomas; Otto, Hans-Uwe (Hg.) (2008): Grundbegriffe Ganztagsbildung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Göppel, Rolf (2005): Das Jugendalter. Entwicklungsaufgaben – Entwicklungskrisen – Bewältigungsformen. Stuttgart: Kohlhammer Verlag.
Hofmann, Franz (2008): Persönlichkeitsstärkung und soziales Lernen im Unterricht.
Tröscher, Andreas; Koller, Andreas (2020): Lockdown: Die Schule wird zum Sehnsuchtsort.

 

Titelbild © Onnola, Schule, Flickr creative commons

Veröffentlicht in Paulo Freire, Bildungsungerechtigkeit.