
Eine Präsentation des Buches Augusto Boal. Einführung, in dem der Autor Armin Staffler seinen LeserInnen Einblicke in das durch Boal begründete Theater der Unterdrückten und in das Leben Augusto Boals gewährt.
Wenn wir hinter die Kulissen schauen, sehen wir Unterdrücker und Unterdrückte, in jeder Gesellschaft, in jedem Volk, bei den Geschlechtern, in jeder Klasse und Kaste. Wir sehen eine ungerechte, grausame Welt. Wir müssen eine andere erschaffen, denn wir wissen, dass eine andere Welt möglich ist (Augusto Boal zitiert nach Staffler 2009: 136).
Der brasilianische Theaterpädagoge, Regisseur und Autor Augusto Boal (geb. 1931, 2009) sah im Theater der Unterdrückten (TdU) eine Möglichkeit solche Veränderungen zu erreichen und stieß mit seinen Ideen nicht nur in Lateinamerika auf großes Interesse. Eine Vielzahl von AutorInnen in anderen Teilen der Welt auch im deutschsprachigen Raum widmete sich dem TdU. Das Übersetzen der jüngsten Originalliteratur Boals ins Deutsche wurde bislang jedoch vernachlässigt. Armin Staffler, Theaterpädagoge und Politologe, versucht mit Augusto Boal. Einführung nicht, diese Lücken zu füllen. Ziel seines Buches ist es vielmehr, auch unter Berücksichtigung der jüngeren Literatur Boals, sowie von Interviews und persönlichen Gesprächen mit Boal und anderen, seinen LeserInnen einen aktualisierten Zugang zum TdU zu ermöglichen. Sein Buch möchte Staffler daher als Hinführung zur Thematik verstanden haben und als Hilfe und Unterstützung für jene, die sich zukünftig näher mit dem TdU beschäftigen wollen.
Rahmen und Umfang
Das 148 Seiten starke Taschenbuch gliedert sich in fünf Kapitel und mehrere Unterkapitel. Während Kapitel eins und zwei der Einführung und dem Glossar vorbehalten sind, handelt Staffler den größten Teil des Inhalts in Kapitel drei und dessen zahlreichen Unterkapiteln ab. Hier werden die Grundlagen des TdU erläutert und durch prägende Hintergründe aus Boals Leben ergänzt. Der Autor zieht hier einen chronologischen Bogen: Beginnend mit dem historischen Entstehungskontext des TdU und Boals früher Kindheit und Jugend, bewegt sich Staffler über die philosophischen und pädagogischen Grundlagen hin zu Boals stärkeren Zuwendung zum Theater. Der Beschreibung des politischen Bodens, auf dem Boals Volkstheater gedieh, folgt eine Darstellung der konkreten Methoden und Techniken des Theaters. Den Abschluss des Kapitels bildet ein kurzer Ausflug zur aktuellen Situation des TdU. In Kapitel vier widmet sich der Autor in aller Kürze wieder der Person Augusto Boals und versucht anhand von Aussagen von und über Boal, ein etwas verfeinertes Bild des Brasilianers zu skizzieren. Das fünfte und letzte Kapitel beinhaltet ein kommentiertes Literaturverzeichnis, das als Wegweiser für weitere Vertiefungen genutzt werden kann.
Grundlagen des Theaters der Unterdrückten
Ziel Boals und seines Theaters, so Staffler, war die Befreiung der Unterdrückten. Das TdU lehne sich demnach nicht lediglich in seiner Namensgebung an Paulo Freires Pädagogik der Unterdrückten an. Menschen sollten durch das Theater darin unterstützt werden, sich selbst aus Unterdrückungssituationen zu befreien und von passiven ZuseherInnen zu aktiv handelnden Subjekten zu werden. Um das zu erreichen werde beim TdU die Trennung zwischen Bühne und Zuseherraum mithilfe verschiedener Methoden und Techniken aufgehoben, ZuseherInnen würden so selbst zu SchauspielerInnen. Die Bühne sei als zweite, andere Wirklichkeit zu verstehen, die neben der realen Welt bestünde. Im Theater aufgegriffene Inhalte sollten aus dem Leben der Menschen stammen und der theatrale Umgang mit diesen Situationen solle den Menschen dabei helfen, Handlungsmöglichkeiten zu erproben. Diese sollen anschließend in der realen Welt angewandt werden.
Eine verstaubte Antiquität?
Die Anfänge des TdU ortet Staffler etwa um die Mitte des 20. Jahrhunderts in Brasilien. Von der Repression der dort ab 1968 einsetzenden Militärdiktatur blieb auch Boals Theater nicht verschont. Im Exil in Argentinien und später in Peru entwickelte Boal seine Methoden weiter, durch Reisen und seine spätere Emigration nach Portugal brachte er das TdU auch über die Grenzen Lateinamerikas hinaus.
Bis heute, so zeigen Stafflers Ausführungen, hätte das TdU nichts von seiner Aktualität eingebüßt: Es würde in vielen Ländern von unzähligen Theatergruppen rund um den Globus praktiziert und weiterentwickelt. Der jeweilige historische Hintergrund hätte dabei großen Einfluss auf die tatsächlichen Formen und Orte des Einsatzes.
Ein guter Einstieg
Staffler liefert mit seinem Buch eine thematisch weit abgesteckte, interessante Einführung, in der er auch auf die Darstellung wichtiger Hintergrund- und Kontextinformationen nicht verzichtet. So schafft er es, seinen LeserInnen ein breites Bild des TdU zu vermitteln. Gleichzeitig gelingt es ihm zu verdeutlichen, dass das TdU nicht als ein in sich abgeschlossenes, statisches Modell angesehen werden kann, sondern sich aus lebendigen, wandelbaren Elementen zusammensetzt. Einen guten Einstieg in die Thematik bietet Staffler auch deshalb, weil er keine ungeklärten Fachbegriffe verwendet und diverse Hintergründe sofort erörtert. Aufgrund der Kürze des Buches wächst es aber nicht über seine einführende Funktion hinaus. Die kritische Auseinandersetzung des Autors bahnt sich leider nur selten ihren Weg durch die meist eher beschreibenden Darstellungen. An den wenigen Stellen, an denen Staffler seinen persönlichen Zugang und Kritikpunkte aber einfließen lässt, macht dies das TdU greifbarer und steuert einer Abstraktion des Themas ebenso entgegen, wie Stafflers gut verständlicher Schreibstil. Um die Aktualität und Relevanz des TdUs auch für den deutschsprachigen Raum (an dessen LeserInnen sich Staffler schließlich richtet) hervorzuheben, wäre ein genaueres Eingehen auf die heutige Rolle des TdUs in diesem Raum gewiss hilfreich gewesen. Ein solches Vorgehen hätte den angestrebten aktualisierten Zugang noch bereichern können.
Die Autorin ist Mitglied des online-Redaktionsteams des Freire Zentrums.
Staffler, Armin (2009): Augusto Boal. Einführung. Essen: Oldib Verlag.
ISBN: 978-3939556114
Seitenanzahl: 148 Seiten
Preis: 12,99