Gutes Leben für alle – ein Entwicklungsmodell für Europa?

Am 4. November 2013 fand im Bildungszentrum der Arbeiterkammer die Präsentation der aktuellen Ausgabe des Journals für Entwicklungspolitik (JEP) 3/2013 in Form einer Podiumsdiskussion statt. Der Abend bildete zugleich den Auftakt der vierteiligen Veranstaltungsreihe „Die Zukunft Europas: Kurswechsel für ein gutes Leben?“.Ziel des Schwerpunktheftes mit dem bezeichnenden Titel „Gutes Leben für alle – ein Entwicklungsmodell für Europa?“ ist es zu prüfen, ob sich Begriffe und Konzepte von Abhängigkeitstheorien, die im Globalen Süden entwickelt wurden, auf Europa anwenden lassen. Absichtlich wird Europa vor dieser Fragestellung etwas überspitzt als „Entwicklungsregion“ bezeichnet. Denn dass es etwas zu „entwickeln“ gibt – beispielsweise Strategien zur Veränderung des vorherrschenden Wachstumsdenkens – scheint offensichtlich. Wachstum allein führe noch lange nicht zu einem guten Leben – schon gar nicht für alle, darüber waren sich die DiskutantInnen einig. Andreas Novy (Schwerpunktredakteur dieses JEPs), Markus Matterbauer (Arbeiterkammer Wien) und Alexandra Strickner (Obfrau von Attac) diskutierten und gingen auf Publikumsmeldungen ein, die relevante Inputs und damit einen integralen Bestandteil der Veranstaltung ausmachten.

Lernen vom Beispiel Lateinamerika?

Auf die von Moderatorin Karin Fischer (Obfrau des Mattersburger Kreises) eingangs gestellte Frage, was denn für die DiskutantInnen persönlich ein gutes Leben ausmache, antworteten diese in ähnlicher Weise: So sei es für sie unter anderem wichtig, über genügend Zeit für FreundInnen und Familie zu verfügen, sozial abgesichert zu sein und Zugang zu qualitativ hochwertiger Nahrung und ebensolcher Bildung zu haben.

Von individueller auf kollektive Ebene ausgeweitet, könne sich Europa laut Novy am lateinamerikanischen Konzept des „Buen Vivir“ orientieren, das ein Leben des Menschen im Einklang mit der Natur anstrebt und sich ausdrücklich von der kapitalistischen Logik – einer Logik von wirtschaftlichem Wachstum und Wettbewerb – distanziert. Diese Bewegung zeige, dass Gesellschaft durchaus anders organisiert sein könne als neoliberal, meinte Novy. Die Kernorientierung im Neoliberalismus sei Exklusion – von Einzelnen, von Bevölkerungsgruppen, von Staaten und Weltregionen – die zwar offensichtlich zu einem guten Leben für wenige führe, einem guten Leben für alle aber diametral entgegen stehe. Ebendieses Thema der Inklusion und Exklusion sei auch in Österreich zentral. Und auch hier sei es uns bisher nicht geglückt, Fragen nach Ungleichverteilung befriedigend zu beantworten beziehungsweise die darin thematisierten Problematiken sogar aufzulösen.

Ebenso betonte Matterbauer, dass Vermögen, Einkommen, politischer Einfluss, Arbeit und Arbeitszeit dauerhaft umverteilt werden müssten. Mit einer derartigen Konzentration des Vermögens, wie es sie (nicht nur) in Europa gebe, sei ein gutes Leben für alle garantiert nicht möglich. Als Problem betrachtete er außerdem den Wettbewerb mit dem Rest der Welt, in dem sich Europa momentan befinde und sehe generell das Konzept des Wettbewerbs zwischen Staaten oder Weltregionen als sehr fragwürdige Praxis.

Produktion auf Kosten der Ökologie – ein rot-grünes Spannungsfeld

Strickner, die sich ebenfalls für eine gerechtere Verteilung von Rechten, finanziellen und materiellen Gütern aussprach, kritisierte insbesondere den enormen (westlichen) Ressourcen- und Energieverbrauch. Europäischer Wohlstand baue wesentlich auf der Ausbeutung anderer Weltregionen auf. Wenn es uns wirklich darum gehe, ein gutes Leben für alle zu verwirklichen, müssten wir unsere Konsum- und Produktionsart neu überdenken. Man dürfe die ökologische Krise nicht hintanstellen und müsse berücksichtigen, dass unser (hier als „rot“ bezeichneter) Produktivismus alles andere als „grün“ (sprich: ökologisch) und mit einem arbeitnehmerInnenorientierten Sozialstaat auf diese Weise nicht vereinbar sei. In Bezug auf ein gutes Leben für jede und jeden sei nur eine Abkehr vom kapitalistischen Produktionsmodell zukunftsfähig, was in weiterer Folge auch solidarische Mobilität für alle nahelege, die vorwiegend auf öffentlichem Verkehr beruhe. Ein Leben in Harmonie mit der Natur – eine Idee, für die auch im „Buen Vivir“ plädiert wird – sei essentiell. Dazu zähle eben auch lokale und regionale Güterproduktion.

Auch der im Publikum sitzende Joachim Becker, Professor an der Wirtschaftsuniversität Wien und Mit-Verfasser eines Artikels des aktuellen JEPs, merkte an, dass es nötig sei, mit momentanen Spannungsverhältnissen anders umzugehen. Es sei dringend angebracht, Wirtschaftsstrukturen, wie es sie beispielsweise in Deutschland und Österreich gibt, zu verändern. Des Weiteren sei die Notwendigkeit gegeben, wirtschaftliche und andere Strukturen in der Peripherie zu stärken, wobei eine Orientierung auf den Binnenmarkt vorteilhaft sei.

Ein relativ weiter Weg

Ähnlich wie Strickner sah Novy es als erstrebenswert an, bei gleichzeitiger Steigerung der Lebensqualität den ökologischen Fußabdruck zu reduzieren, was auch eine andere Produktionsweise als die jetzige impliziere. Für ihn sei unter Umständen auch ein bedingungsloses Grundeinkommen vorstellbar, wenn dieses dazu führe, eine soziale, ökologische Infrastruktur in Form von öffentlichem Verkehr, öffentlicher Bildung und öffentlichem Gesundheitssystem aus- respektive aufzubauen. „Wir müssen weg von einer alleinigen Bedürfnisbefriedigung über Waren und Konsum“, zeigte sich der Schwerpunktredakteur des präsentierten Journals für Entwicklungspolitik überzeugt.

Vor dem Hintergrund dieser Diskussion sieht es so aus, als ob wir uns an einer Weggabelung befinden. Weitergehen auf dem Weg des Neoliberalismus oder abbiegen auf den Weg zu einem guten Leben für alle, der also tatsächlich zu existieren scheint? Sinnvollerweise und langfristig gesehen kann nur Letzteres die Lösung sein. Ob und wie man auch die derzeit Mächtigen – Neoliberale und KapitalistInnen – davon überzeugen kann, bleibt allerdings offen.

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

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